„Seinen ersten Computer baute er aus Blechdosen“

Bruno Bittmann war langjähriger Mitarbeiter und enge Vertrauensperson von Konrad Zuse, dem Entwickler des ersten funktionsfähigen Computers.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Wie hast du die Jahre des Zweiten Weltkriegs, der Sowjetunion und des jungen israelischen Staates erlebt?
Bruno Bittmann: Als ich 1928 in Czernowitz geboren wurde, lag die Stadt noch in Rumänien. 1939 kamen die Russen herein, 1940 dann die Deutschen und 1944 wieder die Russen. Das habe ich dort alles miterlebt. Da meine Eltern aus Polen waren und ihre Staatsbürgerschaft behalten hatten, waren wir als polnische Minderheit in Rumänien unter dem Schutz von Chile und der Schweiz. Dadurch konnten wir bis zuletzt im Ghetto bleiben und mussten nie ins KZ. Am Tag der deutschen Kapitulation 1945 bekamen wir die Ausreisegenehmigung aus der Sowjetunion, um nach Polen zurückzukehren. Wir sind aber nicht nach Polen, sondern nach Rumänien gefahren. Meine Eltern ließen sich in Bukarest nieder, und ich versuchte, alleine über die Grenze nach Ungarn zu flüchten. Dabei wurde ich aber erwischt. Zum Glück war ich noch nicht volljährig und musste nur drei Monate ins Militärgefängnis. Nach meiner Freilassung kehrte ich zu den Eltern zurück, 1948 durften wir offiziell nach Wien ausreisen. Dort schloss ich mich einer zionistischen Jugendorganisation an und arbeitete später auch eine Zeit lang als Traktorist.

»Jeder wusste, dass ich der einzige Jude in Bad Hersfeld war – und es war den Leuten völlig egal.«

Wie lerntest du Konrad Zuse kennen?
Nach einem Studium der Starkstromtechnik am TGM in Wien bewarb ich mich 1959 bei verschiedenen deutschen Firmen als Vertreter für Israel. Ich bekam um die vierzig Angebote und musste mich nur noch entscheiden. Da in Wien gerade eine Technikmesse stattfand, ging ich hin, um mir einen Überblick zu verschaffen. Am Stand der Zuse KG lernte ich Konrad Zuse kennen – bei dessen Firma ich mich gar nicht beworben hatte. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, und ich fragte, ob ich für ihn arbeiten könne. Nach einer dreimonatigen internen Fortbildung wurde ich Exportleiter der Zuse KG. Das war eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, aber Zuse meinte, da würde ich schon hineinwachsen.

Die Zusammenarbeit mit Zuse ging über viele Jahre. Wie wandelten sich in dieser Zeit deine Aufgabenbereiche?
Mein Ziel, den israelischen Markt zu erschließen, konnte ich nicht erreichen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf Osteuropa und öffnete Geschäftsbeziehungen mit Rumänien, Polen und der Tschechoslowakei. Gleichzeitig war ich international auf der Suche nach Innovationen, die wir übernehmen könnten.

Zum Beispiel?
Ich bekam Wind davon, dass in den USA soeben der erste Tischcomputer gebaut wurde. Zuse ließ mich nach Los Angeles fliegen, um den Erfinder, Max Palevsky, zu treffen. Ich sagte ihm, dass wir das Gerät als Eigenproduktion in Serie bringen wollten. Er war bereit, uns die Pläne und die Lizenz um 100.000 Dollar zu verkaufen – praktisch geschenkt. Zuse stimmte natürlich zu, aber seine Konstrukteure in Bad Hersfeld waren zu stolz, um einen Nachbau zu machen – sie wollten ihre eigenen Entwürfe umsetzen. Palevskys Erfindung wurde von Packard-Bell als PB-250 eingeführt und war ein großer Erfolg. Demgegenüber war unser Tischcomputer ein Flop, die Zuse KG ging pleite und musste 1964 an den Elektrotechnikkonzern Brown, Boveri & Cie. verkauft werden. Nach diesem Fiasko wollte ich mich selbstständig machen, Zuse überzeugte mich aber, mit ihm in der Firma zu bleiben. So blieb ich bis zur endgültigen Auflösung durch die Firma Siemens um 1971. Das war mein größter Fehler. Bei Siemens gab es damals noch viele Altnazis, die mich rasch hinausgemobbt haben.

Zuse hatte selbst in der Nazizeit Karriere gemacht.
Das stimmt nicht ganz. Seinen ersten Computer hat er noch im Alleingang in Handarbeit aus Blechdosen gebaut. Irgendwann wurden die Nazis auf diese Erfindung aufmerksam. Sie holten ihn nach Peenemünde, um dort den Computer zu bauen, mit dem sie ihre Raketen programmierten. Aber von sich aus war Zuse kein Nazi. Das wurde ja später ausgiebig geprüft, als er 1960 vom israelischen Handelsministerium eingeladen wurde.

Was bedeutete dein Judentum für Konrad Zuse?
Gar nichts. Dazu muss man sagen, dass ich in Bad Hersfeld, einer Stadt von damals 27.000 Einwohnern, der einzige Jude war. Jeder wusste es, und es war den Leuten vollkommen egal. Heute sieht die Sache in Deutschland schon wieder anders aus.

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