Tscholent mit Schinken

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Eine Zeitreise durch ungarische Verhältnisse: Gábor Némeths autobiografischer Roman Bist du Jude? Von Anita Pollak

Dass er am Tag der so genannten „Schweigedemonstration“ geboren wurde, am 23. November 1956, ist für den ungarischen Autor Gábor Németh mehr als symbolisch. Das Schweigen, das Verschweigen bestimmte seine Kindheit, sein Aufwachsen in Budapest mitten im Kommunismus gleich in mehrfacher Weise. Da wurde geflüstert, da gab es Geheimnisse, da verstummten die Eltern, die Großeltern plötzlich, da wurden vielsagende Blicke gewechselt, aber keine Worte. Eines war überhaupt tabu, es kam einfach nicht vor im familiären Wortschatz, es war das Unwort schlechthin: Jude.

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Es kann doch nur etwas Fürchterliches sein, das so verschwiegen werden muss. Eine Art Erbsünde, an der die Eltern unschuldig sind. 

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Eher zufällig sieht der Bub während eines Ferienlagers einen Film über den Holocaust, sieht Leichen, Leichenberge und hört zum ersten Mal das Wort. „Die Stimme sprach dieses Wort so aus, als würde sie damit nicht nur die Leichen benennen, sondern zugleich, mit demselben Wort, auch den Grund, den Grund für die Verfahrensweise, die ihnen da zuteil wurde. Sie sagte, sie seien Juden. [… ]Juden, das heißt so viel, dass man so etwas mit ihnen machen kann.“

Allein bleibt das Kind mit diesem Erlebnis, allein bleibt es mit seinen Ängsten, seiner Scham. Denn es kann doch nur etwas Fürchterliches sein, das so verschwiegen werden muss. Eine Art Erbsünde, an der die Eltern unschuldig sind, mutmaßt das Kind. Und es fantasiert sich andere Identitäten herbei, will Holländer sein wie seine Verwandten, später, schon als Erwachsener, Spanier, Italiener, alles andere lieber, nur kein ungarischer Jude, nein, auch kein Ungar. Vielleicht, weil man in Ungarn so schwer ein Jude sein kann, weil man in Ungarn so viel verschweigen musste, verschweigen muss.

So sein wie die anderen, das möchte jedes Kind

Doch früh lernt Gábor, dass er nicht so ist, nicht so sein kann wie die anderen. Im kommunistischen System ist der Anpassungsdruck groß, in der Schule, im Ferienlager, beim Militär. Und die Eltern wollen besonders gute Kommunisten sein. Großvater soll die kommunistische Partei ja gegründet haben, so einer der Familienmythen. Da geht dann natürlich Jude sein schon gar nicht. Erst langsam merkt der Junge, dass er von Juden umgeben zu sein scheint, dass die Knödel der Großmutter Matzeknödel sind und die „Polnischen Eier“ der Mutter eigentlich „Jüdische Eier“ – und „das Tscholent essen wir mit Schinken“.

Aber da gab es noch viele andere Tabus, Geheimnisse von Staats wegen, es gab die Guten und die Bösen, Revolutionäre und Konterrevolutionäre, Fragen ohne Antworten, Lügen. Und das Jahr 1956. „Langsam komme ich dahinter, dass das Geheimnis daraus besteht, dass es das gab. Dass es ’56 überhaupt gab.“

Langsam kommt er dahinter. Németh lässt uns teilhaben an diesem langsamen Prozess. Von heute aus blickt er auf gestern, auf vorgestern, auf das Kind, das er gewesen, bis hin zum Kleinkind im Gitterbett, das von einer Hornisse gestochen wird. Der erste Schmerz, das erste Trauma. Ganz am Ende wird es wieder ein Schmerz sein, an den er sich erinnert.

Eine Geschichte der Traumata, kindlicher Leiden in und an einer unverständlichen, unverständigen Erwachsenenwelt ist dieses von der Literatin Terézia Mora wundervoll einfühlsam übersetzte Buch, das sich Roman nennt, aber wohl eine Autobiografie ist. Auch wenn der Autor im Gespräch selbst versichert, gar kein Jude zu sein. „Jude“, das sei für ihn eine Metapher für „ein Gefühl des Andersseins, für Einsamkeit, für Erniedrigte und Beleidigte“.

