Verwachsen mit der Geschichte der Eltern

„Kinderjause“ nennt sich eine Gruppe von Nachkommen kommunistischer und meist auch jüdischer Eltern, die aus dem Exil ins Nachkriegsösterreich zurückgekehrt sind. Lebenswege und Erfahrungen der „Kinderjausner“ haben nun der Psychiater Ernst Berger und die Sprachsoziologin Ruth Wodak in ihrem Band Kinder der Rückkehr beleuchtet.

0
449
© Franz Gruber/picturedesk.com

WINA: Du hast kürzlich einen Preis des Frauenministeriums für dein Lebenswerk bekommen. Was bedeutet das für dich?
Ruth Wodak: Damit habe ich ziemlich zu kämpfen gehabt, denn ein solcher Preis hat ja einen quasi abschließenden Charakter, das ist fast wie ein Nachruf zu Lebzeiten, und ich musste mir sagen, ich mach’ aber weiter. Ambivalent war für mich auch, dass mir der Preis von einer Ministerin dieser Regierung überreicht wurde und ich gegen diese Koalition mit der extrem Rechten bin. Außerdem empfinde ich das momentane Klima und die große Wissenschaftsfeindlichkeit, die uns entgegenschlägt, sehr bedenklich. Ich wusste daher nicht, ob ich diesen Preis annehmen sollte. Es stand aber eine sehr qualifizierte Jury dahinter, die ich nicht beleidigen wollte, und einen Preis abzulehnen, das wirkt arrogant. Ich hab’ dann in meiner Rede auf diese für mich komplizierte Situation hingewiesen.

Du warst in deiner wissenschaftlichen Arbeit in vielem eine Pionierin mit den Themen Hate Speech und im Entlarven populistischer Mechanismen. Fühlst du dich durch die aktuelle Entwicklung in Europa bestätigt?
❙ Manchmal hab’ ich das Gefühl, dass ich da einiges bewusst-unbewusst vorhergesehen habe, vor allem in meinem Buch Politik mit der Angst. Insofern ist es schön, wenn wissenschaftliche Theorien auch Tendenzen für die Zukunft vorhersagen können. Andererseits ist es deprimierend, wenn man denkt, wie lange wir schon über Rechtsextremismus und Rechtspopulismus schreiben, und es wird eigentlich immer ärger. Wenn ich sehe, wie die Haiderisierung Europas vor sich gegangen ist, denke ich mir, Aufklärung funktioniert nicht, man lernt nicht aus der Geschichte, und die Wissenschaft bleibt doch innerhalb des Elfenbeinturms und zeigt keine Wirkung, und das finde ich traurig.

»Der Erzählschleier betrifft in Österreich ja
die gesamte Nachkriegsgeschichte.«
Ruth Wodak

Zu deinem jüngsten Thema hast du wie auch dein Ko-Autor eine sehr persönliche Beziehung, denn ihr seid beide „Kinder der Rückkehr“. Inwiefern beeinflusst eine solche biografische Betroffenheit die wissenschaftliche Arbeit?
❙ Das ist ein spannendes Thema, das wir auch oft mit Helene Maimann, die im Projektteam dabei war, diskutiert haben. Einerseits ist völlig klar, dass sich unsere InterviewpartnerInnen niemand anderem geöffnet hätten. Ihre zum Teil auch traurigen Geschichten hätten sie niemand anderem erzählt, und es hätte auch niemand anderer verstanden. Sehr viele Bezüge und Referenzen in deren Erzählungen waren teilweise eigentlich nur Ernst Berger und Helene Maimann klar, weil sie beide auch Kinder kommunistischer Eltern sind, während ich aus einer sozialdemokratischen Ecke komme. Auch mir war vieles neu, was die Sozialisation dieser besonderen Nachkriegsgeneration betrifft, ich war also sowohl drinnen wie auch draußen, was sehr hilfreich war.

