Verlorene und geborgene Schätze des Wiener Kinos

Mit seinem neuen Film Kino Wien Film hat Paul Rosdy seine ganz persönliche Liebeserklärung an die zahllosen vergessenen und wenigen erhaltenen Wiener Kinos realisiert. Im Gespräch mit Angela Heide erzählt der Regisseur, zu dessen Werken auch die Dokumentationen Zuflucht in Shanghai (1998) und Der letzte Jude von Drohobytsch (2011) gehören, über seine langjährigen aufwändigen Recherchen und eine Reihe jener, für ihn wichtigen Menschen, die ihn auf dem langen Weg zur Realisation begleitet haben.

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© Paul Rosdy Film, 2018

WINA: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zur Geschichte der Wiener Kinos einen Film zu machen?
Paul Rosdy: Den Gedanken, einen Film über Wiener Kinos zu machen, habe ich schon lange mit mir herumgetragen. Man trägt ja oft sehr lange Ideen mit sich herum, aber es braucht meistens einen zündenden Funken, wie man so einen Film dann wirklich gestalten will. Und dann habe ich 2011 das Filmporträt des damals fast 90-jährigen letzten Schoah-Überlebenden der westukrainischen Kleinstadt Drohobytsch, Alfred Schreyer, herausgebracht, Der letzte Jude von Drohobytsch. Drohobytsch war ein Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gewesen und noch bis in die Zwischenkriegszeit eine Art „Öleldorado“. Ich hatte Alfred Schreyer über meine Frau, die ebenfalls aus Drohobytsch stammt, kennen gelernt, und in den vielen Gesprächen, die wir für den Film geführt haben, erfuhr ich, dass Schreyer einst „Kinofoyerorchestermusiker“ gewesen war. Das war für mich eine unglaubliche Entdeckung, denn bei uns in Wien gab es keine Foyermusik, sondern nur – und das noch bis in unsere Kindheit hinein – Modeschauen. Und ich erinnere mich noch daran, wie ich mich als Kind im Gartenbaukino immer gelangweilt habe, wenn vor dem Film, den ich sehen wollte, zuerst die Pelze über die Bühne gelaufen sind.
Diese Foyerorchester gab es tatsächlich meines aktuellen Wissensstandes nach nur in der Sowjetunion. Die Konzerte waren quasi ein integraler Teil eines Kinobesuches: Man hat ein Kinoticket gekauft, und vor dem Beginn des Films gab es ein zumeist halbstündiges Live-Konzert im Foyer des Kinos. In Drohobytsch, damals eine knapp 90.000 Einwohner*innen starke Stadt, gab es zwei Orchester, in Lemberg vier – und wer weiß, wie viele in Kiew oder Moskau.

Zwei der Protagonist*innen aus Paul Rosdys filmischer Hommage an die Wiener Kinos: Horst Raimann in der Projektionskabine des Gartenbaukinos (li.). Und Anna Nitsch-Fitz, die seit 1969 die Breitenseer Lichtspiele betreibt (re.). © Paul Rosdy Film, 2018

Und diese biografische Information hat Sie dann für den Film zu Wien inspiriert. Wie können wir uns das vorstellen?
❙ Ja. Dieses kleine historische Detail, das so wichtig ist, um die Bedeutung von Kinos in einer Stadt besser zu verstehen, hat mich fasziniert – und war dann schließlich auch der Auslöser, mich der Geschichte der Wiener Kinos eben über diese kleinen übersehenen Details zu nähern, auf denen mein Film im Wesentlichen aufbaut. Und als Der letzte Jude von Drohobytsch 2012 herauskam, hab’ ich mir gesagt: „So, und jetzt machst du die Kinos von Wien.“

Wie haben Sie Ihren Film vom Aufbau her konzipiert?
❙ Es war klar, dass meine Geschichte 1896 beginnen würde, als die Brüder Lumière auch in Wien ein erstes Kino eröffneten. Bald schon gab es vor allem im Prater eine Reihe von Kinos, und langsam ist die Kinolandschaft in Wien gemeinsam mit der Stadt gewachsen. Wie sich auch Kinos architektonisch verändern und einen Ort städtebaulich mit prägen, das hat mich ebenfalls von Anfang an interessiert. Mir war klar, dass es um die Kinos selbst gehen würde, nicht um die Filme, die hier gespielt wurden. Ich wollte keine Kinogeschichte machen, die eigentlich ein Filmgeschichte ist – wohl wissend, dass ich nicht alles erzählen kann. Ich habe in meinem Film auch vieles ausgelassen.

