Von fehlenden Vokalen und lokalen Dialekten

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Viele ausländische Namen werden in Israel bei der Aussprache konsequent hebräisiert. Vor allem wenn Konsonanten aufeinandertreffen, füllt man die Lücken gerne auf.

von Gisela Dachs

Kürzlich hat sich ein Artikel in der New York Times mit lokalen Dialekten in Italien befasst. Dabei erfuhr man, dass etwa Wassermelonen auf einem Bauernmarkt in Rom mehrere Bezeichnungen haben. An manchen Ständen werden sie „anguria“ genannt, an anderen heißen sie „cocomero“, und dann gibt es wiederum Schilder, die das runde Obst als „melone d’acqua“ bezeichnen.

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Wer soll sich da auskennen! „Wir sprechen alle Italienisch mit starken regionalen Konnotationen. […] Kein anderes Land hat so viele linguistische Verschiedenheiten in einem so begrenzten Territorium“, sagt der stellvertretende Direktor des italienischen linguistischen Atlas, Giovanni Ronco. So heißt die Sardelle sogar in ein und derselben Region im Süden Italiens für die einen „alice“, während andere „acciuga“ dazu sagen. Erst das Fernsehen, das in den 1950er-Jahren in den Wohnzimmern und Bars auftauchte, führte dazu, dass man sich auf eine Art Standardsprache einigte oder sie zumindest verstand – es handelt sich um den Florentiner Dialekt, der in vielen großen Werken der Literatur verwendet wurde.

In Israel gibt es eine interessante Variante dieser Wortspielereien. Diese bezieht sich aber vornehmlich auf ausländisches Vokabular, das auf Hebräisch ausgesprochen wird. Bekannterweise gibt es in der geschriebenen Sprache keine Vokale, sie werden allenfalls durch Punkte angedeutet, in Büchern, Zeitungen und auf Straßenschildern aber einfach weggelassen. Man muss sich das unterdrückte o, e, a oder i also hinzudenken.

Bei der Aussprache geht der Riss dann aber nicht durch verschiedene Regionen, sondern er teilt die im Lande Geborenen von den Zugewanderten. So heißt die Straße, die nach dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten benannt ist, im generellen Sprachgebrauch „Rechov Lincol-en“, weil man sich nicht vorstellen mag, dass ein n nach einem l tatsächlich direkt hintereinander vorkommt. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „Film“ – zumindest als Fotoapparate noch mit solch altmodischem Material gefüttert werden mussten – das unweigerlich als „Filim“ ausgesprochen wurde.

Ein besonders interessanter Umgang ist der mit der deutschen Sprache. Während Wörter aus dem gängigen Installateur- und Mechaniker-Vokabular bis heute tadellos ausgesprochen werden, wie Kugellager, Stahlband oder Unterputz, hat es vor allem der Fußball in sich. Nicht wenige Kinder sind hier begeisterte Bayern-München-Fans – jüngst gab es auf der Geburtstagsfeier eines 11-jährigen Jungen einen riesigen Kuchen in der Form eines Balls samt Marzipanverzierung in den Vereinsfarben. Wer den Namen allerdings korrekt ausspricht, wird sofort korrigiert, es müsse „Bayren Minchen“ heißen (wobei das i – statt dem ü – echten Ausspracheschwierigkeiten geschuldet ist). Und als bei der letzten WM 2014 der deutsche Nationalspieler Mats Hummels andauernd punktete, war sein Name in aller Munde. Allerdings hieß der Fußballer bei Kindern und Sportkommentatoren gleichermaßen und konsequent wie die Obdachlosen: „homeless“. Falls einer den Namen richtig sagte, wurde er nicht verstanden oder belächelt.

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Die israelische Sprachverwirrung:
Eine Autobahnausfahrt, die auf Englisch als „Yoseftal“ beschildert ist, wird auf Hebräisch als „Joss-Fatall“ ausgesprochen- und in beiden Fallen soll der Name an Georg Josephthal erinnern.

Nochmal anders gelagert ist der Fall einer bekannten Autobahnausfahrt an der Grenze zwischen Bat Yam und Holon im Süden von Tel Aviv. Sie ist benannt nach dem israelischen Politiker Dr. Giora Yoseftal, geboren 1912 als Georg Josephthal in Nürnberg. Er wanderte 1938 von Berlin nach Palästina ein, schloss sich 1943 der britischen Armee an, gründete den Kibbutz Gal’ed und gehörte 1952 der israelischen Delegation an, die das Reparationsabkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland ausgehandelt hat. Bis zu seinem Tod 1962 gehörte er als Minister noch mehreren Regierungen an. Nach ihm ist auch das Krankenhaus in Eilat benannt.

Wer nun von Tel Aviv aus die Trampolin-Freizeitanlage „Jump Parc“ in Rishon LeZion besuchen möchte, muss die Ausfahrt „Yoseftal“ nehmen. So steht es zumindest auf Englisch unter der hebräischen Beschilderung. Da Letztere wiederum ohne Vokale auskommt, heißt die Ausfahrt bei Schülern aller Altersklassen, die dort je im Klassenverbund gehüpft sind, „Joss-Fatall“. Bei unserem letzten Familienausflug in den Sukkotferien hat es deshalb erst eine Weile gedauert, bis wir uns auf die Wegbeschreibung einigen konnten.

In Italien sind die Dinge mittlerweile nun schon so weit fortgeschritten, dass die meisten Leute Standarditalienisch und das Dialektvokabular verstehen. Deshalb müssen sie, sagen die Betroffen, heute manchmal erst kurz nachdenken, bevor sie sich entscheiden, wie sie eine Frucht oder einen Fisch beim Kauf bezeichnen. „Das ist kein großes Problem“, berichtete einer der Markthändler. „Wenn wir uns nicht verstehen, verständigen wir uns einfach mit den Händen.“

Auf der Fahrt zum Trampolin-Park hat das auch bei uns gut geklappt. Als das Schild auftauchte, haben einfach alle heftig gestikuliert. Als bei mir dann endlich der Groschen fiel, hatte ich ein „Déjà-vu“, pardon, Descha-wu (das u bitte nicht als ü aussprechen, siehe oben).

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