„Schweigen und sich verstecken ist schon einmal schlecht aus­gegangen“

Lotte Tobisch: Schauspielerin, Intellektuelle, Aktivistin. Die im März 1926 in Wien geborene Künstlerin setzt sich auch mit 92 Jahren noch ungebrochen für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und den Mut zum Widerstand, wo er gebraucht wird, ein. Ein Porträt zum Jubiläum.

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Lotte Tobisch. Vom „schwierigen“ Kind zur Grand Dame zwischen intellektuellem Diskurs und Opernball. ©Reinhard Engel

Das Herzstück ihrer Wohnung ist in den letzten 40 Jahren gleichgeblieben: Der große Ohrenfauteuil ist auf den ständig eingeschalteten Fernseher gerichtet. Die Bibliothek und die Kuriositätensammlung sind erwartungsgemäß angewachsen, denn Lotte Tobisch geht zwar mit der Zeit, aber ohne sich ihr gedankenlos anzupassen. Impulsiv ist nur ihr Temperament, und das unbeschadet ihrer unerheblichen 92 Jahre. Daher flattern die Einladungen zu Talk- und Kabarettsendungen – vornehmlich der jüngeren Generation – unaufhaltsam bei ihr ein. Schlagfertig, humorvoll und mit einer Prise Selbstironie belebt sie jedes Showformat. Diese authentische, gewinnende Außenwirkung blieb auch wahlwerbenden Politikern nicht verborgen.

Lotte Tobisch, die gebildete und belesene Frau, die treue Freundin, hat immer klare politische Positionen bezogen, sich aber nie von Parteipolitik vereinnahmen lassen. Warum unterstützte sie bei den letzten Nationalratswahlen die Neos? Warum geht sie in die Grissemann-Stermann-Show Willkommen Österreich? Nichts geschieht bei Tobisch unüberlegt. „Da werden einige wieder aufheulen und entsetzt sein, weil ich es mit Karl Marx sage: ‚Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen.‘ Ich wollte mit der Unterstützung der Neos signalisieren, dass ich weder eine Zweidrittelverfassungsmehrheit für Schwarz-Blau noch für Rot-Blau haben möchte. Außerdem wollte ich einmal für etwas sein, nicht nur gegen etwas!“

Auch die Frage nach der Seitenblicke-Präsenz ist schnell geklärt. „Ich tue alles, um auf mein Herzensprojekt Künstler helfen Künstlern aufmerksam zu machen, und dabei hilft mir die mediale Reichweite.“ Damit das Wohnheim für betagte Künstlerinnen und Künstler in Baden finanziell über die Runden kommt, organisiert Tobisch jährlich mehrere Benefizveranstaltungen. Diese beiden Wesenszüge, ein politisch wachsamer Geist zu sein und auf das solidarisch Mitmenschliche zu achten, sind die zwei bestimmenden Charakteristika im Leben dieser einzigartigen Persönlichkeit. Denn trotz adeliger Herkunft hat Lotte nie die Bodenhaftung verloren.

„Ich habe schon mit zwölf Jahren genau so viel und so wenig gewusst wie alle anderen Leute, wenn sie nur gewollt hätten.“
Lotte Tobisch

Väterfiguren. Ihre Mutter, Nora Krassl von Traissenegg, hatte sich bereits mit 15 Jahren in den jungen Architekten Karl Tobisch von Labotýn verliebt. 1926 kam Lotte zur Welt, und sie war erst sechs Jahre alt, als sich das Paar trennte. Das Faktum, dass sie so früh auf einen Vater verzichten musste, habe ihr ganzes Leben bestimmt: „Der geliebte Mann, Erhard Buschbeck, der später in meinem Leben die größte Rolle gespielt hat, war viel älter als ich, das hing ja alles zusammen.“ Kurze Zeit hatte sie dennoch einen Vaterersatz: Die Mutter heiratete 1934 den jüdischen Zuckerindustriellen Gustav Lederer. „Er war ein hinreißender Mann, aber dann kam das Jahr 1938, und alles war zu Ende. Um Lederer wenigstens teilweise den Besitz zu retten, haben sich die beiden scheiden lassen. Nach einer schrecklichen Odyssee über England und Australien konnte sich Lederer in die USA retten“, erzählt sie wehmütig. „Meine Mutter wollte wegen mir nicht mitgehen. Sie haben dann 1946 in Pieštany, in der Slowakei, wo Gustav Lederer auch eine Fabrik hatte, wieder geheiratet.“

Die gängigen Ausflüchte unter dem Motto „niemand hat etwas gewusst“ lässt sie nicht gelten: „Ich habe schon mit zwölf Jahren genau so viel und so wenig gewusst wie alle anderen Leute, wenn sie nur gewollt hätten. Gustl Lederers Bruder Heinrich wohnte mit uns im gleichen Haus, und dessen Sohn wurde von der Gestapo abgeholt, nicht einmal deportiert, sondern gleich in Wien totgeprügelt.“

Lotte Tobisch definiert sich selbst als schwieriges Kind, das vieles ständig hinterfragt hat und deshalb oft auch Schule wechseln musste. Einmal brachte sie ihre Mutter und die braven Nonnen vom Sacré Coeur zur Verzweiflung: „Als mein Schulheft nur so vor Klecksen strotzte, tadelte mich die Mère Supérieure: ‚Das liebe Jesulein wird sich kränken, wenn es deine schmutzigen Schulhefte sieht.‘ Darauf ich ziemlich keck: ‚Da kann man auch nichts machen.‘ Das war das Ende meiner Karriere dort“, lacht sie heute noch verschmitzt wie ein Schulmädchen.

