„Wie Antisemitismus die Zweite Republik mitbegründete“

Die Politologin Barbara Serloth zeigt schonungslos die Kontinuität der Vorurteile gegen Juden nach der so genannten Stunde Null auf.

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Erschüttert über die nachhaltige Diskriminierung der Überlebenden in der Zweiten Republik: die Politologin Barbara Serloth. © Weinwurm

Ich habe mich ständig im Umfeld von Emigranten und vertriebenen Juden und Jüdinnen bewegt und den enormen Schmerz dieser Menschen miterlebt. Sie schämten sich für ihr Heimweh und kämpften dagegen an“, erzählt die Politologin Barbara Serloth. Anhand dieser persönlichen Erfahrungen hat die Klubsekretärin der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion und Leiterin der politischen Dokumentation mitbekommen, wie nachhaltig die Diskriminierung dieser Menschen war, die sich noch rechtfertigen mussten, dass sie hinausgetrieben wurden. „Ich war erschüttert, wie tief diese nicht verheilenden Wunden sind.“ Als soziale Demokratin, wie sie sich selbst bezeichnet, mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit schritt sie zur Tat: Anhand der stenografischen Protokolle des Nationalrats weist sie mit wissenschaftlicher Akribie eindeutig nach, wie groß das Ausmaß des aktiven und passiven Antisemitismus bei der „vermeintlichen Neugründung“ der Zweiten Republik war. „Indem der Kontinuität des politischen und sozialen Systems der Ersten Republik eine Prioritätenstellung zugesprochen wurde, kam es in der Folge zum ungebrochenen Transfer jener Stereotypen und Vorurteile, die schon in der Ersten Republik bestimmend waren. […] Damit war die Chance auf eine wirkliche Neugestaltung vertan“, heißt es im Resümee ihres Buches Von Opfern, Tätern und jenen dazwischen. Wie Antisemitismus die Zweite Republik mitbegründete (erschienen in der politischen Reihe des Mandelbaum Verlags, kritik & utopie, 2016).

»Die neu gesetzten Normen begründeten eine Gesellschaft, in der sich der Nachkriegs –
antisemitismus in neuem, angepasstem und nichtsdestotrotz diskriminierendem und ausgrenzendem Gewand zeigte.«
Barbara Serloth

Politische Prozesse verstehen lernen. Serloth, die ihren Forschungsschwerpunkt auf Nationalismus, das demokratische und parlamentarische System sowie den Antisemitismus setzt, macht die politischen Prozesse nachvollziehbar. Sie begründet ihre Thesen mit überlieferten Sprachkodierungen, tradierten Begriffen der Verleugnung und Verharmlosung mit dem daraus resultierenden Handeln der politischen Persönlichkeiten aller Parteien nach 1945. „Mitglieder des imaginären Kollektivs der Juden in der österreichischen Wir-Gemeinschaft wurde nicht als Gleiche unter Gleichen behandelt, weil sie nicht als politisch handelnde Subjekte verstanden wurden. Dies drückte sich in der Normsetzung bei den Opferfürsorge- wie auch Rückstellungsgesetzen und bei der Entnazifizierungsfrage genau so aus wie bei der nicht erfolgten Rückholung der Österreicherinnen und Österreicher.“

Barbara Serloth: Von Opfern, Tätern und jenen dazwischen. Wie Antisemitismus die Zweite Republik mitbegründete. Mandelbaum Verlag 302 S., € 24,90

Bestimmend dafür war die Opfermythologie: Die politischen Eliten und die Bevölkerung verschanzten sich hinter der Metaerzählung von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. „Damit nahm man jener Gruppe mit dem größten Vernichtungs- und Leidensdruck, nämlich den ‚rassisch‘ Verfolgten, die Stellung als Opfer und gab sich selbst die Absolution für das Geschehene.“ Für den Neubeginn erteilte sich die politische Elite die Absolution gleich selbst. Serloth zitiert dazu erschreckende Aussagen von Politikern, zum Beispiel von Leopold Kunschak (ÖVP), der sich sogar nach 1945 stolz zu seinem Antisemitismus bekannte, und von Karl Renner (SPÖ), der am 29. August 1945 zur „Nazifrage“ erklärte, „[…] dass alle diese kleinen Beamten, diese kleinen Bürger und Geschäftsleute bei dem seinerzeitigen Anschluss an die Nazi gar nicht weittragende Absichten gehabt haben – höchstens, dass man den Juden etwas tut – vor allem aber nicht daran gedacht haben, einen Weltkrieg zu provozieren“.
Serloth, die auch als Lektorin am Institut für Staatswissenschaft und Zeitgeschichte der Universität Wien tätig war, veröffentlicht bisher unbekanntes Material und stellt sich nicht die Frage, ob es im Österreich der Nachkriegsjahre Antisemitismus gab, sondern welchen Einfluss dieser auf die Konstruktion der Zweiten Republik hatte. „Die neu gesetzten Normen begründeten eine Gesellschaft, in der sich der Nachkriegsantisemitismus in neuem, angepasstem und nichtsdestotrotz diskriminierendem und ausgrenzendem Gewand zeigte.“
Die Autorin ist im Parlament seit 1995 inhaltlich für die Bereiche Integration, Tourismus, Konsumentenschutz sowie die Plattform „GEhDENKEN“ verantwortlich und widmet sich in ihrer Freizeit der wissenschaftlichen Forschung. Bis Juli 2018 möchte sie das vom Zukunftsfonds geförderte Projekt Nach der Shoa. Jüdinnen und Juden und der Aufbau des politischen Systems im Nachkriegsösterreich abschließen.
„Ich frage mich, ob die verantwortlichen politischen Eliten sich nicht im gewissen Maß der Untätigkeit gegenüber der Weiterführung einer Art von moralischer Verwahrlosung der Gesellschaft schuldig gemacht haben.“ Denn laut Serloth muss die bewiesene Weigerung, Juden am politischen Leben als selbstständige Akteure teilhaben zu lassen, „als bestimmender Teil aller nachnazistischen Antisemitismen gesehen werden“. Passend dazu stellt Serloth ein Zitat des deutschen Historikers Wolfgang Benz an den Anfang: „Antisemitismus ist kein aus dem gesellschaftlichen Kontext zu isolierendes Vorurteil gegen eine bestimmte Minderheit. Antisemitismus ist vielmehr der Prototyp des sozialen und politischen Ressentiments und darum auch ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft.“

 

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