„Wenn niemand davon erfährt, hat Terror nichts gebracht.“‏

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Seit mehr als 30 Jahren erforscht Ariel Merari den Terrorismus und gilt als internationaler Experte zu diesem Thema. Er hat unzählige Attentäter interviewt und psychologisch getestet. Sein Buch Driven to Death erschien 2010. Professor Merari lebt in Petach Tikwa. Interview & Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo erklärte ein BBC-Sprecher: „Wir vermeiden den Begriff ‚ Terrorismus‘, weil er negativ belastet ist.“ Wie siehst du das?

Ariel Merari: Meine Artikel betonen stets, das Wort rein als Terminus technicus zu gebrauchen. Es stimmt aber, dass „Terrorismus“ weitgehend zu einem negativ wertenden Begriff geworden ist, das war früher anders: Im späten 19. Jahrhundert prahlten Russen wie Sergei Netschajew sogar damit, Terroristen zu sein, um ihrem Kampf eine gewisse Ehre zu verleihen. Noch in den 1940er-Jahren schmückte sich die jüdische Gruppe Lechi mit ihren Terroranschlägen, die sie auch als solche benannte.

„Der Islam hat jedenfalls keine eindeutige Antwort darauf, was mit Märtyrerinnen im Paradies geschieht.“

Wie verwenden Wissenschaftler den Begriff?

❙ Ich bevorzuge die Definition, die das US-Außenministerium in den frühen 1980er-Jahren festgelegt hat und die aus fünf Teilen besteht: Somit sei Terrorismus (1) ein bewaffneter Konflikt, (2) welcher politische oder ideologische Ziele verfolgt, (3) von regionalen Gruppen, Individuen oder staatlichen Geheimdiensten geführt wird, (4) gegen Zivilisten gerichtet ist und (5) eine wesentlich breitere Bevölkerung als die eigentlichen Opfer in Angst und Schrecken versetzen soll.

Wie erklärst du die Anziehungskraft des Dschihad auf junge Europäer?

❙ Der militante Islamismus begann in den 1980er-Jahren als Gegenreaktion zur Überlegenheit der westlichen Welt. Nicht religiöse Ideologien sind sein Beweggrund, sondern der Wunsch, die kulturelle Blüte des Islams wiederherzustellen. Seitdem die großen Kalifate vergangener Jahrhunderte verschwunden sind, gelten Araber auf politischer, kultureller und ökonomischer Ebene als Weltbürger zweiter Klasse. Stell dir vor, du versuchst dich in einem europäischen Land zu integrieren, wirst aber nicht gleichwertig behandelt und bekommst weniger Aufstiegsmöglichkeiten: Wer kommt da nicht irgendwann auf den Gedanken, dass früher alles besser war? Bekanntlich kamen die Osmanen im 16. Jahrhundert bis zu den Toren Wiens. Sobald jungen Muslimen diese Diskrepanz zwischen damals und heute bewusst wird, suchen sie nach Antworten. Da braucht nur ein charismatischer Imam daherzukommen, der ihnen sagt: „Wir sind den Europäern nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen – und jetzt verpassen wir ihnen einen Denkzettel!“

Aber der Niedergang der arabischen Welt ist doch ein alter Hut. Wieso sind diese radikalen Gruppen nicht schon viel früher entstanden?

❙ Die gleiche Frage stellte ich mir, als Mitte der 1970er-Jahre plötzlich der armenische Terrorismus aufkam. Wie aus heiterem Himmel begannen Armenier, türkische Konsulate weltweit anzugreifen – mit dem Ziel, den armenischen Genozid zu rächen. Dieser hatte allerdings schon sechzig Jahre davor stattgefunden, um 1915! Um zu verstehen, wieso ihre Reaktion so lange nach der eigentlichen Tragödie kam, wandte ich mich an einen armenischen Intellektuellen, der mir folgende Erklärung gab: Nachdem die Überlebenden des Völkermordes sich anderswo niedergelassen hatten, waren sie damit beschäftigt, sich neu zu etablieren und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihre Kinder, die bereits in Europa und den USA geboren wurden, wuchsen mit der einheimischen Jugend auf und wollten sich einfach nur anpassen. Aber dann kam die dritte Generation, und die musste nichts mehr beweisen. Als sie erfuhren, was man ihren Großeltern angetan hatte, fragten sie, wieso sie nichts dagegen unternommen hätten. Nachdem sie keine befriedigenden Antworten bekamen, nahmen sie die Sache eben selbst in die Hand.

Es heißt, jede Berichterstattung spiele den Terroristen in die Hände. Wäre es denn besser, sie zu ignorieren?

❙ Auf jeden Fall. Wenn niemand davon erfährt, hat der Terror nichts gebracht. Trotzdem kann man in einem demokratischen Land die Medien nicht mundtot machen. Es mag im Sinne der Terroristen sein, wenn über sie berichtet wird, aber es ist auch im Sinne der Demokratie. In der Sowjetunion gab es kaum Terrorismus, weil die staatlich kontrollierten Medien darüber schwiegen. Ob eine Diktatur ohne Terrorismus wünschenswerter ist als eine Demokratie mit Terrorismus, sollte jeder für sich beantworten.

Gäbe es in Israel weniger Terrorismus, wenn der Siedlungsbau gestoppt würde?

❙ Ich denke schon. Zwar kamen auch schon vor 1967 genügend terroristische Angriffe aus Jordanien und dem Gazastreifen, aber im Moment sind sie vor allem eine Reaktion auf Israels aggressive Siedlungspolitik. Sobald die Knesset ernsthaft versucht, mit Mahmud Abbas ein Einvernehmen herzustellen, wird eine Mehrheit der Palästinenser den Terrorismus nicht mehr gutheißen. Demgegenüber würde sich die Hamas aus Angst um Machtverlust wahrscheinlich mit noch mehr Terror bemerkbar machen, wie bereits nach dem Oslo-Abkommen. Es gibt also keine einfache Lösung.

Als es erstmals hieß, Selbstmordattentate werden auch von Frauen verübt, fragte ich dich: Dem Attentäter verspricht man 72 Jungfrauen im Himmel. Was aber bekommt die Attentäterin? Deine Antwort war, sie darf eine der 72 Jungfrauen sein, die ein Attentäter zugeteilt bekommt. War das dein Ernst?

❙ Zu religiösen Themen gibt es natürlich fachkundigere Ansprechpartner. Der Islam hat jedenfalls keine eindeutige Antwort darauf, was mit Märtyrerinnen im Paradies geschieht. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, und die, die du erwähnst, ist in der Tat eine davon. Eines kann ich dir hundertprozentig versichern: Sie wird keine 72 Männer heiraten.

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