Taxi Bitte!

Mit jeder Autotür öffnet sich eine kleine Welt.

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© flash 90

In den vier Jahren, in denen ich bereits in Israel lebe, habe ich viele verschiedene Taxifahrer-Typen erlebt. Da gibt es zum einen die, die immer gut aufgelegt sind. Sie suchen das Gespräch und möchten deine aktive Beteiligung. Dann gibt es die Genervten oder, wie man in Wien sagen würde, die Grantler, die mit den Augen rollen, wenn sie die Destination nicht kennen, und am liebsten ihre Ruhe beim Fahren haben. Oft gesehen ist auch der Angeber. Er mag laute Musik aus dem Radio, fährt einen teuren Wagen und poliert regelmäßig sein Armaturenbrett. Und dann gibt es da noch die Politiker oder Besserwisser, die zu allem eine Meinung haben und sie auch bei keiner Fahrt verschweigen.

Dadurch, dass es am Wochenende wegen Schabbat keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, fahre ich oft mit dem Taxi. Und seit es die Handy-Apps GetTaxi und Uber gibt, noch viel öfter. Das Handy ortet dich und schickt dir einen Taxifahrer, der in deiner Nähe ist. Der Vorteil dabei ist, dass man bereits Details über seinen Taxifahrer weiß, wie z. B. seinen Namen. Manchmal verrät einem die App sogar, dass dein Fahrer Geburtstag hat oder was sein Lieblingshobby ist.

Nach dem Small Talk und der obligatorischen Frage, woher ich komme, gibt es zwei Arten von Reaktionen. Es gibt diejenigen, die sich freuen, wenn man ihnen sagt, dass man hierher gezogen ist. Sie machen einem Komplimente für den Mut und für das Beherrschen der Sprache. Und dann gibt es diejenigen, denen eine Frage brennend auf der Zunge liegt: „Warum hast du dir das angetan?“ Denn wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie sofort auswandern.

Manchmal verrät einem die App sogar,
dass dein Fahrer Geburtstag hat
oder was sein Lieblingshobby ist.

98 Prozent meiner bisherigen Taxifahrten waren mit männlichen Taxifahrern. Die Fahrten mir Fahrerinnen kann ich an einer Hand abzählen. Mzia, eine dreifache Mutter Mitte 40 aus Netanja mit georgischen Wurzeln, war meine erste Fahrerin. Sie hatte eine stattliche Figur, blond gefärbte Haare und gepflegte Fingernägel. Es war drei Uhr morgens, als ich auf meinen Wagen Richtung Flughafen wartete. Mzias Taxi stand bereits mit geöffnetem Kofferraum vor meiner Haustüre. Sie war topfit für ihre Nachtschicht und bereit, mir den Koffer abzunehmen. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir, dass ihr Mann momentan arbeitsunfähig ist und sie seitdem Alleinverdienerin ist. „Mittlerweile habe ich meine Routine. Zuerst lege ich die Kinder schlafen, und dann fängt die Arbeit an. Für jede Nachtschicht muss ich kämpfen, denn das Taxiunternehmen ist nicht begeistert davon, dass ich als Frau in der Nacht fahre.“ Kurz bevor wir ankamen, teilte sie mit mir auch ihr Rezept für Chatschapuri, ein überbackenes Käsebrot, eine Spezialität der georgischen Küche.

Meine letzte Taxifahrt hatte ich mit Filippos, einem jungen Griechen. Er erzählte mir, dass er seit zehn Jahren hier lebt und aus Thessaloniki kommt. Seine Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als er zwei Jahre alt war, danach kam er ins Waisenhaus. „Es ging mir gut im Waisenhaus, doch als ich zehn Jahre alt war, kam eine Adoptionswelle, und auf einmal waren alle meine Freunde weg.“ Er konnte sich nicht erklären, warum er keine Familie fand. „‚Warum will mich niemand haben?‘, habe ich die Heimarbeiter gefragt.“ Sie sagten ihm, sie vermuten, weil er Jude ist, so ist es in seiner Geburtsurkunde vermerkt. „Ich hatte damals keine Ahnung, was ein Jude ist.“ Filippos begann sich für seine jüdischen Wurzeln zu interessieren und kam zum lokalen Chabad-Rabbiner. Sie haben ihn herzlich aufgenommen und für ihn sogar eine Bar-Mitzwa-Feier organisiert. Bis zu seinem 18. Lebensjahr war er im Waisenhaus, danach beschloss er, nach Israel auszuwandern. „Ich fühle mich hier zuhause. Hier habe ich endlich meine Familie gefunden.“

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