Vom Objekt zum Wesen

Die Kinderpsychologin Emmi Pikler revolutionierte den Blick auf die Entwicklung von Babys und Kleinkindern und gab ihnen die Freiheit, sich frei und im eigenen Rhythmus zu entwickeln.

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Berührung ist das Fundament jeder Beziehung ...

Solche Bilder sieht Anna Tardos eigentlich ungern, „und Youtube ist voll davon.“ Sie bezieht sich dabei auf Videos, in denen überambitionierte Eltern voller Stolz zeigen, dass ihre Kinder bereits mit sechs Monaten gehen können. „Schade“, sagt sie, „man nimmt so dem Kind etwas weg.“
Damit meint die 85-jährige Psychologin aus Budapest die Gelegenheit für das Kind, seine Fähigkeiten selber zu entdecken. „Heute ist es wichtig, so schnell wie möglich den Kindern Sachen beizubringen“, sagt sie mit Sorge. Denn genau gegen derartige Erziehungsmuster versucht die Säuglingspädagogik ihrer Mutter, Dr. Emmi Pikler, stets zu agieren.
Mitte des 20. Jahrhunderts zeigte Pikler Alternativen zu den traditionellen Umgangsweisen mit Babys auf – jene Praktiken, die man heute definitiv nicht als kindgerecht sehen würde. Sie plädierte, dass das Kind kein Objekt im Wickelpolster sei, sondern ein Wesen, das ungestörte Bewegung und Kommunikation für seine gesunde Entwicklung braucht. Seit ihrem Tod 1984 führt die Tochter Anna Tardos mit ihren Kollegen diesen Ansatz weiter. Heute sind Emmi Pikler und ihre Pädagogik unter internationalen Fachleuten und interessierten Eltern ein Begriff.

NATÜRLICHE UMGEBUNG

Geboren 1902 in Wien, verbrachte Emilie Pikler (geb. Reich) ihre Kindheit in Budapest. Aufgrund des Numerus Clausus für Juden in den 1920ern kehrte sie zurück nach Wien, um Medizin zu studieren. In ihrem beruflichen Werdegang als Kinderärztin wurde sie von drei Männern geprägt. Noch in Wien bei Dr. Clemens von Pirquet, dem Erfinder des Begriffes „Allergie“, wurde das Wohlbefinden der kleinen Patienten besonders betont. Seine Ärzte lernten sogar, sie zu bekochen. Beim Chirurgen Hans Salzer lernte Pikler, wie durch Vertrauen und Mitgefühl auch unangenehme Untersuchungen durchgeführt werden können, ohne dass das Kind weinen muss. Dort beobachtete sie eine interessante Statistik: Kinder aus wohlhabenden Verhältnissen tendierten häufiger, wegen Unfällen behandelt zu werden. Sie nahm an, es liege wohl an ihren überbehütenden Eltern. Denn ärmere Kinder, im Vergleich, verbrachten viel mehr Zeit spielend draußen. Sie lernten so ihre eigenen motorischen Fähigkeiten besser kennen.
Der dritte Mann war ihr Ehemann György Pikler, ein Pädagoge und Mathematiker. Seine Methode war, seine Schüler langsam zu unterrichten und sie aufzufordern, eigene kreative Lösungen zu finden. „Es war für sie ein Impuls, dies auch mit Babys zu machen“, glaubt Tardos.
In Budapest der 1930er durfte Emmi Pikler nur privat arbeiten. Neben der Praxisführung besuchte sie ihre jungen Patienten regelmäßig zuhause, um sie in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. „Sie hat sich für alle kleinen Details interessiert“, erzählt Tardos, „zum Beispiel, wie die Mutter das Baby hält und stillt, oder wie sie reagiert, wenn es weint.“ Sogar bei der Gestaltung des Platzes, an dem die Kinder in Sicherheit und Ruhe alleine spielen konnten, hat sie mitgewirkt. „Sie war genau und strikt.“

