Wer, was, wann, wo und mit wem?

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Eine wunderbare Obsession, die zu einem faszinierenden Werk führt. Wie Namen, Wappen und Chroniken Georg Gaugusch zur Geschichte jüdischer Wiener Großbürgerfamilien führte, erzählt er im Interview mit wina. Interview: Anita Pollak

Ein junger Mann kommt zum Interview ins Café, leger gekleidet, was bemerkenswert ist, ist Georg Gaugusch doch nicht nur Genealoge und Autor, sondern hauptberuflich Chef des traditionsreichen Wiener Familienunternehmens Jungmann & Neffe, einst „k. u. k. Stoffhoflieferant“. Was nur auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Bereits bei näherem Hinsehen entdeckt man Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Firma. Seriös, konservativ, geerdet und familienorientiert sind beide. Auch die „Initialzündung“ zu seinem Interesse kam aus seinem Geschäft, erzählt Georg Gaugusch, Jahrgang 1974, gelernter Chemiker und Diplomingenieur. Die kostbaren alten Auftragsbücher des Geschäfts, in dem jeder Kunde und jede Kundin samt Stoffmustern aufgelistet sind, stellten schließlich die Fragen, die Gaugusch heute noch immer nahezu manisch verfolgen. Wer waren sie, die Damen, die locker so viel Geld für Roben ausgeben konnten und deren Namen sich bis auf die der bekannten Aristokratenfamilien nirgends mehr finden ließen.

wina: Von der Initialzündung bis zu diesem gigantomanischen Werk liegen Jahre, Tage und Nächte. Was macht diese Obsession, die man dazu braucht, letztlich aus?

Georg Gaugusch: Wenn man sich für das 19. Jahrhundert in Wien interessiert, fällt auf, dass die gesamte Dynamik, die nach 1848 da war, ohne die Juden völlig undenkbar gewesen wäre. Der Quell des Wohlstandes kam nicht aus der katholischen Bevölkerungsmehrheit, sondern wurde im Wesentlichen von Juden und Protestanten getragen. Mich interessierte, wer diese Menschen, über die man auch wenig weiß, waren.

wina: In Ihrer Familiengeschichte gibt es offenbar keinerlei Verbindung zu dem Thema? Die Firma wurde 1942/43 übernommen. Ist sie „arisiert“ worden?

GG: Wie in jeder Wiener Familie gibt’s da natürlich schon was. Eine Schwester meines Urgroßvaters war Operettensängerin und hatte ein Pantscherl mit Victor Leon, woraus Onkel Victor wurde. Es gibt keine Wiener Familie, die nicht irgendwie mit dem Judentum in Berührung gekommen ist. Die Geschichte unsrer Firma gab Anlass, mir das genauestens anzusehen. Ja, es gab Versuche, die Firma zu arisieren, diese sind aber gescheitert. Das Geschäft war 1940 schließlich ein Konkursfall, der Besitzer beging Selbstmord. Seine Witwe wollte danach das Geschäft möglichst schnell verkaufen. Mein Urgroßvater, der aus der Branche war, hat dann das überschuldete Geschäft gekauft. Ich habe noch die ganze Buchhaltung aus der Zeit.

wina: Welchen Zugang haben Sie zur Geschichte der Juden in Österreich?

GG: Die Geschichte der Juden in Österreich konzentriert sich oft nur auf den Holocaust und dessen Folgen. Die Erfolgsgeschichte davor wird oft nur am Rande behandelt. Mir ging es darum, diese unternehmerischen Leistungen, diese herausragenden Persönlichkeiten und deren kulturelle Leistungen in diesem doch nicht leichten Umfeld zu dokumentieren. Meine Grundthese ist, dass das viel zitierte Wien um 1900, das Vermögen, mit dem Kunst gefördert werden konnte, Palais gebaut wurden, auf diesen Humus aufbauen musste. Es gibt viele Bücher, die diese Umstände beschreiben. Ich wollte mir aber die handelnden Personen ansehen und zwar an Hand von Hardfacts. Wann haben sie gelebt, gab es Religionswechsel, wie sah ihr Jahr 1938 aus, und wohin trieb es diese Menschen?

wina: Diese Arbeit bedarf wohl eines besonderen detektivischen Spürsinns, es braucht Instinkt, Detailverliebtheit, ja überhaupt Liebe. Welches junge Paar fährt schon auf Hochzeitsreise ins schlesische Bielitz und verbringt dort forschende Tage am Friedhof?

GG: Wenn meine Frau nicht ebenso viel Spaß an den Recherchen hätte und mit mir in die entlegensten Winkel Mitteleuropas fahren würde, wäre das Buch nicht möglich gewesen. Man muss sich ja vor Ort vor Augen führen, woher die Menschen kamen, die in Wien ganz groß wurden, wer ihre Eltern und Geschwister waren. Zum Beispiel kamen die Politzers aus einem kleinen Nest südlich von Budapest. Dort ist nichts. Auffallend ist aber: Der Hauptplatz heißt Politzer Tér. Dann steht dort die Politzer Volksschule, und am Friedhof liegt die uralte Generation der Politzers. Sie waren also bereits dort wer.

wina: Gab es Kontakte mit Nachfahren oder Überlebenden?

