„Simon Wiesenthal ging es nicht um Emotionen, sondern um die Wahrheit“

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Béla Rásky und Éva Kovács, die Leiter des VWI, freuen sich über die neuen Räumlichkeiten und die anstehenden Herausforderungen – im Gespräch mit Marta S. Halpert.

WINA: Herr Dr. Rásky, Sie sind Historiker und seit 2010 Geschäftsführer des Wiesenthal Instituts. Haben Sie Simon Wiesenthal noch kennengelernt?

Béla Rásky: 1978, als umtriebiger Student, war ich einmal in seinem Büro in der Salztorgasse. Da erinnere ich mich an einen unwirschen Wiesenthal. Wir wollten seine Hilfe für einen ungarischen Oppositionellen, der hier um politisches Asyl angesucht hatte. Dieser meinte, Wiesenthal würde ihm sicher helfen, weil er jüdisch sei. Wiesenthal regte sich aber gerade darüber auf: „Nur weil er Jude ist, kommt er zu mir, was soll ich da tun?“ Wir sind hochkant hinausgeflogen. Aber dieser Eindruck, den ich damals von ihm gewonnen habe, hat sich hier komplett gewandelt: Wiesenthal ist mir so richtig ans Herz gewachsen.

„Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren ein lebendiges, offenes und international anerkanntes Spitzenforschungsinstitut sind.“
– Béla Rásky

Im öffentlichen Bewusstsein wird der Name Simon Wiesen­thals immer wieder mit dem von ihm ungeliebten Beinamen „Nazijäger“ verknüpft. Wie können Sie die Dimension seiner Arbeit darüber hinaus erklären?

BR: Genau in dem, was wir tun, erfüllen wir sein Vermächtnis. Wiesenthal war in diesem Sinne ein Visionär, denn er wusste, dass seine Arbeit wichtig ist und dass das auch so bleiben wird, solange Opfer und Täter leben. Wir Wissenschafter sagen, es gehört zum kulturellen Gedächtnis. Wiesenthal hat das auch als Nichtwissenschafter erkannt, insbesondere indem er dieses Institut forciert hat. Er hat das erträumt, sich mit anderen Wissenschaftern hingesetzt und ein Konzept erarbeitet, und deshalb können wir seine Ideen weitertragen. Sein Motto „Recht, nicht Rache“ ist einerseits ein Vermächtnis, aber gleichzeitig eröffnet das zusätzliche Dimensionen, die wir auch vorantreiben. Es ist schön, dass wir passend zu jedem Vortrag ein Zitat von ihm finden, das zum Thema passt. Zu einer Veranstaltung zum armenischen Genozid haben wir den Ausspruch gefunden: „Das ist so wichtig, wir müssen auch daran denken.“

Éva Kovács: Ich möchte ergänzen, warum er auch soziologisch gesehen „der einsame Nazijäger“ war. Das geschah deshalb, weil er keinerlei strukturelle Unterstützung erhielt. Es gab solche individuelle „Nazijäger“ in einigen anderen Ländern, und die mussten auch alle ganz allein und ungeschützt arbeiten. Wir hätten wahrscheinlich keine besondere Erinnerung an Wiesenthal, wenn die Gesellschaft bereit gewesen wäre, ihre Vergangenheit von sich aus zu bewältigen. Dann hätte man alles offengelegt und angesprochen. Er konnte deshalb zur kontroversen Persönlichkeit in der Geschichte werden, weil er ein Einzelkämpfer auf einem extrem unangenehmen Gebiet war. Und das, obwohl er gar nicht extrem war: Seine Dossiers, seine historische Arbeiten sind vollkommen emotionslos. Es ging Wiesenthal nicht um Emotion, es ging ihm um die Wahrheit.

Wird sein Archiv weiterhin als potenzieller Fundus für die Verfolgung von NS-Verbrechern genutzt?

BR: Das glaube ich eher nicht, dass das der Zweck ist. Natürlich kann das jeder einsehen, aber das Archiv Wiesenthals ist ein Wert an sich, den man zu lange unterschätzt hat: Natürlich gibt es die dokumentierten Fälle, aber zusätzlich gibt es sehr, sehr viel Korrespondenz, also Schätze, die noch zu heben sind. Die Fragestellung ist eine andere: Es geht nicht um die Verfolgung von Einzelnen, sondern darum, wie Wiesenthal gearbeitet hat, wie er das ohne irgendwelche Unterstützung aufgebaut hat. Wir freuen uns sehr, dass Kinga Frojimovics, die in Yad Vashem in Jerusalem und auch bei uns geforscht hat, jetzt im Rahmen eines Projekts die Korrespondenz Simon Wiesenthals inventarisieren, verschlagworten und für die Digitalisierung vorbereiten wird.