Wie hat diese Rückschau deine persönliche Sicht verändert?
❙ Als Kind der Rückkehr mit der Exilgeschichte meiner Eltern verwachsen, hab’ ich viel darüber nachgedacht, was dieser Rucksack für uns alle bedeutet hat, und auch über die Frage, die mir besonders oft in Amerika gestellt wurde: „Why did your parents come back?“ In dem Buch zeigt sich, dass viele Mütter nicht zurück wollten, eher die Männer, die hatten ein politisches Engagement und den Glauben an die kommunistische Utopie bis spätestens 1968, aber es gab z. B. bei meinem Vater auch ein ausgeprägtes Heimatgefühl. Für meine Mutter, die Tochter eines Rabbiners, war das ganz anders. Ich war gezwungen, noch einmal zu reflektieren: Was tragen wir da herum, welchen Auftrag haben wir mitbekommen? Warum beschäftigt mich dieses Thema, warum habe ich diesen aufklärerischen Duktus und positioniere mich öffentlich, und warum stehen wir so ambivalent diesem Land gegenüber? Insofern war die Auseinandersetzung mit dem Thema psychisch anstrengend, und es war gut, dass Ernst Berger auch ein Psychotherapeut ist.

»Aufklärung funktioniert nicht,
man lernt nicht aus der Geschichte.«

Ruth Wodak

Die „Kinderjausner“ befinden sich durchwegs schon im Pensionsalter. Warum hat sich diese Gruppe erst so spät, d. h. erst nach der Jahrtausendwende etabliert?
❙ Die meisten dieser Gruppe waren in sozialistischen oder kommunistischen Jugendorganisationen. Nach 68 sind sie in diverse Studentenbewegungen gegangen, erst 2000 anlässlich von Schwarz-Blau 1 kam es zu einem erneuten Zusammenrücken dieser ehemaligen Jugendlichen, die mit dem Begriff „Kinderjause“ wieder auf ihre Kindheit zurückgegriffen haben. Beim ersten Treffen, da waren etwa 150 Leute, haben sich alle über das Wiedersehen sehr gefreut und beschlossen, sich alle zwei Jahre zu treffen und jetzt eben jedes Jahr, weil man ja älter wird.

Ernst Berger,
Ruth Wodak:
Kinder der
Rückkehr. Geschichte einer marginalisierten Jugend.
Springer VS,
348 S, € 49,99

Diese Kinder des Rückkehrs sind teils noch im und teils nach dem Krieg geboren worden, teils noch außerhalb, teils in Österreich, teils sind sie jüdisch, teils nicht. Was ist das Gemeinsame?
❙ Es ist ein Netzwerk, eine Gruppe, die sehr verflochten ist durch die gemeinsamen Elternbiografien, durch diese Narrative, diese kollektiven Erinnerungen, auch Enttäuschungen, es gab Bekanntschaften, sogar Ehen. Es ist aber kein Karrierenetzwerk, sondern eine soziopsychologisch interessante, sehr enge emotionale Gruppe. Das hat mich auch für dieses Projekt begeistert.

Die Kinder der Rückkehr sind, wie Ihr feststellt, größtenteils in Mikrokosmen bzw. in Blasen Gleichgesinnter aufgewachsen. Jugendbewegungen, soziale Milieus als Familienersatz etc. Wie hat das deren Lebenswege beeinflusst?
❙ Es gab Ferienlager, man hat Russisch gelernt, es gab Begegnungsorte, Bücher, die alle gelesen haben. Man war ja in der Schule auch als jüdisches Kind marginalisiert, und die Gruppe hat einem Selbstvertrauen gegeben und das Gefühl, nicht ausgegrenzt zu sein. Diese positive Gruppenzugehörigkeit wurde uns in den Interviews oft bestätigt. Die Lebensgeschichten und deren Verarbeitung sind aber sehr unterschiedlich. Das hängt von den Erfahrungen ab und was die Eltern ihnen erzählt haben, das betrifft auch das Judentum.

Ein Großteils entstammt aus ehemals kommunistischen Elternhäusern. Was machte die Faszination des Kommunismus vor dem Krieg auf jüdisch-bürgerliche Schichten aus?
❙ Der Außenfeind in der Elterngeneration waren die Nazis. Mein Vater, der Sozialdemokrat war, ist nach 1934 auch Trotzkist und dann Kommunist geworden. Der Kampf gegen den Faschismus war das Wichtigste. Gerade in Österreich sind sehr viele auch bürgerliche Juden links geworden.

