Wie funktioniert Radikalisierung?

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Maajid Nawaz, Brite mit pakistanischen Wurzeln, verfiel der Faszination des Islamismus und begann selbst, andere für diese Ideologie zu umwerben. Nach einer mehrjährigen Haft in Ägypten sagte er sich nach und nach vom Islamismus los und gründete die Quilliam Foundation, die sich gegen Extremismus einsetzt.

Wer sich durch Maajids Nawaz’ durchaus faszinierende Geschichte liest, erhält spannende Einsichten in eine Bewegung, die derzeit zwar in aller Munde ist, über welche die wenigsten, die hier mitdiskutieren, aber wirklich fundiertes Wissen haben. 9/11 hat islamistischen Terror zu einem globalen Thema gemacht, die Anschläge der vergangenen Jahre auch in Europa, zuletzt Ende des vergangenen Jahres in Berlin, lassen den Ruf nach entschiedenerem Kampf gegen Islamismus immer lauter werden. Aber nach jedem Attentat wird auch immer wieder die entscheidende Frage gestellt: Wie funktioniert Radikalisierung? Wie wird aus einem Menschen ein islamistisch motivierter Terrorist, wie ein Dschihadist?

Nach jedem Atten­tat wird wieder die entscheidende Frage gestellt: Wie wird aus einem Menschen ein islamistisch motivierter Terrorist?

Sam Harris/Maajid Nawaz:
Islam and the Future of Tolerance.
Harvard University Press 2015,
138 S., € 16,95

Nawaz, 1977 in Southend geboren, beschreibt detailliert seinen Weg in die Radikalisierung. Die Familie lebte bereits in dritter Generation in England, dennoch war er in der Volksschule auf Grund seiner Hautfarbe mit Ausgrenzung konfrontiert. Als Jugendlicher half zunächst, in die Hip-Hop-Szene einzutauchen, das verhalf ihm unter Gleichaltrigen zu Popularität. Doch es waren die 1990er-Jahre, und die Skinheadszene wurde groß und vor allem schwer bewaffnet. Mehrmals geriet er auf der Straße in brenzlige Situa­tionen, mehrmals wurde er andererseits von der Polizei zu Unrecht verhaftet. In seinem Umfeld wandten sich bereits die ersten Jugendlichen stärker dem Islam zu, der Rekrutierungssamen ging bei ihm auf. Wirklich radikal wurde er schließlich an der Uni, die Nawaz zum damaligen Zeitpunkt als wahren Hort des Islamismus beschreibt. Innerhalb der Organisation Hizb al-Tahrir stieg er immer weiter auf, Ziel war das „Khilafah“, das Kalifat.

Maajid Nawaz:
Radical. My Journey out of Islamist Extremism.
WH Allen 2012,
400 S., € 12,95

Nawaz wurde zum Rekrutieren nach Pakistan geschickt, nach Dänemark, schließlich nach Ägypten. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Seine Frau war ebenfalls für Hizb al-Tahrir aktiv. In Ägypten wurde er wegen seiner Aktivitäten allerdings verhaftet, machte Bekanntschaft mit Mubaraks Folterpraktiken, saß am Ende mehr als vier Jahre im Gefängnis. Anders als andere radikalisierte er sich dort nicht weiter, sondern nutzte zum einen die Zeit für ein intensives Koranstudium, andererseits zum Gespräch mit anderen politischen Gefangenen, die völlig andere Weltsichten hatten. Was ihm zudem imponierte, war das Engagement von Amnesty International, das für seine Freilassung kampagnisierte. Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte er nach Großbritannien zurück, trennte sich recht bald von seiner Frau und schnitt die Verbindungen zu Hizb al-Tahrir ab.

