Über Toy und Tudo Bom

Es könnte gut sein, dass Netta Barzilai bei der Eurovision 2018 Erfolg haben wird. Die 25-Jährige liegt jedenfalls im Trend.

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Israelische Power-Frau mit Power-Stimme: Netta Barzilai wird beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Lissabon ihren Song Toy präsentieren. © ESC/Netta Barzila

Israel gehört zu den Ländern, in denen die Eurovision immer noch eine Art Ehrenplatz hat. Die Sehnsucht nach der Bewertung „Douze Points“ hat sicherlich mit Nostalgie zu tun – seit 1973 ist man in diesem Verbund schließlich schon dabei –, aber auch mit Zugehörigkeit zu Europa und dem Wunsch nach Akzeptanz. Bisher hat Israel den Wettbewerb drei Mal gewonnen: 1977, 1978 und 1998. Beim letzten Mal lagen zwanzig Jahre dazwischen. Es wäre also wieder einmal an der Zeit.
Um es vorneweg zu sagen: Wir haben bei uns zuhause bei der Endauswahl nicht für Netta Barzilai gestimmt, aber das lag wohl auch mit daran, dass der andere Favorit, Jonathan Margi (der schließlich auf dem zweiten Platz landete), in die Schule unserer Jüngsten geht. Da muss man schon zusammenhalten. Aber im Nachhinein ist Netta Barzilai sicherlich die bessere und originellere Wahl.
Das Video von Toy kennen mittlerweile die meisten ja bestimmt schon. In digitalen Zeiten muss keiner mehr bis zum Finale der Eurovision warten, um sich die Beiträge erstmals zu sehen – einschließlich der arabischen Welt. Dort wird man zwar nicht mit abstimmen, auch war das Interesse bisher eher gering an dem Wettbewerb, aber der Song von Netta Barzilai scheint dennoch eine Ader getroffen zu haben.
Das israelische Außenministerium hat ihn auf seiner arabischen Facebook-Seite (mit 1,5 Millionen Followers) gepostet und innerhalb von fünf Tagen 6,3 Millionen Zuschauer gezählt. Es gab auch jede Menge direkte Reaktionen. „Das ist nicht meine Art von Musik, aber das Lied hat alles, was es braucht, um ein internationaler Hit zu werden“, schrieb Abu Majd aus Saudi-Arabien. Ahmed, der im irakischen Innenministerium arbeitet, wünschte Netta viel Glück. Das wiederum veranlasste den gleichnamigen Ägypter (Ahmed) zu schreiben: „Du bist ein Muslime, aber deine Gefühle sind jüdisch. Du hast den Namen Ahmed nicht verdient.“
Besonders wohlgesonnen waren die Reaktionen aus Marokko. „Mir gefällt’s. Viel Glück Mädchen, Marokko ist mir dir“, wünschte Hamad. „Ich bin verliebt in das Lied“, begeisterte sich Olaya. Und einer ihrer Landsmänner schlug Netta ein gemeinsames Clip mit zwei marokkanischen Musikern vor.

»Das ist nicht meine Art von Musik, aber
das Lied hat alles, was es braucht,
um ein internationaler Hit zu werden«,
schrieb Abu Majd aus Saudi-Arabien.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich gerade Frauen aus dem Nahen Osten zu Wort meldeten, die nur einen geringen Anteil der Facebook-Followers des israelischen Außenministeriums ausmachen. Erklärt wird das mit dem Outfit, Schmuck und Makeup der 25-jährigen Sängerin, vor allem auch ihrer Botschaft. „Bei dem Lied geht es um das Erwachen weiblicher Macht und sozialer Gerechtigkeit“, sagt die 25-jährige Netta selbst. Ihre persönliche Message: „Du musst nicht dem normalen Standardmodell entsprechen, wie eine Frau aussehen, denken, reden und kreieren sollte, um erfolgreich zu sein.“ Das klingt gut.
Vielleicht ist es sogar ein neuer Trend. Denn ganz ähnliche Stimmen konnte man auch auf der jüngsten Fashion-Woche in Tel Aviv vernehmen. Sie fand bereits zum fünften Mal statt und zog die Interessierten in die Veranstaltungsräume in der Tachana, dem renovierten alten Bahnhof. Neben etablierten Celebritys wie Dorin Frankfurt oder Gideon und Karen Oberson durften vor allem auch Jungdesigner ihre Schöpfungen zeigen. Dabei gab es viel Wohlfühlmode in Natur- und Mittelmeerfarben sowie jede Menge Asymmetrisches zu sehen. Der Veranstalter, Motty Reif, betonte den Abschied von den standardisierten Schönheitsidealen: Zum ersten Mal sehe man in diesem Jahr „hier in Tel Aviv und überall auf der Welt bei den Shows Models aller Altersgruppen, aller Größen, Hautfarben und Religionen“. Er ist sich sicher, dass man sich am Beginn einer neuen Wende befinde.

»Bei dem Lied geht es um das Erwachen weiblicher Macht und sozialer Gerechtigkeit.
Du musst nicht dem normalen Standardmodell entsprechen, wie eine Frau aussehen, denken,
reden und kreieren sollte, um
erfolgreich zu sein.«
Netta Barzilai

Musik und Mode gehen bei dem ebenfalls aufstrebenden Sängerduo Static ve Ben El längst Hand in Hand. Beide gehörten der Fernsehjury an, die mit den Zuschauern über den Kandidaten für die Eurovision entschied. Ihre schrillen Hemden und Halstücher stachen stets heraus. Beide sind seit letztem Sommer einheimische Superstars. Ihren Hit auf Portugiesisch, Tudo Bom (Alles in Ordnung), kennt jedes Kind in Israel – und in Brasilien. Dort machte der prominente Blogger Felipe Neto, dem 12 Millionen folgen, für das Clip Werbung, nachdem er es zufällig entdeckte hatte.
Das Lied ist eine Mischung aus brasilianischem Funk, Samba und orientalischer Musik. Dass es auf Portugiesisch aufgenommen wurde, ist kein Zufall. Static (in Wirklichkeit Liraz Russo) wurde als Baby adoptiert und wuchs in Haifa auf. Er geht davon aus, dass er möglicherweise in Brasilien zur Welt kam. Sein Partner Ben El ist der Sohn des prominenten Sängers Shimi Tavori. Inzwischen haben sie nochmals Schlagzeilen gemacht. Ihr brandneuer Vertrag mit dem amerikanischen Produktionsgiganten Capitol Records sieht in den nächsten zehn Jahren sieben Alben auf Englisch vor.
Und: Static ve Ben El waren natürlich für Netta Barzilai.

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