Von Fraenkel zu Frank, vom „Sacher“ zur Werkbundsiedlung

Das jüdische Erbe in der Wiener Architektur ist reicher als erwartet, zeigt Ursula Prokop in ihrem Studienband auf.

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Ob es eine spezifisch „jüdische Architektur“ gibt, diese Frage lässt sich genauso wenig beantworten, wie die nach einem „jüdischen Stil“, stellt Ursula Prokop fest. Dass sich die Kunsthistorikerin in ihrer neuen Pub-likation dem Beitrag jüdischer ArchitektInnen am Wiener Baugeschehen der erweiterten Gründerzeit zuwendet, ist für sie so etwas wie ein Akt der Gerechtigkeit, denn dieser stieß bis jetzt auf ein „profundes Desinteresse“.

Die bürgerliche Gleichstellung der Juden im Jahr 1868, die ihnen auch Immobilienbesitz erlaubte, fiel mit dem Beginn der fieberhaften Booms im Zuge des Ringstraßenbaus und der Erweiterung Wiens zusammen. Rund 70 Jahre dauerte diese Blütezeit bzw. auch der jüdische Anteil an ihr, der sich diesem günstigen Timing verdankt. Damit war es dann 1938 endgültig aus, und sogar noch bis in die späten 70er-Jahre wurden einige der Bauten jüdischer Architekten ohne zwingende Gründe abgerissen, wie etwa die prächtige Villa, die Josef Hoffmann für den Dichter Richard Beer-Hoffmann in der Hasenauerstraße erbaute.

Schlüsselwerke. An Hand des Bandes findet man aber im heutigen Wiener Stadtbild durchaus noch einige Schlüsselwerke einstiger Star-Architekten, wie Oskar Marmoreks Nestroyhof oder seinen Rüdigerhof, das Hotel Sacher, geplant vom damals ganz jungen aufstrebenden  Architekten Wilhelm Fraenkel, der auch das Palais am Schottenring 18 entwarf, das jetzt in ein Luxus-Wohnprojekt umgebaut werden soll. Hochherrschaftliche Mietpalais und Arbeitersiedlungen, Geschäftshäuser, Bankpaläste und einige Villen zeugen noch heute vom kreativen Gestaltungswillen jüdischer Architekten und dem Mut jüdischer Bauherren, die der von Adolf Loos angeführten Moderne meist aufgeschlossener gegenüberstanden als viele ihrer Zeitgenossen, prominent etwa Josef Frank, Mastermind der „Werkbundsiedlung“.

Im regen Synagogenbau, von dem nichts mehr erhalten ist, wandte man sich aber eher historistischen Formen zu. Die Schüler des nicht-jüdischen Rathaus-Erbauers Friedrich Schmidt, wie etwa Max Fleischer, bauten im neugotischen Stil, während einer der erfolgreichsten Architekten seiner Zeit, Wilhelm Stiassny, maurisch-orientalistische Synagogenformen bevorzugte.

Jüdische Frauen hatten es in dem großteils „männlichen Beruf“ doppelt schwer, Ella Briggs zählte als Architektin im Roten Wien zu den Pionierinnen.
Ursula Prokop verfolgt nicht nur die steinernen Werke von Lehrern wie Karl König, einem der ersten Wiener Architekturprofessoren, und seinen zahlreichen Schülern, sondern auch deren Schicksale, die in der NS-Zeit bestenfalls in die Emigration führten.

Überraschende Wiedererkennungserlebnisse bietet allein schon beim Blättern das Fotomaterial. Das „jüdische Erbe in der Wiener Architektur“ ist weit größer und reicher als erwartet.

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