Was ist Ihrer Meinung nach die Botschaft Simon Wiesenthals für heute?

BR: Das steht als Motto über dem Museum: „Wenn man die Vergangenheit nicht aufarbeitet, öffnet man die Türe für eine Wiederholung.“ Die zentrale Botschaft lautet nicht, es kommt ein neuer Genozid, sondern dient als Aufforderung, jeder Diskriminierung vorzubeugen und respektvoll miteinander umzugehen.

Seit 2008 hat das VWI auf engstem Raum gearbeitet. Jetzt sind Sie in ein neues geräumiges Institut umgezogen, das die Dokumente Wiesenthals, schoahrelevante Teile des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde und noch etwa 14.000 Bände zum Thema beherbergt. Frau Dr. Kovács, Sie sind seit Oktober 2012 Forschungsleiterin am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien, das sich über drei thematische Säulen definiert. Welche sind diese?

EK: An erster Stelle steht die Holocaust-Forschung, die wir aufbauend auf den institutseigenen oder im Institut benutzbaren Beständen als VWI-Projekte durchführen und Publikationen dazu initiieren. Dabei möchten wir in Richtung Jewish Studies, also jüdische Geschichte der Neuzeit gehen, z. B. über das 18. und 20. Jahrhundert arbeiten. Dazu gehören die Themen Modernisierung der jüdischen Gemeinden, Koexistenz, Emanzipation und Staatsloyalität oder Assimilation. Das zweite zentrale Element der Forschungstätigkeit ist unser Fellowship-Programm, das sowohl inhaltlich-konzeptionell als auch durch die Auswahl der einzelnen Stipendiaten auf den Empfehlungen und Vorschlägen des internationalen wissenschaftlichen Beirats aufbaut. Derzeit arbeitet Research Fellow Irina Marin z. B. über „bäuerliche Gewalt und Antisemitismus im Dreiländereck Österreich-Ungarn, Russland und Rumänien, 1880–1914“ oder Mark Lewis über „eine Geschichte der Wiener Polizei. Kontinuitäten und Brüche, 1914–1945“. Hierbei ist der Kontakt zur freien Forschungsszene sowie der intensive und laufende Austausch mit anderen Einrichtungen äußert wichtig. Die dritten Säule der Tätigkeit des VWI ist die Vermittlung und damit verbunden die Erziehung zur Mündigkeit durch die Weitergabe von Wissen. Wissenschaftliche Vorträge und Veranstaltungen sollen ein möglichst breites Publikum für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus, Holocaust und Völkermord mittels der Präsentation wichtiger Forschungsergebnisse zu diesen Themen gewinnen.

Es gibt erstmals auch eine öffentlich zugängliche Ausstellung mit dem Titel „Die Zukunft des Erinnerns“, die über die Arbeit Simon Wiesenthals sowie die Geschichte des Instituts erzählt. Wie will das VWI das Interesse der Jugendlichen an dieser Thematik wecken?

BR: Ich teile diese Sorge bei der Jugend nicht, ich sehe das bei unseren jungen Fellows, wie sich eine ganze Generation mit der Thematik auseinandersetzt. Ich bin sehr optimistisch. Wenn wir das gut aufarbeiten, können wir die Jugend damit packen.

EK: Das Museum möchte – in der Kooperation mit dem Verein erinnern.at – bald ein edukatives Programm erstellen, das sich an Schulen richtet und auch Führungen im Museum ermöglicht. Beim zweiten Projekt geht es um Wiener Stadtgeschichte: Unser Forschungsteam hat an achtzig Standorten zum Beispiel in der Leopoldstadt, in Favoriten, Rudolfsheim-Fünfhaus, in der Lobau und in Floridsdorf die Geschichte ungarischer Zwangsarbeiter und geschundener Frauen und Kinder lokalisiert und dokumentiert. Ende 1944 wurden etwa 15.000 von Horthy-Ungarn als Jüdinnen und Juden diskriminierte Menschen als „Leihgabe“ des ungarischen Staates in das Deutsche Reich und somit auch in das heutige Österreich nach Wien deportiert. Hier wurden sie über die Gauarbeitsämter verschiedenen Firmen und Betrieben als ZwangsarbeiterInnen zugeteilt. Die Fahrten zu den einzelnen Stationen machen klar, wie sichtbar die Zwangsarbeiter waren, wie nah und unmittelbar sie inmitten der allgemeinen Bevölkerung vegetierten. Diese Erinnerungsorte zur lebendigen Stadtgeschichte möchten wir auf allen Ebenen verankern. Daher versorgen wir die Schulen, Bezirke mit Informationsmaterial. Ab September 2017 können wir diese „Reisen in die eigene Vergangenheit“ schon anbieten.