Was Nawaz hier nachvollziehbar macht, ist das Gefühl, nie akzeptiert zu werden, wie sehr man sich auch bemüht, wie hoch die Schulbildung auch immer ist. Am Ende entscheidet die Hautfarbe über Akzeptanz und Zugehörigkeit. Aber auch: dass man nicht religiös sein muss, um anfällig für Islamismus zu werden. Hier wird vielmehr die Opferrolle von Muslimen weltweit in den Vordergrund gestellt und das Kalifat als Lösung präsentiert. Eine entscheidende Rolle vor Youtube, Facebook und Co. spielten Videos als Propagandamaterial. Nawaz beschreibt hier vor allem das Entsetzen über Filmaufnahmen aus dem Bosnienkrieg. Sie erzeugten bei vielen Muslimen überhaupt erst das Hinwenden zu einer neuen Identität: Die Tatsache, dass hier Menschen mit weißer Haut ermordet wurden, weil sie Muslime waren, erzeugte Zusammengehörigkeitsgefühl, das von Islamisten geschürt und gefördert wurde. Die nationale Herkunft trat in den Hintergrund. Die muslimische Identität in den Vordergrund. Und man wollte nicht länger Opfer sein. Selbstmordattentäter waren aus dem palästinensisch-israelischen Konflikt bekannt. Das Auftreten als Islamist verschaffte dem jungen Nawaz auch auf den Straßen von Southend Respekt seitens der Neonazis. Vor Rucksackbomben hatten sie Angst. Die Lektion: Als starker Muslime kann man sich leichter durchsetzen.

Das Gefühl, das nach der Lektüre bleibt: Hier müssen wir in der Geschichte noch viel weiter zurückgehen, um das Phänomen von Islamismus in Europa zu verstehen. Der Kolonialismus brachte jedenfalls jede Menge Menschen nach England, nach Frankreich, die bis heute nicht als „eigentliche“ Briten oder Franzosen gesehen werden. Ähnlich verhält es sich beispielsweise mit türkischen Gastarbeitern in Deutschland und Österreich.


(De-)Radikalisierung im Gefängnis

68 Personen, die Dschihadisten sind oder mit dieser Ideologie sympathisieren, sind derzeit österreichweit in Haft. 21 von ihnen wurden bereits verurteilt, 47 befinden sich in Untersuchungshaft. Veronika Hofinger und Thomas Schmidinger haben sich nun im Auftrag des Ins­tituts für Rechts- und Kriminalsoziologie angesehen, inwiefern diese Häftlinge einerseits im Gefängnis noch weiter radikalisiert werden beziehungsweise ob Haft andererseits auch deradikalisierend wirken kann. Gesprochen haben die beiden Wissenschafter dazu mit 39 Betroffenen, darunter vier Frauen, sowie dem Umfeld der Inhaftierten, also vor allem Mitarbeitern der Justizanstalten.

Die Ergebnisse der Studie sind vielfältig. Demnach kann Einzelhaft zwar verhindern, dass Mithäftlinge ebenfalls radikalisiert werden. Der Eingesperrte kann sich so aber zum Beispiel noch intensiver mit seiner Ideologie auseinandersetzen, etwa durch Koranstudium. Zudem besteht die Gefahr, dass bei Anhängern ein Märtyrerstatus entstehe. Grundsätzlich kann Haft je nach empfundenen Haftbedingungen helfen, dass Menschen vom Dschihadismus ablassen, oder sich die Zuwendung zu dieser Ideologie noch verstärken. Zu bedenken gibt es hier, dass das Gros der Befragen die Haftbedingungen als unfair empfand. Gute Arbeit leisten sowohl die NGO Derad als auch muslimische Gefängnisseelsorger. Insgesamt bräuchte es aber noch mehr Betreuung, vor allem Seelsorge wird stärker nachgefragt als angeboten.

Wichtig ist den Studienautoren auch, dass es „den dschihadistischen Häftling“ nicht gibt. Unter den Inhaftierten befinden sich einerseits Menschen, die wegen ihrer Ausreise nach oder nach ihrer Rückkehr aus Syrien festgenommen wurden, andererseits Prediger, denen vorgeworfen wird, andere radikalisiert zu haben, Jugendliche, die in sozialen Medien und gegenüber Freunden mit dem Islamischen Staat sympathisierten, sowie einige Menschen, die im Zuge der Flüchtlingswelle 2015 nach Österreich kamen und die in Syrien bei Organisationen tätig gewesen sein sollen, die als terroristisch eingestuft werden. Personen, die vom IS nach Europa eingeschleust wurden, hat man zwar in Österreich verhaftet, sie wurden aber inzwischen nach Frankreich ausgeliefert. 

quilliamfoundation.org

Bild: © John D Mchugh / picturedesk.com

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