„Wir haben die gleichen Sorgen“

Debby Kratz-Lieber fand als junge Erwachsene zum Glauben – und sieht sich nun als Vermittlerin zwischen den Welten.

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© Anna Goldenberg

Zum Beispiel Dinosaurier. Lebten die einst auf der Erde? Unter Debby Kratz-Liebers Freunden gibt es jene, die das bezweifeln. Und jene, die die 29-Jährige von deren Existenz überzeugen wollen. „Ich kann beide verstehen“, sagt Debby. Natürlich, die Religion bestimmt ihr Leben, denn gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern versucht sie, sich an alle religiösen Gebote zu halten. Aber in eine Schublade will sie sich deshalb nicht stecken lassen: Dass sie Freundinnen hat, für die das Einhalten der Mitzwot der zentrale Lebensinhalt ist, und solche, die kaum etwas über ihre Religion wissen, ist in frommen Familien eher unüblich. Dass sie zionistisch ist und zwei Jahre lang Rosch Snif der Jugendorganisation Bnei Akiva war, schon eher. Ebenso ist sie stolz darauf, dass sie als Tagesmutter von Montag bis Donnerstag Babys aus der gesamten Gemeinde betreut. Oder dass sie gerne Menschen zum Schabbatessen einlädt, die das Ritual noch nie bei einer religiösen Familie erlebt haben.

„Dabei haben wir im Endeffekt alle
die gleichen Sorgen“, sagt Debby.

Sie kennt schließlich beide Welten.

Debby selbst verdankt viel Menschen, die sich bereit erklärten, ihr die Religion näherzubringen. Sie wuchs in München auf, wo sie zwar eine jüdische Volksschule besuchte, der Glauben jedoch in ihrem Leben keine große Rolle spielte. Mit sechzehn Jahren nahm sie ein Bekannter in ein jüdisches Jugendzentrum mit. Zum ersten Mal besuchte Debby eine Synagoge und beschloss daraufhin, religiös zu werden. Sie entdeckte, dass der Glaube ein Lebenskonzept bot, das beständig war. Am Anfang wirkte es natürlich kompliziert, doch Debby lernte schnell. „Die Leute bemühen sich darum, dich einzuladen“, erzählt sie. Und einmal „drinnen“, gibt es „keine Banalitäten“. „Theoretisch gibt es für alles eine Regel. Das macht das Leben einfacher.“

Für ihre Eltern war das ein harter Schlag. „Von einem Tag auf den anderen habe ich mich geweigert, bei ihnen zu essen, weil es nicht koscher war“, sagt Debby. Es gab Streit, Debby zog aus, kehrte aber der Religion wieder den Rücken.

Der frühe Tod ihres Vaters, als Debby erst 21 Jahre alt war, führte sie zum Glauben zurück, diesmal schrittweise – und beständig. „Es gab einen Ablauf, die Schiwe, das Kaddisch.“ Über eine Freundin lernte sie bald darauf ihren Ehemann, einen Wiener, kennen. „Hier ist fast alles besser“, sagt sie über die Stadt. In München sei die Gemeinde zwischen „alteingesessenen“ und später zugewanderten, meist russischsprachigen Juden gespalten gewesen. In Wien ist ihr Umfeld vielfältig. Doch etwas gibt es, was sie in Wien gerne verbessern würde: die Verbindung zwischen frommen und nicht-frommen Kreisen. Beide Seiten haben ihre Hemmungen – religiöse Familien, weil sie um ungewollten Einfluss fürchten, und nicht-religiöse Menschen, weil sie sich unter Frommen nicht wohlfühlen und mit den Ritualen nicht vertraut sind. 

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