Überraschendes Äthiopien

Eine Zeitreise im Land der Königin von Saba und ihrer Nachkommen, den jüdischen Falashen.

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Auf König Salomo und die Königin von Saba und deren Sohn Menelik führen die „Falashen“ (Ausgewanderte) ihre jüdische Abstammung zurück. © Konrad Holzer

„Fifty, chamischim!“, ruft Promise und hält uns ein kleines Medaillon mit Davidstern aus schwarzem Ton entgegen, und als wir weitergehen wollen, „Okay, arbaim, fourty“. Außerdem hat das kleine Mädchen noch einen tönernen Löwen von Juda im Angebot und eine winzige Schatulle, die sie öffnet: „Da drinnen liegen König Salomo und die Königin von Saba im Bett“, erklärt sie auf Englisch. Von diesem Paar werden wir auf unserer Reise durch Äthiopien noch öfter hören. Wahrscheinlich heißt die vife Kleine gar nicht Promise, sondern hat ihren amharischen Namen für die Touristen übersetzt, „Promise, you remember!“ Viele kommen hier ja nicht vorbei, und wenn, dann sind es meist Israelis. Von ihnen hat die Neunjährige ihr hebräisches Vokabular gelernt, das sie stolz auspackt.

Falasha Village. Zurückgeblieben ist ihre „Synagoge“, mit gestampftem Lehmboden und mit Davidsternen verziert, sowie ein Friedhof im Eukalyptus-Wald. © Konrad Holzer

Falasha Village. Wir befinden uns in Wolleka, ein „Falasha Village“, wie ein Hinweisschild an der Straße verkündet. Die ehemaligen Bewohner, die Falashen, haben es allerdings längst verlassen. Zurückgeblieben ist ihre „Synagoge“, eine kleine, dunkle Rundhütte mit gestampftem Lehmboden und mit Davidsternen verziert, die uns ein alter Mann mit Schlüsselgewalt gegen einige Münzen aufsperrt. Da gibt es doch noch einen Friedhof, weiß unser Guide Abebe, doch den Weg dorthin kennt er nicht. Da nimmt mich Promise an der Hand und führt uns über Stock und Stein sicher zu den Gräbern hinter einer

© Konrad Holzer

Mauer im Eukalyptus-Wald. Bis in die 80er-Jahren wurde hier beerdigt, dann haben sich die Letzten aus dem Dorf nach Israel aufgemacht. Dass viele von ihnen ihr Gelobtes Land nicht erreichten, sondern auf dem gefährlichen Weg dorthin im Sudan starben, darin erinnert am Friedhof eine Tafel. Gut erhalten, fast gepflegt wirken die Grabsteine im Vergleich zu den ärmlichen Behausungen, die die Falashen gemeinsam mit ihrer Handwerkskunst ihren christlichen Nachfolgern überließen. Da sie als Juden seit Jahrhunderten kein Land erwerben durften, wurden sie Töpfer, Schmiede und Gerber und hüteten ihr Knowhow bis zu ihrem Auszug als einziges Kapital.

Ihr Jahrhunderte langes Schicksal als Verfolgte, Ausgegrenzte und Stigmatisierte haben die äthiopischen Juden mit ihren Glaubensgenossen weltweit gemeinsam, und doch müssen die „Beta Israel“, wie sie sich selbst nennen, ihr uraltes Judentum immer wieder beweisen. „Amtlich“ anerkannt wurde es vom Rabbinat in Israel Mitte der 70er-Jahre, und erst danach konnte der Großteil von ihnen in den spektakulären Rückholaktionen „Moses“ und später „Salomo“ nach Israel ausgeflogen werden.

8.000 sollen es insgesamt noch sein,
aber viele von ihnen gelten für Israel
halachisch nicht als Juden.

Auf König Salomo und die Königin von Saba und deren Sohn Menelik führen die „Falashen“, was „Ausgewanderte“ im Sinn von „Migranten“ bedeutet – schließlich wollen sie ja vor Jahrtausenden aus Israel ausgewandert sein –, ihre jüdische Abstammung zurück. Dieser legendären Liebesgeschichte begegnet man auf einer Äthiopien-Reise ebenso oft wie Davidsternen als Dekor in uralten Kirchen und Palästen. In der Kathedrale von Axum befindet sich angeblich die Heilige Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote. Sie soll von Menelik gemeinsam mit seinem israelitischen Gefolge nach dessen Besuch bei Vater Salomo von Jerusalem nach Axum gebracht worden sein. Sehen kann sie allerdings niemand. Nicht einmal der letzte Kaiser Haile Selassie, seines Zeichens König von Juda, soll Zutritt zu diesem allerhöchsten Heiligtum Äthiopiens gehabt haben.

