Zum Tanzen war keine Zeit

„Ein Staat ist geboren“,„Die dichtesten Stunden der Geschichte Palästinas“, „Ägyptische Luftwaffe bombadiert Tel Aviv“: Die Zeitungsschlagzeilen aus den Tagen nach der Ausrufung des jüdischen Staates am 14. Mai 1948 klingen dramatisch. Und die Bilder der jungen Menschen, die unmittelbar nach Israels Unabhängigkeitserklärung euphorisch auf den Straßen Tel Avivs tanzten, sind legendär. Daniela Segenreich sprach mit Zeitzeugen im Club der Altösterrei­cher in Tel Aviv.

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Wir haben es aus den Lautsprechern gehört, die auf der Straße aufgestellt waren“, erzählt Trude Lang aus Favoriten. „Man hatte ja erwartet, dass etwas geschehen würde, und wir wussten auch, dass dann, wenn der Staat ausgerufen wird, sofort der Krieg beginnen würde.“ Sie war als junges Mädchen 1938 gerade noch aus Wien weggekommen und mit einem Zertifikat der Frauenhilfsorganisation WIZO nach Palästina eingereist: „Dieses Zertifikat hat mir das Leben gerettet – ich konnte mit einer Gruppe von Jugendlichen mit nach Palästina. Meine Mutter ist in Auschwitz gelandet.“ Langs Freundin Susanne Phillipson kann sich dagegen gar nicht mehr genau daran erinnern, wo sie in diesem so einschneidenden Moment gerade gewesen ist: „Ich weiß gar nicht genau, ich glaube, ich habe es erst am nächsten Tag erfahren“, meint die gebürtige Grazerin.

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Im Zeitalter der Medien, in dem alles sofort dokumentiert und verlautbart wird, hinterlassen manche Ereignisse so tiefe Erinnerungsspuren, dass man noch Jahrzehnte später genau weiß, wo man sich zum Zeitpunkt eines historisch bedeutenden Geschehnisses gerade befunden hat oder was man gerade getan hat. Doch bei der Ausrufung des israelischen Staates gab es in der Region noch kein Fernsehen, und auch ein Radiogerät hatte nicht jeder gleich dabei. Deswegen sind die Erinnerungen sehr unterschiedlich und zum Teil zeitverschoben. Aviva Schneider nahm Teil an der Euphorie, die nach der legendären Rede von David Ben-Gurion, der Israels erster Premierminister werden sollte, ausbrach: „Mich sind meine Freunde mitten in der Nacht aufwecken gekommen – man ist immer zu mir gekommen, mich aufwecken, Telefon gab’s ja damals noch nicht überall.

„Unser Ruf ergeht an das jüdische Volk in allen
Ländern der Diaspora“, verkündete David
Ben-Gourion am 14. Mai 1948. © Segenreich;
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Und dann sind wir hinaus und haben wie verrückt auf dem Platz vor dem Mograbi-Kino getanzt. Die Straßen waren voll, die Autos haben alle gehupt …“ Mit einem Augenzwinkern erzählt Aviva, dass sie „auf der Mazzesinsel“ in der Kleinen Sperlgasse aufgewachsen ist, damals hieß sie noch Sylvia. Und wie auch Trude und Susi arbeitete sie dann in den vierziger Jahren als Schneiderlehrling in Tel Aviv: „Damals waren alle Burschen, die herkamen, Automechaniker, und wir Mädchen haben alle nähen gelernt. Das war so ein Ausbildungskurs von der WIZO.“ Die ehemalige Wienerin konnte gerade noch die zweite Klasse im Gymnasium beenden, dann wurde ihr Vater von der Gestapo verhaftet, und sie floh mit Mutter und Bruder nachts in die Tschechoslowakei. Dort bekam sie ein Zertifikat, das es ihr erlaubte, mit der Jugendalija nach Palästina weiterzureisen. Die Mutter kam ins Lager, und ihr damals neunjähriger Bruder war noch zu jung, um die Erlaubnis zur alleinigen Einwanderung zu bekommen. Er überlebte und kam erst acht Jahre später, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nach Palästina, wo er gleich zur Armee eingezogen wurde.