Gleichzeitig bedeutete diese Hinwendung zum Kommunismus eine Entfernung vom Judentum. Jetzt ist vielfach eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten, back to the Jewish roots, wie siehst du das?
❙ Größtenteils ist man erst in unserer Generation der IKG beigetreten, aber zu unterschiedlichen Zeiten, in der Waldheim-Zeit oder wie ich 2000 nach Schwarz-Blau.
Die dritte Generation, die Enkel, die wir auch interviewt haben, haben mehr mit ihren Großeltern gesprochen als wir mit unseren Eltern. Sie haben mehr Distanz und hinterfragen auch mehr. Wir beobachten oft Mehrfachidentitäten, man nimmt die Jewish roots ernst, besucht Verwandte, man ist vielleicht Israel-kritisch, aber es kommt etwas zutage.

In den analytischen Interviews kommen die quasi ererbten Traumata und auch die Belastungen der Zweiten Generation zur Sprache. Ihr habt durchgängige Phänomene wie „Erzählschleier“ festgestellt. Was hat man sich darunter vorzustellen?
❙ Der Erzählschleier betrifft in Österreich ja die gesamte Nachkriegsgeschichte. Täter und Opfer wollten aus unterschiedlichen Gründen nicht sprechen. Das zeigt sich mir als Linguistin auch im Umgang mit bestimmten Begriffen. Es wird z. B. immer von Emigration und nicht von Vertreibung oder Flucht gesprochen, diese verharmlosende, verschleiernde Redeweise, wie sie die österreichische Gesellschaft besaß. Man ist „umgekommen“, aber nicht ermordet worden, das ist ein genereller österreichischer Diskurs, den wir auch in Schulbüchern festgestellt haben.

Angstgeschichten kennen alle Kinder von Überlebenden, besonders sind aber die so genannten „Tränenthemen“, die ihr beobachtet habt.
❙ Angst hat die Zweite Generation auf jeden Fall, denn das wird ja übertragen, die Geschichten erzählen auch von den Ängsten der Eltern, die immer wieder auftauchen. Doch die Eltern haben auch versucht, ihre Kinder von Emotionen fernzuhalten. Es gab sehr individuelle Verarbeitungsmechanismen, aber letztlich hat jeder und jede in der Familie solche Tränengeschichten, bei denen sich das Trauma trotz der rationalen Verarbeitung verdichtet und die Emotion durchbricht. Bei diesen Erzählungen beginnen sie zu weinen, obwohl sie das selbst nicht erlebt haben. Das ist eine Übertragung der Emotionen der Eltern, wenn man sich auch sonst davon distanziert.

Zurück zur Politik. Du hast 2009 den EU-Wahlkampf verfolgt und darüber publiziert. Wie siehst du im Vergleich die Situation vor dem nächsten Wahlkampf?
❙ Ich hab’ damals ein Buch über das Europäische Parlament geschrieben mit meinen Backstage-Beobachtungen aus Brüssel, dazu wird es eine zweite erweiterte Auflage über Trump, Brexit und illiberale Demokratien geben, in die dieser Wahlkampf hineinfällt. Er wird vielfach als „Europe at the Crossroads“ gesehen, d. h. man muss jetzt wirklich gegen Rechts auftreten. Ich bleibe jedenfalls dran.


Ruth Wodak
wurde 1950 in London geboren. Sie maturierte in Wien, wo sie nach einem Studium der Sprachwissenschaft und Slawistik Sub auspiciis promovierte. Anschließend durchlief sie an der Universität Wien eine akademische Karriere als Soziolinguistin mit internationaler Vernetzung und zahlreichen Gastprofessuren. An der Universität Lancaster hatte sie als Distinguished Professor einen Lehrstuhl inne. Zu ihren Auszeichnungen zählen u. a. der Wittgenstein-Preis und der Lebenswerk-Preis 2018 des Frauenministeriums. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen linguistische Studien zur Politik mit der Angst (2017), zu Rechtspopulismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code