VON PATIENTEN GERETTET

1939 wurde ihr Mann auf Grund seiner politischen Aktivitäten bis zum Ende des Krieges eingesperrt. Als die Nazis 1944 in Ungarn einmarschierten, waren es zwei Patientenfamilien, die für Emmi und Anna falsche Papiere besorgten und sie bei sich unterbrachten. Unter falscher Identität übernahm Emmi Pikler die Rolle eines „Kinderfräuleins“. Anna wurde außerhalb Budapests versteckt, bis sie schließlich ins Haus ihrer Mutter aufgenommen wurde. Bis zum Ende des Krieges 1945 taten die zwei so, als würden sie einander nicht kennen.
Ein Jahr später gründete Emmi Pikler das Kinderheim in der Loczy-Straße in Budapest. Dort leitete sie die Pflege von elternlosen Kindern im Sinne ihrer Philosophie, damit sie mit stabilen Bezugspersonen aufwachsen können. Seit 2011 wirkt das Loczy-Haus als internationales Ausbildungszentrum der Pikler-Pä­dagogik mit drei aktiven Kinderkrippen. Im Archiv des Hauses werden die Entwicklungsgeschichten von mehr als 2.000 Loczy-Kindern aufbewahrt. Das Wissen aus der Forschung im Haus wird europaweit, in Nord- und Südamerika durch Bücher, Filme und Referate verbreitet und umgesetzt.

Die Berührung ist das Fundament jeder Beziehung, der Beziehung
zu anderen und zu sich selbst. Emmi Pikler

SCHRITT FÜR SCHRITT

In ihren Büchern beschreibt Emmi Pikler, wie die Eltern mit ihrem Säugling im Alltag umgehen sollten: Die Pflege des Babys sollte durch ständige körperliche und verbale Kommunikation begleitet werden. Das Spielen findet ohne direkte Einmischung der Eltern statt. Die Bewegungsentwicklung erfolgt in einer sicheren und doch stimulierenden Umgebung in bewegungsfreundlichem Gewand. Die Babys sollten nie in Positionen gebracht werden, zu denen sie sich selber nicht bringen würden. Pikler sprach sich zudem deutlich gegen das Tragetuch aus. Auch das Tragen auf den Armen sollte mit Maß stattfinden.
Anna Tardos ist sich bewusst, dass solche Anweisungen Verwirrungen oder Schuldgefühle bei Eltern erwecken könnten. „Es ist ein Missverständnis, dass Pikler es nicht erlaubt, das Kind auf den Arm zu nehmen, oder dass die Kinder alles alleine lernen sollen“, betont sie. Zwischen Bindung und Autonomie „muss man kombinieren“.
Eine Pikler-Spielgruppe kann beispielsweise so ablaufen: Beim Betreten des Raumes werden die Eltern gebeten, ihre Babys im Zentrum auf den Boden zu lassen und sich zum Rand zurückzuziehen. Danach sollen sie nicht im Spiel intervenieren oder das Verhalten ihres Kindes dirigieren. Nur beobachten, wie die Kleinen ihre Umgebung abenteuerlustig erkunden und die verschiedenen Spielmaterialien untersuchen: einen Schöpflöffel, einen Ball, Dosen in allen Größen und Farben, Flaschen oder eine Kette aus Plastik. Jedenfalls keine „klassischen“ Baby-Spielsachen. Die älteren Babys versuchen auch, die speziellen Geräte aus Holz – genannt Pikler-Elemente – zu erklimmen.
Und schleichend passiert etwas: Die Eltern lernen langsam, ihre Ängste abzubauen und der Entwicklungsfähigkeit, dem Eigenrhythmus ihres Kindes zu vertrauen. Es lernt allein für sich. Sie fühlen sogar eine Entlastung. Keinen Drang mehr, als Unterhaltung dabei zu sein. Eine entspannte Atmosphäre verbreitet sich im Raum.

ES GEHT WEITER

„Die Welt fängt jetzt an zu entdecken, was Pikler-Kleinkind-Pädagogik bedeutet“, erzählt Anna Tardos. Sie bedauert es dennoch, dass diese noch nicht richtig in der akademischen Literatur oder bei allen Kinderärzten angekommen ist. „Der Wunsch, das Baby so schnell wie möglich sitzend oder stehend zu sehen, ist bei Fachleuten und Eltern tief verankert.“
Den Unterschied werde man aber in der Zukunft sehen: „Heute gibt es immer mehr Kinder mit Aufmerksamkeitsprob­lemen in der Schule. Hingegen sind die Pikler-Kinder präsent und können sich wunderbar konzentrieren. Sie schauen auch nicht auf die Erwachsenen, damit sie ihnen Sachen vorzeigen oder erklären, sondern sie probieren es alleine. Und wenn es nicht geht, ist es kein Misserfolg, sondern ein Lernprozess. Heute geht’s noch nicht, morgen aber schon.“

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