Abebe, unser kundiger Guide, ein orthodoxer Christ, weist immer wieder leidenschaftlich auf die gemeinsamen Wurzeln der Völker und ihrer Gebräuche hin, die in der Tat erstaunlich sind. So essen äthiopische Christen kein Schweinefleisch, ebenso wenig Säugetiere, die nicht Wiederkäuer und Paarhufer sind, es wird geschächtet, und der Schabbat gilt neben dem Sonntag als heilig.

© Konrad Holzer

Hatikva in Gondar. Es ist ein Wochentag, als wir nach kurzem Security-Check beim Eingang von einem Hof aus in eine offene Wellblechhalle schauen. Was wir da sehen, können wir fast nicht glauben. Hunderte weißgekleidete Frauen sitzen da eng aneinander auf schmalen Bänken. Als sie uns bemerken, rücken sie sofort zusammen und machen Platz für die fremden Besucher.

Hier in der blau-weiß gestrichenen Synagoge Zaloth Beth in der alten Königsstadt Gondar ist gerade Nachmittagsgottesdienst. Aus dem abgeteilten Raum für Männer hört man die starke Stimme des Vorbeters. Die Frauen beten mit, schaukeln ihre Kinder im Singsang, erheben sich von Zeit zu Zeit und singen abschließend gemeinsam Am Israel chaj, das Volk Israel lebt, und darauf die Hatikva, deren Text auch auf Amharisch über dem Thoraschrein zu lesen ist.

„Ja, es ist täglich so voll und zwar zweimal“, erklärt Gashaw Abiviti. Einen Rabbiner gibt es hier nicht, und so hat er, der aus einer jüdischen Familie vom Land kommt, beten gelernt und betreut jetzt als Vorbeter die ziemlich große Gemeinde „Hatikva“, „Hoffnung“.

An die 5.000 sind noch da, schätzt er, und alle wollen sie nach Israel. Schabbat und Feiertage halten sie streng ein, und sie essen kein Fleisch, weil nicht koscher geschlachtet werden kann. Auf seine Einladung hin begleiten wir den jungen Mann nach Hause. Nur wenige Schritte vom Bethaus entfernt, führt er uns in eine fensterlose Lehmhütte, erhellt nur durch das Licht aus der offenen Tür. Am Boden des einzigen Raums sitzen seine Frau und sein kleiner Sohn neben einer Kochstelle. Die Hütte, eine unter mehreren gleichartigen, ist nur gemietet, erzählt Gashaw, dem Eigentümer gehört das einzige gemauerte Haus an der Straße. Neben seinem „Job“ in der Synagoge macht der 31-Jährige eine Ausbildung als Krankenpfleger „für Israel“, und hofft, wie alle hier, auf die Ausreise. „Donations“, Spenden, so sagt er, halten ihn und auch viele andere wohl mehr schlecht als recht am Leben.

Auf den Spuren der Falashen. WINA-
Autorin Anita Pollak. © Konrad Holzer

Falafel in Addis Abeba. Yitzak Mola ist einer aus Gondar, der es geschafft hat, in Israel und auch in Äthiopien. Als Zweijähriger ist er mit seinen Eltern nach Israel gekommen, hat sich dort als politischer Aktivist gegen die Diskriminierung seiner äthiopischen Landsleute eingesetzt und in Jerusalem kochen gelernt. Daheim ist er in beiden Ländern und Sprachen, und so konnte er vor wenigen Jahren in der Hauptstadt Addis Abeba, im nobleren Viertel Bole, sein israelisches Lokal „Molis“ eröffnen, mit Schnitzel, Humus, Falafel und Shakshuka.

„Ich wollte Arbeitsplätze für äthiopische Juden schaffen“, und zwar hier wie dort. Stolz zeigt er uns ein Video über ihn und seine Gastronomie aus dem israelischen Fernsehen. In Addis engagiert er sich mittlerweile aktiv für die Alija der Falashen. 8.000 sollen es insgesamt noch sein, aber viele von ihnen gelten für Israel halachisch nicht als Juden. Offiziell ist die Auswanderung daher seit 2013 abgeschlossen.

Touristen sind noch eher selten in diesem wunderbaren, ursprünglichen Land, dessen Erkundung einer Zeitreise nahekommt. Wie Menschen als Hirten und Bauern vor Jahrhunderten gelebt und gearbeitet haben, hier erlebt man es live. Trifft man auf der kulturell interessantesten Route durch den Norden des Landes Gruppenreisende, so sind es besonders an den jüdischen Hotspots meist Israelis. Vielleicht sollten sich aber auch Politiker vor Ort überzeugen: Das Volk Israel lebt auch noch in Äthiopien. 


INFO:
Agentur: Grand Holidays Ethiopia Travel in Addis Ababa. goettlicher.alex@grandholidays­ethiopia.com
Guide Abebe Abiye: historicabyssinia@gmail.com

 

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