„Und dann sind wir hinaus und haben wie
verückt auf dem Platz vor dem Mograbi-
Kino getanzt.“
Aviva Schneider

Aviva wurde inzwischen in Tel Aviv abwechselnd bei mehreren Pflegefamilien untergebracht und begann nach spärlichen Schulbesuchen ihre Ausbildung als Schneiderin. Sie war knapp 22 Jahre alt, als der Staat ausgerufen wurde, und erinnert sich noch, wie sie kurz danach auf der Shenkin-Straße von einem Bombenalarm überrascht wurde und sich in einem Hauseingang unterstellte, dann aber doch weiterlief: „Und genau dort, wo ich kurz davor gestanden bin, ist die Bombe gefallen!“

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Die UN-Generalversammlung hatte im November 1947 mit 33 Für- und 13 Gegenstimmen bei zehn Enthaltungen dafür gestimmt, das Mandat Großbritanniens zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu beenden. Man beschloss, das (nach der Schaffung Jordaniens) noch etwa 26.000 Quadratkilometer umfassenden Territorium Restpalästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat zu teilen. Die Juden hatten erwartet, dass die Briten erst im August abziehen würden, doch diese verließen das Land schon im Mai, und Ben-Gurion, der diesen Moment nicht verpassen wollte, rief am 14. Mai im ehemaligen Kunstmuseum am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv den Staat aus. Sofort darauf, in der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 lief offiziell das britische Mandat aus, und Ägypten, Transjordanien, Syrien, Libanon und der Irak erklärten dem frischgeborenen Staat den Krieg, und ihre Armeen marschierten in Palästina ein, um die Teilung zu verhindern.

Berthold Klein aus Wien und Aviva Schneider aus Graz flüchteten vor den Nazis nach Palästina und tanzten im Freudentaumel durch die Straßen des neugegründeten Staates Israel.


Man hatte den Krieg vorhergesehen,
und so kam es, dass viele junge Israelis den 14. Mai auf dem Feld erlebten, darunter auch Amnon, vormals Berthold Klein. Er hatte mit seiner Familie ein gutes Mittelklasseleben in Wien geführt, bis ihnen die Wohnung in der Sperlgasse von der Gestapo enteignet wurde. Sie mussten ihre Goldsachen und das Klavier abgeben, das Geschäft der Eltern wurde von einem Angestelltem übernommen. Bertholds bis dahin bester Freund ging zur Hitlerjugend und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. In der Schule wandten sich alle christlichen Freunde von ihm ab, und schließlich durfte er gar nicht mehr in die gemischte Schule. Das Betreten war Juden plötzlich verboten: „Wir durften auch nicht mehr in den Stadtpark, in ein Kaffeehause, auf einen Spielplatz oder in ein Kino“, erinnert sich der heute Neunzigjährige. Was blieb, waren eine provisorische jüdische Schule und die Räume der Jugendalija in der Marc-Aurel-Straße, in denen er sich nun beinahe täglich einfand.

Berthold Klein konnte Österreich schließlich am 4. September 1940 gerade noch mit einem der letzten Transporte verlassen. Natürlich hatten die Eltern eine Fluchtsteuer hinterlegen müssen, dennoch wurde der Vater festgenommen und durfte nicht mehr ausreisen. Berthold, der damals erst zwölf Jahre alt war, sollte ihn nie mehr wiedersehen. Für ihn und seine Mutter begann eine viele Jahre andauernde Odyssee über Zypern, den Hafen Atlit in

Neu erschienen:
Daniela und Ben Segenreich:
Fast ganz normal. Unser Leben in Israel.
Amalthea Verlag, 2018,
224 S., € 25,-

Palästina und von dort weiter nach Mauritius, da die Engländer nur eine kleine Quote von Juden in das Land ließen. Auf der Insel verstarb seine Mutter, und Berthold wurde in einem Gefängnis für Flüchtlinge interniert: „Sie haben uns dort eine recht gute Schule organisiert, und ich habe noch vor dem Unterricht um vier Uhr in der Früh Holz gehackt, um mir die Nachhilfe in Englisch leisten zu können“, erzählt er. „Wenn man jung ist, schafft man das.“ Mit 17 kam er schließlich nach Palästina, verwandelte sich in Amnon und wurde gleich von der Hagana, einer Vorläuferin der israelischen Armee, rekrutiert.

Zu der Frage, was er am 14. Mai 1948 getan hätte, meint er: „Wir gruben gerade die Schützengräben. Die arabischen Unruhen hatten schon begonnen, und ich war mit der Hagana im Kibbuz Neot Mordechai im Norden. Die Straßen waren abgesperrt, wir waren völlig von der Versorgung abgeschnitten und umzingelt von arabischen Dörfern – zum Tanzen hatten wir keine Zeit!“

 

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