Rebellische Studierende

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„Eine junge jüdische politische“ Stimme habe in Wien bisher gefehlt, meint die neue Leitung der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH).

Benjamin „Bini“ Guttmann (21), er studiert Jus und Politikwissenschaften, und Benjamin „Beni“ Hess (23), Jusstudent, sind seit Jänner das neue Präsidententeam der JÖH und stehen damit an der Spitze des sechsköpfigen Boards. Im kurzen Wahlkampf waren sie angetreten, um die JÖH, die in den vergangenen Jahren vor allem von internationalen Studierenden der Lauder Business School geführt worden war, wieder politischer zu machen. Vor allem aber suchten sie einen Ort, an dem sie sich auch als Studierende engagieren können.

„Als wir noch in der Schule waren, waren wir sehr aktiv“, sagt Guttmann. Er besuchte die Oberstufe der Zwi-Perez-Chajes-Schule, war als Jugendlicher im Shomer, leistete seinen Zivildienst im Jüdischen Museum Wien. Auch Hess ist ein Shomernik, nach der Matura an der American International School ging er nach Israel zur Tzava – dem Militärdienst. „Und als ich dann nach eineinhalb Jahren wieder nach Wien zurückgekommen bin, hat etwas gefehlt. Man hat sich zwar mit jüdischen Freunden getroffen, aber es gab da nicht eine Organisation, in der man sich gemeinsam engagieren konnte. Wir haben von unseren Eltern die ganze Zeit Geschichten gehört, wie es früher einmal war. Das hat sich supertoll angehört, und das wollten wir auch.“

Nun sind sie, wo sie hinwollten, die beiden Benjamins. Und sie haben viel vor. Mit einer Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus in den JÖH-Räumlichkeiten haben sie schon etwas vorgelegt. Mit Schabbat-Abenden und Partys wie etwa zu Purim kommt auch die Geselligkeit in der JÖH nicht zu kurz: „Das Soziale ist auch wichtig“, so Guttmann. Sie möchten die Räume in der Währinger Straße zu einem Open Space machen, in dem man sich in der Mittagspause treffen oder auch lernen kann. Dazu muss die Immobilie allerdings erst aufgemöbelt werden – doch die Finanzierung dafür ist noch nicht aufgestellt. Als wir einander zum Interview treffen, sind die Räume nicht einmal zugänglich: Der erste Schlüssel sperrt nicht, der zweite ebenfalls nicht, und bald ist klar: Hier wurde am Schloss manipuliert. Ob es sich um einen Einbruchsversuch oder einen antisemitischen Akt handelte, konnte bisher nicht eruiert werden.

Neben dem Sozialen ist die Vernetzung für die neue JÖH-Spitze ein zentrales Thema: in Wien unter den jüdischen Studierenden, aber auch international. Das Board der JÖH hat bereits an einer Konferenz der World Union of Jewish Students (WUJS) teilgenommen. International ein großes Thema: der Kampf gegen die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions). „Da sind wir natürlich solidarisch“, so Hess. In Wien spiele BDS allerdings so gut wie keine Rolle, betont Guttmann. Das habe auch damit zu tun, dass die HochschülerInnenschaft an der Uni Wien hier eine klare Position dagegen vertrete. Das sei in anderen Ländern nicht so. Als Beispiel nennt Guttmann England: Dort würden von Studierendenvertretern sogar Boykottaufrufe gegen Israel unterschrieben.

Ein Anliegen ist es ihnen aber vor allem, eine laute, junge jüdische politische Stimme zu sein. Und wer jung ist, rebelliert gerne. So betonen die beiden unisono, dass sie nicht mit allem, was die Führung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien tut, einverstanden sind und dass sie in Zukunft einer breiteren Öffentlichkeit durch entsprechende Statements zeigen wollen, „dass es in mancher Hinsicht progressivere Stimmen gibt, die eine konträre Meinung vertreten“, so Hess.