„Man muss es ernsthaft machen, es muss klappen. Aber ernst nehmen dürfen S’ das nicht.“
Lotte Tobisch über den Opernball

Direkt aus der Schulbank heraus wurde sie dann kriegsverpflichtet und stanzte in einer Fabrik in Heiligenstadt Doserln für Medikamente. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits gegen den Willen der Eltern im Konservatorium Horak zum Studium angemeldet, denn sie wollte unbedingt Schauspielerin werden. Sie erhielt ein Stipendium für „überdurchschnittlich Talentierte“. Obwohl 1945 die gesamte Familie aus Angst vor den Russen nach Tirol ging, blieb Lotte in Wien und schlug sich alleine durch. „Ich habe mich u. a. auch von getrockneten Erbsen ernährt, die die Russen verschenkt haben. Die hat man über Nacht in Wasser eingeweicht, in der Früh sind die Würmer oben geschwommen. Die habe ich abgesiebt, die Erbsen gekocht und mit Salz gegessen. Das ging, weil ich nicht verwöhnt war.“

Den Wiener Opernball prägte
Lotte Tobisch unvergesslich
15 Jahre lang. © Reinhard Engel

Ihr Theaterdebüt erfolgte 1945 am Burgtheater im Ronacher, danach war sie mehrere Jahre als freischaffende Schauspielerin an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen sowie im Rundfunk und Fernsehen beschäftigt. 1960 kehrte sie als Ensemblemitglied an das Burgtheater zurück und hat in zahlreichen Rollen große Beliebtheit erlangt. Hervorragend war sie auch als Eva Braun in G. W. Pabsts Anti-Hitler-Film Der letzte Akt (1955) mit Albin Skoda und Oskar Werner. Viele Jahre gehörte Lotte Tobisch dem künstlerischen Betriebsrat des Burgtheaters an. „Mein Herz schlägt links, aber ich war nie eine Rote. Aber ich habe mich immer für Menschen eingesetzt, denen es nicht gut gegangen ist“, erklärt Tobisch ihren Einsatz. Von 1981 bis 1996 organisierte sie den Wiener Opernball auch mit einem Augenzwinkern: „Man muss es ernsthaft machen, es muss klappen. Aber ernst nehmen dürfen S’ das nicht.“

Ernst genommen hat sie hingegen schon im März 1965 die antifaschistische Demonstration gegen den antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz. „Ich habe von einem Befürworter des Professors das Transparent zu Boden gerissen. Am nächsten Tag schrieb der Wiener Express: ‚Lotte Tobisch wurde von einem farbentragenden Studenten mit der Transparentstange attackiert.‘ Ich kam blutend nach Hause, meine Mutter war entsetzt. Doch ich sagte ihr, das Schweigen und sich Verstecken ist schon einmal schlecht ausgegangen, das geht nicht mehr: Manchmal muss man eben vor die Türe gehen und sich hauen lassen.“

Liebe in und zu Israel. Zwei Jahre später, infolge des Sechstagekrieges, organisierte Tobisch mit zahlreichen Kolleginnen und Theaterschauspielern eine Israel-Matinée am Volkstheater. Den Erlös dieser Solidaritätsveranstaltung brachte sie eigenhändig zum damaligen israelischen Botschafter. Dieser hieß Michael Simon und wurde zur zweiten großen Liebe ihres Lebens. Nach seiner Pensionierung verbrachte er seinen Lebensabend mit Tobisch in Wien. Die Verbindung zu seinen Kindern und Enkelkindern ist nie abgebrochen, gegenseitige Besuche sind die Folge.

Hier in der verwinkelten Dachgeschoßwohnung am Wiener Opernring empfing die schöne und kluge Frau auch ihre intellektuellen Gesprächspartner, angefangen mit Gershom Scholem über Fritz Hochwälder und Carl Zuckmayer bis Elias Canetti. Hier entstand die intensive Korrespondenz mit Theodor W. Adorno (2003 im Literaturverlag Droschl erschienen), die 280 Briefe enthielt und von 1962 bis zum Tod des Philosophen 1969 anhielt.

Aber in dieser wenig gemütlichen Sitzgarnitur saßen auch Sarah Moskovits und Ruth Rabinovitch eng beisammen und versuchten Lottes Hund Fritzi dezent von Annäherungsversuchen abzubringen. Moskovits war Präsidentin der Freunde von ALYN in Österreich, einem Rehabilitationszentrum für körperlich und geistig behinderte jüdische und muslimische Kinder in Jerusalem. Tobisch war im Vorstand des Vereins und hatte auch Robert Jungbluth, den legendären Generalsekretär der Österreichischen Bundestheater, zur Mitarbeit motiviert. Hier lauschten sie alle Shlomo Chozner, dem Direktor des Kinderspitals, der auch vom weltberühmten Geiger Itzhak Perlman erzählte, der als Kind zu den hilfsbedürftigen Patienten gezählt hatte.

Das ist die wenig Seitenblicke-taugliche Seite von Lotte Tobisch. Wie geht es ihrer Liebe zu Israel heute? „Meine Liebe zu Israel ist ungebrochen. Sie geht sehr weit in meine Jugend zurück. Auch wenn man mich jetzt haut, sage ich, dass ich Netanjahu schrecklich finde. Aber auch er wird mich an meiner Liebe zu Israel nicht hindern!“

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