»Bald wurde mir klar, dass ich der Schoah einen besonderen Stellenwert geben muss.«
Paul Rosdy

Ihr Film ist weniger eine umfassende Enzyklopädie aller Wiener Kinos als eine Liebeserklärung an Wien als Kinostadt.
❙ Ich habe nicht versucht, alle Kinos in Wien abzudecken, das wäre auch vom Material und Aufwand unmöglich gewesen. Ich konzentriere mich im Film auf etwas mehr als eine Handvoll Kinos im ersten, neunten, 16., 17., aber auch 19. Bezirk, zu denen ich entweder mehr Material gefunden habe oder auch noch Zeitzeugen und Wegbegleiter interviewen konnte. Diese Auswahl hat sich im Laufe meiner Recherchen für den Film von selbst ergeben.

Mit welchem Kino haben Sie Ihre Arbeit begonnen?
❙ Auch das war eine glückliche Fügung, denn gleich, nachdem ich mit den Recherchen begonnen habe, erfuhr ich, dass das English Cinema Haydn auf der Mariahilfer Straße einen vierten Saal dazubaut. So habe ich die Eigentümer kontaktiert und durfte die Bautätigkeiten mit meinem Kameramann Peter Roehsler begleiten noch ehe wir überhaupt eine Filmförderung erhalten hatten. Das ist schon etwas Besonderes, denn einen neuen Kinosaal baut man in einem Wiener Traditionskino eigentlich nicht mehr.
Christian und Herbert Dörfler waren zugleich die ersten sehr unterstützenden Gesprächspartner, die ich für meinen Film gewonnen habe, und sie haben mir dann auch sehr viel über die Geschichte des Kinos erzählt, das bis 1938 in Besitz einer vom NS-Regime aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgten Familie stand. Herbert Dörfler selbst war als Kind in die Schweiz geschickt worden, um sich bei seiner Tante von den Kriegserlebnissen zu erholen. Dort lernte er den damals einzigen Überlebenden der Familie kennen, Otto Honig. Dörflers Tante hat Honig nach dem Krieg gepflegt, und als er 1951 starb, vermachte er der Tante das Kino, die ihrerseits wiederum 1957 ihren Neffen Herbert als Geschäftsführer einsetzte.

Das von Robert Kotas gestaltete Forum Kino an der „Zweierlinie“ wurde 1950 mit einem Staatsakt eröffnet – und 1973 von der Stadt Wien abgerissen. © Paul Rosdy Film, 2018

Das heute sehr gut gehende Haydn Kino, aber auch das bereits geschlossene Kolosseum Kino sind prominente Beispiele der Arisierungs- und langwierigen, oft unmöglich gemachten Restitutionsgeschichte der Wiener Kinos. Sie haben dazu auch für Ihren Film ein Gespräch mit Klaus Christian Vögl geführt, dessen umfangreiche Studie Angeschlossen und gleichgeschaltet über die Situation der österreichischen Kinos während des NS-Regimes fast zeitgleich mit Kino Wien Film letzten Herbst abgeschlossen und präsentiert wurde.
❙ Auch das war ein großer Zufall. Ich hatte gerade einen Wochenschaubericht über das Kolosseum Kino gefunden, als es damals als eines der ersten Mehrsaalkinos in Wien eröffnet wurde. Mit Herrn Vögl wollte ich über die „Arisierungen“ in Wien sprechen – dass er dann in diesem Zusammenhang ganz zentral über den Fall des Kolosseum Kinos sprechen würde, habe ich vorab nicht gewusst. Dass fast 50 Prozent der Wiener Kinos jüdische Inhaber, Betreiber oder Konzessionäre hatten und daher vom NS-Regime „arisiert“ wurden, wusste ich am Anfang des Projektes nicht. Doch schon bald wurde mir klar, dass ich der Schoah einen besonderen Stellenwert geben muss. Und schon im Haydn Kino, in dem ich zuerst gedreht habe, bin ich auf die Geschichte der Familie Honig gestoßen. Du kommst dem nicht aus. Und du musst es erzählen.
Ein weiteres besonders berührendes Erlebnis, das sich im Zuge der mehrjährigen Dreharbeiten ergeben hat, war die Begegnung mit dem Sohn der ehemaligen Betreiber des Admiral Kinos, Henry Ebner. Eines Tages rufe ich im Kino an, um mich für einen Drehtag anzumelden, und Michaela Englert, die das Admiral seit Jahren mit viel Liebe leitet und vor dessen Schließung gerettet hat, sagt zur mir: „Das trifft sich gut, der Henry Ebner ist gerade da.“ Und so konnte ich auch ihn, der seit der Emigration in England lebt, über die Enteignung dieses wunderbaren Neubauer Kinos und den Umgang seiner Eltern mit dem Trauma auch nach 1945 befragen.