„Man hat vielleicht eine Art von Zensor im Kopf.“

Bei der von WINA veranstalteten Präsentation seines Romans im Theater SPIELRAUM nahm Gábor Németh im Voraus-Gespräch zur aktuellen politischen Lage in Ungarn Stellung. Interview: Anita Pollak

wina: Ihr Autorenkollege Péter Nádas hat kürzlich in einem Standard-Interview über das Anwachsen des Antisemitismus und der Feindseligkeit gegenüber Intellektuellen in Ungarn gesagt: „Ich würde nicht zwischen Bürgern mit jüdischer oder nichtjüdischer Abstammung unterscheiden. Das ist ein Problemkomplex, in dem Hass und Antisemitismus eine gewisse Rolle spielen. Richtig dramatisch ist die Situation für Roma.“ Teilen Sie diese Einschätzung?

Gábor Németh: Ich glaube, die meisten Menschen unterscheiden nicht zwischen Juden und Nichtjuden. Die starke rechtsradikale Bewegung in Ungarn ist ein Phänomen eines besonderen sozialen Problems. Ein ernstes Problem ist, dass sie die Regeln der Sprache gebrochen hat. Jetzt kann man öffentlich „hate speech“ verwenden. Früher wurde der ungarische Antisemitismus innerhalb der eigenen vier Wände gehalten. Alles beginnt mit Worten, mit der Sprache. Für einige sind die Juden eben der Sündenbock für vieles. Das Roma-Problem ist noch ernster, weil sie ja Menschen auf den Straßen töten.

wina: Der 80-jährige ungarische Schriftsteller Ákos Kertész hat sich um sein Leben gefürchtet. Er hat Ungarn verlassen und in Kanada um politisches Asyl angesucht. Glauben Sie, dass er damit übertrieben hat?

GN: Wenn sich auch nur ein Mensch bedroht fühlt, haben wir ein ernstes Problem. Ich kann gegen die Gefühle eines Menschen nichts sagen. Er hat sehr harte Sätze gegen Ungarn geschrieben. Ich habe davon aus den Medien erfahren, die öffentliche Meinung dazu war sehr unterschiedlich. Die Rechte hat ihm vorgeworfen, dass er seine Heimat verlassen hat. Ich glaube nicht, dass er bald zurückkehren wird.

wina: Ákos Kertész hat Ungarn unter anderem vorgeworfen, die Verantwortung für seine Rolle im Holocaust nicht übernommen zu haben. Ist diese Haltung nicht Teil des Verschweigens und Schweigens, das Sie ja in ihrem Buch auch thematisieren?

GN: Die Ungarn haben sicherlich ihre diesbezüglichen Hausaufgaben nicht gemacht. Der gegenwärtige Antisemitismus ist eine der Folgen dieser Haltung. 
[quote]„Ich finde es heutzutage überhaupt schwierig, über Ungarn zu sprechen, weil Ungarn in Europa ein schwarzes Schaf geworden ist, auf das man alles Negative projiziert.“ Gábor Németh [/quote]

wina: Als Publizist sind Sie auf die Medien zur Veröffentlichung angewiesen. Haben Sie da Schwierigkeiten beziehungsweise gibt es eine Art von Zensur?

GN: Es gibt keine Zensur, aber man hat vielleicht eine Art von kleinem Zensor im Kopf. Es ist jedenfalls hart, es gibt jedoch auch kleinere unabhängige Medien. Ich finde es aber heutzutage überhaupt schwierig, über Ungarn zu sprechen, weil Ungarn in Europa ein schwarzes Schaf geworden ist, auf das man alles Negative projiziert.

wina: In Ihrem Buch erzählen Sie von einem heimlichen, verschwiegenen Judentum im Ungarn der 60er- und 70er- Jahre. Warum haben Sie als Kind gemeint, Jude zu sein?

GN: Ich habe mit sieben Jahren einen Film über Konzentrationslager gesehen und von da an geglaubt, Jude zu sein. Später hielten mich Juden oft für einen Juden. Ich weiß also, wie man sich als Jude fühlt, weil ich ja lange selbst dachte, dass ich einer wäre.

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