Herr Rásky, Sie erwähnten, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neben klassisch historischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust auch immer wieder mit anderen Genoziden wie beispielsweise jenem in Ruanda Mitte der 1990er-Jahre, mit Diskriminierung von Homosexuellen, den Roma und Fällen von Fremdenfeindlichkeit beschäftigen. Reduziert das nicht die Tragik und die Einmaligkeit des Holocaust?

BR: Solche alternativen Fragestellungen sind entscheidend, um sich weiterzuentwickeln. Es reduziert nicht die Tragik des Holocaust, wenn man sich gegenüber anderen Themen öffnet – das sagte schon Wiesenthal. Und zwar hat er das explizit in einem sehr schönen Brief an Eli Wiesel geschrieben: „Mindert es den Wert unseres Leidens, wenn wir uns auch mit dem Leid anderer auseinandersetzen? Ich betone immer wieder die Singularität der Schoah für die Juden. Aber trotzdem dürfen wir andere Opfer deshalb nicht ignorieren, wir müssen gemeinsam gegen Hass kämpfen.“ Das war Wiesenthals Credo.

EK: Es geht um Anerkennung und keinesfalls darum, einen Völkermord mit einem anderen zu relativieren.

Wie groß ist die Nachfrage nach Forschungsaufträgen?

EK: In diesem Jahr haben wir rund 90 Eingaben von Forschungsprojekten bekommen – und können leider nur acht annehmen. Die langfristigen Fellowships dauern elf Monate, aber wenn wir sehr gute Vorschläge bekommen und uns schwer entscheiden können, geben wir auch halbjährliche Fellowships. So kamen wir letztes Jahr auf insgesamt zwölf.

BR: Um das alles finanzieren zu können, bewerben wir uns auch laufend um Drittmittel, immer wieder auch bei EU-Projekten oder jetzt bei der schwedischen Reichsbank. Wir sind ein kleines Team, und die Anträge erfordern einen großen Zeitaufwand.

Herr Rásky, Sie haben bei der Eröffnung des Instituts Ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass „dieses Haus immer wieder Signale setzen möge, und zwar gegen Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, Homophobie, Islamophobie und gegen jede Form von Hass gegen Minderheiten“. Auch zu Flüchtlingen und Obergrenze haben Sie Stellung bezogen. Waren Sie selbst Flüchtling?

BR: Nein, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Aber ich bin ein Nachkomme von Flüchtlingen, und deshalb war es mir wichtig, ein Versprechen abzugeben, und das lautet: „Dieses Haus wird niemals irgendwelche Obergrenzen anerkennen, wenn es um den Schutz von Gedemütigten, Entrechteten und Verfolgten sowie der Wiederherstellung ihrer Würde geht.“

Was möchten Sie, dass man in fünf Jahren über das Wiesenthal-Institut sagt?

BR: Genau das, was Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny bei der Eröffnung gesagt hat: dass wir DAS führende Holocaust-Forschungsinstitut Europas sein sollen. Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren ein lebendiges, offenes und international anerkanntes Spitzenforschungsinstitut sind, das ist mein Plan.

Béla Rásky
begann nach dem Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien, an zahlreichen zeithistorischen Projekten und Ausstellungen mitzuarbeiten. Er betreute u. a. die Nachlässe von Felix Hurdes, Emmerich Czermak und Christian Broda, untersuchte die Haltung der österreichischen Nationalräte zum Nationalsozialismus und übersetzte zahlreiche historische Werke aus dem Ungarischen, u. a. István Bibós Zur Judenfrage. Bis 2003 Leiter des Austrian Science and Research Liaison Office Budapest, danach freiberuflich und im Wien Museum tätig.

Éva Kovács
absolvierte ihr Studium der Ökonomie und Soziologie an den Wirtschaftsuniversitäten Pécs und Budapest, PhD. 1994, Habilitation 2009. Seit Oktober 2012 Forschungsleiterin am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Außerdem ist sie Leiterin des Lehrstuhls für Methodologie und Forschungsgeschichte im Institut für Soziologie an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest. Ihre Forschungsfelder sind Geschichte des Holocaust in Osteuropa, Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, jüdische Identität in Ungarn und der Slowakei. Sie hat fünf Monografien verfasst, acht Bücher herausgegeben und publizierte zahlreiche Artikel.

Bild: © Reinhard Engel

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