GG: Die habe ich selten gesucht. Denn erfahrungsgemäß sind Familientraditionen, wenn man sich dann mit den Akten und Quellen vertraut macht, nicht zu verifizieren, da kommt es zwangsläufig zu Diskrepanzen zwischen Mythen und Fakten. Aber ich wollte die Nachkommen, die in diesen Familienmythen leben, auch nicht verletzen.

wina: Woher kommt das Interesse an den großen Familien gerade jetzt, bei den nachgeborenen Generationen? Das Buch von Edmund de Waal über die Familie Ephrussi ist zum Beispiel ein Sensationserfolg.

GG: Familienforschung ist überall auf der Welt ein Trend, begünstigt auch durch das Internet. Jetzt sind viele Dinge möglich, die noch vor 15 Jahren undenkbar gewesen wären. Da gibt es Ressourcen, die es davor nicht gab.

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wina: Haben sie durch Ihre Recherchen eine andere Beziehung zum Judentum entwickelt? Sie haben ja auch Hebräisch gelernt.

GG: Ich kann bis heute auf Iwrit kein Cola bestellen, aber ich kann Grabsteine lesen, Namen, Daten, Inschriften. Das Ganze ist eine Riesenschnitzeljagd. Vorurteile hatte ich noch nie, doch ich habe im Zuge meiner Arbeit auch erfahren, dass die Stürmer-Bilder noch immer in den Köpfen sind. Mein Buch soll das ändern.

wina: Man erfährt quasi nebenbei faszinierende Details etwa über längst ausgestorbene Berufe und Branchen, Krankheiten, Lebenswege, Institutionen. Allein die Fußnoten erzählen tausende Geschichten. Es ist dabei nicht zuletzt ein spannendes Lesebuch, indem man sich buchstäblich verlieren kann. Sie liefern auch eine „Bedienungsanleitung“ mit. Für welches Zielpublikum ist das Buch gedacht?

GG: Meine Idee war, vielleicht ein für alle Mal Ordnung zu schaffen, sodass Interessierte damit weiterarbeiten können. Wir haben jetzt die handelnden Personen, Sterbedaten, Ehedaten etc. Viele Rätsel, die vor der Arbeit da waren, sind jetzt nicht mehr da.

WINAbuch-tipp

WER EINMAL WAR

Weil das Tragen des Fez als traditionelle Kopfbedeckung in der Türkei von Kemal Atatürk bei Strafe verboten wurde, stürzten die österreichischen Fezfabriken der Familie Fürth vor dem Ersten Weltkrieg in eine schwere Krise.

Davor lag jedoch eine exemplarische Erfolgsgeschichte. Bereits kurz nach Gründung seiner Fabrik in Südmähren im Jahr 1818 beschäftigte Wolf Fürth 900 Menschen. 60.000 Dutzend Kappen oder Fez in verschiedenen Sorten und Farben wurden jährlich exportiert. 1880 wurde Josef Fürth in den österreichischen Ritterstand erhoben. Am 15. März 1939 starb er als Dr. phil. Josef Egon Ritter von Fürth, Magister der Pharmazie, evangelisch getauft, im Konzentrationslager Dachau.

Ein Beispiel unter Hunderten, die als Väter des Wirtschaftswunders in der boomenden Gründerzeit der Monarchie galten. Kreative, mutige, tüchtige Unternehmerpersönlichkeiten, die meist von den Rändern Kakaniens in die Reichshauptstadt kamen und durch geschickte Familiennetzwerke erfolgreiche Dynastien begründeten. Bankiers, Fabrikanten, Großbürger, die später oft sogar nobilitiert , aber dennoch als neue Reiche von der Aristokratie „geschnitten“ wurden. Ökonomisch erfolgreich begünstigte das Milieu kulturelle und wissenschaftliche Höchstleistungen, Kunstverstand und Mäzenatentum.

Der Nationalsozialismus beendete diese Familiengeschichten gewaltsam. Manche Namen kennt man noch, wie Bloch-Bauer, Epstein oder Fanto, die allermeisten sind jedoch vergessen.

37.000 Namen hat Georg Gaugusch durch seine Recherchen diesem Vergessen entrissen. 1.649 Seiten umfasst allein der erste Band, alphabetisch von A bis K, der zweite ist für 2013 geplant. „Wer einmal war“ hat nicht allein durch seinen Umfang Gewicht. Es ist eine Respekt gebietende herkulische Leistung Georg Gauguschs, tatkräftigst unterstützt von seiner Ehefrau, der Historikerin Marie-Theres Arnbom.

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