Gibt es da Beispiele?

Guttmann und Hess nennen die Position zu Flüchtlingen. „Die IKG hat die Stigmen gegen Flüchtlinge noch verschärft und dem Chor von der rechten Seite auch noch Argumente geliefert“, meint Hess. Guttmann ergänzt: „Und wenn Strache sagen kann, ‚schaut, die IKG sagt auch, die Flüchtlinge sind ein Problem‘, dann ist das Munition, die man nicht liefern muss.“ Und Hess weiter: „Wenn der Staat Israel es schafft, die Grenze zu Syrien aufzumachen und Menschen zu helfen – warum schaffen wir das nicht?“

Mit Muslimen will die neue JÖH-Führung mehr in Dialog treten. Dass es bei dem einen oder anderen Muslimen antisemitische Ressentiments gibt, ist ihnen bewusst. Eine rein konfrontative Schiene sei da aber keine Lösung. Nur das Gespräch und das gegenseitige Kennenlernen können helfen. „Uns ist bewusst, dass wir da wesentlich flexibler sind als die IKG-Führung. Wir können mit mehr Menschen und Gruppen in Kontakt treten, wo das die IKG vielleicht aus politischen oder anderen Gründen nicht tun kann“, meint Hess. Grenzen gebe es aber natürlich: „Mit den Grauen Wölfen würden wir uns nicht an einen Tisch setzen“, betont Guttmann.

Mehr Solidarität hätten sich Hess und Guttmann seitens der jüdischen Gemeinde in der kürzlich geführten Kopftuchdebatte erwartet, räumen aber ein: Hier sei zwar die Mehrheit des JÖH-Vorstands, aber nicht das gesamte Board ihrer Meinung. Guttmann: „Wir wären dafür gewesen zu sagen, dass ein Verbot von religiösen Kleidungsvorschriften nicht geht, da das Diskriminierung ist und auch auf uns zurückfällt. Als Minderheiten muss man zusammenstehen und Solidarität zeigen.“ Wenn eine Laizismusdebatte geführt worden wäre, „wäre das legitim gewesen. Aber der Punkt ist ja, dass das einfach eine offen rassistische Maßnahme ist“, so Guttmann. „Wir können nicht selektiv gegen Rassismus, der uns betrifft, auftreten und gegenüber dem anderen nicht“, sagt Hess.

„Dialog mit Nazis hat keinen Platz. Man muss sie blockieren und alles tun, um sie zu verhindern.“ Benjamin Guttmann

Klar abgrenzen wollen sich die jüdischen Studierendenvertreter auch weiterhin von rechten Antisemiten. Hier sehen sie auch keine Möglichkeit des Dialogs oder Gesprächs: Einen überzeugten Antisemiten könne man nicht vom Gegenteil überzeugen. „Und ich finde das auch nicht den richtigen Umgang. Dialog mit Nazis hat keinen Platz. Man muss sie blockieren und alles tun, um sie zu verhindern“, betont Guttmann. Die JÖH war daher auch Teil der Demonstration gegen den so genannten Akademikerball in der Hofburg. Die Straße sieht sie als Studierendenvertretung auch als einen jener Räume, wo man Flagge zeigen könne – vor allem wenn es um Rechtsextremismus geht.

„Es ist sehr leicht, die Diskussion auf muslimischen Antisemitismus zu beschränken“, so Hess. „Wir sagen ja auch nicht, dass es dieses Problem nicht gibt. Aber das, was uns unmittelbar betrifft, ist der rechte Antisemitismus.“ Unterschwellig ist diesem Hess am Juridikum begegnet. Guttmann hat so seine Erfahrungen beim Ausgehen und im Fußballstadion gemacht. Hier kennen sie keinen Pardon. Und würden sich wünschen, wenn das alle in der jüdischen Gemeinde so sähen. ▰

joeh.at


Bild: © Daniel Shaked

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