Der österreichische Architekt Robert Kotas (1904–1973), heute fast vergessen, war zentral für die Geschichte der Wiener Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie haben für den Film mit seinem Sohn und Enkel ein Gespräch im Gartenbaukino geführt, für dessen Gestaltung Kotas unter anderem verantwortlich zeichnete.
❙ Über Kotas ist bis heute sehr wenig bekannt, und leider gibt es bislang auch keine Arbeitsbiografie über ihn, die seine Werke im Detail vorstellt. Daher habe ich für den Film sehr viel selbst recherchiert und konnte so auch seinen Sohn und Enkel kennen lernen. Leider verfügen auch diese über wenig Material, und so war es mir wichtig, die beiden zumindest in den Räumen des von Kotas gestalteten Kinos über ihren Vater bzw. Großvater erzählen zu lassen. Robert Kotas hatte bereits in den Fünfzigerjahren am Umbau des alten Gartenbaukinos im Palais der k. k. Gartenbau Gesellschaft mitgewirkt. Zehn Jahre nach dem von ihm bis ins Detail gestalteten Forum Kino, das 1950 eröffnet wurde, wurde er dann mit der Gestaltung des Kinos im Gartenbau-Hochhaus beauftragt. Der Film zeigt neben dem bis heute bestehenden Komplex des Gartenbaukinos ja auch zahlreiches Foto- und Filmmaterial zum 1973 abgerissenen Forum Kino. Noch im selben Jahr starb Kotas.

»Das macht die Arbeit an Filmen wie diesem aus:
Je leichter und flüssiger sie wirken, umso besser.«

Paul Rosdy

Sie besuchen im Gartenbaukino auch die Projektionskabine und widmen sich technischen Aspekten wie dem „Cinerama“-Film oder der Digitalisierung und ihren Folgen.
❙ Eine besondere Bekanntschaft war dabei der Kinotechniker Horst Raimann, den ich 2013 kennen lernen durfte und der mir das Gartenbaukino von der Seite des Projektionsraumes her auf faszinierende Weise nähergebracht hat. Herr Raimann war von der Eröffnung des Kinos 1960 bis zu seiner Pensionierung hier tätig und ist seither immer noch der erfahrene Mann für alle Fälle am Haus.

KINO WIEN FILM
Dokumentarfilm,
Rosdy Film, Wien 2018,
97 min. Buch, Regie, Schnitt,
Ton: Paul Rosdy;
Kamera: Peter Roehsler, Wolfram Wuinovic;
Musik: Gerhard Gruber
Kinostart: 15. März 2019

Besondere Aufmerksamkeit widmen Sie auch dem Beruf des „Kinopendlers“. Wie sind Sie hier auf Stefan Nehez, den Enkel des wichtigen Wiener Kinopioniers Johann Nehéz, gestoßen?
❙ Der Beruf des Kinopendlers hat mich immer schon fasziniert, und ich wollte unbedingt darüber in meinem Film erzählen. Ich wusste davon durch den Filmvorführer und Sammler von Kinodias und Filmprojektoren Florian Pausch, dessen umfangreiches Bildmaterial, zum Beispiel auch über die letzten Tage des Eos Kinos, und großes Wissen mir bei der Herstellung des Filmes sehr geholfen haben. Über die historischen Dias, die früher vor den Filmen im Kino gezeigt wurden, kam ich auf den Beruf des Kinopendlers und habe jahrelang nach einem ehemaligen Kinopendler gesucht. Über viele Umwege bin ich endlich auf Herrn Nehez gestoßen, und als ich ihn kontaktiert habe, war er so beeindruckt, dass ich ihn gefunden habe, dass er mir die Geschichte seiner Familie und des 1906 gegründeten Zentral Kinos erzählt und mich auch persönlich in die ehemaligen Kinoräume im 16. Bezirk geführt hat.

Die Arbeit an Ihrem Film hat an die sechs Jahre gedauert. Ein langer und intensiver Prozess, der mit den Mitteln aus der öffentlichen Filmförderung gar nicht in vollem Umfang finanziert werden konnte.
❙ Das stimmt. Aber der große Vorteil ist, dass sich im Laufe der Zeit wunderbare Dinge ergeben. Hätte ich den Film innerhalb von drei Wochen gedreht, wäre ich all den Menschen nicht begegnet, die letzten Endes Kino Wien Film ausmachen, und hätte auch einen Großteil des im finalen Film zu sehenden Materials nicht zusammenbekommen. Aber im Laufe der Jahre ergeben sich wunderbare Dinge. Das macht die Arbeit an Filmen wie diesem aus: Je leichter und flüssiger sie wirken, umso besser.

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