„Erez Israel“ und „Palästina“

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Aus Sommergeschichten von Scholem Alejchem

Seit ich mich an Kasrilevke erinnern kann, war es eine Stadt wie alle anderen Städte. Im Winter saß man bei versperrten Fenstern, im Sommer bei heruntergelassenen Vorhängen und geschlossenen Fensterläden. Und wenn es sehr heiß war und die Sonne einen gequält hat, hat man sich in die Keller zurückgezogen. Nachts hat man draußen geschlafen halb tot. Aber man ist nicht gestorben. Das heißt, gestorben ist man schon. Aber nicht von der Sonne, nicht von der Hitze draußen.

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Aber jetzt solltet ihr schauen: Wenn der Sommer kommt, erfasst eine Unruhe die Kasrilevker Juden. Es wird ihnen heiß in der Stadt, heiß und schwül. Und man redet nur mehr von Luft und von Sommerfrische nämlich wegen des Hinausfahrens in die Datscha. Und man muss nicht Gott weiß wohin fahren. Denn die Kasrilevker Juden haben die Datscha, Gott sei Dank, gleich unter der Nase, praktisch in Kasrilevke. Das heißt, nicht innerhalb der Stadt, sondern nicht weit von der Stadt in „Slobodke“. Das ist das alte Kasrilevker Slobodke, wo wir Cheder-Schüler einmal zu Lag baOmer mit hölzernen Schwertern und angestrichenen Büchsen hinausgingen, um Krieg zu spielen. Heute ist Slobodke nicht wiederzuerkennen. Früher hat es den Nichtjuden gehört, heute gehört es schon den Juden. Das heißt, es gehört noch immer den Nichtjuden, denn es liegt außerhalb der Stadtgrenze, wo Juden nicht siedeln dürfen. Aber im Sommer wohnen sie beim Nichtjuden in der Datscha das darf man. Das heißt, man darf eigentlich nicht. Aber wenn man dem Kommandanten was zahlt und wenn man von einem Arzt ein Papier hat, dass man krank sei und eine Sommerfrische braucht, dann lässt man einen in das verbotene Paradies hinein.

Ich bin den ganzen Sommer in Kasrilevke geblieben und habe gesehen, wie das Volk sich zusammenpackt und auf den Weg macht. Es ziehen Wagen und Wägelchen, ganze Karawanen, von oben bis unten voll bepackt: Bänke und Tische, Betten und Kinderbetten, Töpfe und Deckel, Türme von Samowaren, Mörser, Kissen und Decken; alte Frauen und kleine Kinder – das ganze Kasrilevker Pack. Da hat mich auch der böse Trieb gepackt: Ich will auch in eine Datscha fahren. Ich habe eine Fuhre gemietet und bin nach Slobodke gefahren.

Wie wir so fahren, fragt mich Efraim, der Kutscher, ein Enkel von Jankel Bulgatsches, ein Bursche mit weißer Mütze und Stiefletten, wo ich hinfahren wolle, nach „Erez Israel“ oder nach „Palästina“.

„Zuerst nach Erez Israel und dann nach Palästina.“

Hier muss ich unterbrechen und dem Leser erklären, was das für ein „Erez Israel“ ist und was für ein „Palästina“. Das ist ganz einfach. Nachdem man es euch erklärt hat und ihr es überdacht habt, werdet ihr selbst sagen, dass es gar nicht anders sein konnte. Die Geschichte war folgende: Als Erstes haben sich im Sommer in Slobodka wie üblich – die Reichen angesiedelt, die „Herren“, die so genannten Kasrilevker Aristokraten, dann kam die Mittelschicht und schließlich die Ärmeren, das ganze „Volk“. Und es war aus mit dem nichtjüdischen Slobodka, es war eine jüdische Siedlung. Deshalb hat man ihr den Namen „Erez Israel“ gegeben. In der Folge sind immer mehr Kasrilevker Juden gekommen und „Erez Israel“ ist gewachsen. Und es wurde langsam eng. Da haben die Reichen begonnen, vom eigentlichen Slobodka abzurücken, weiter und weiter, tiefer ins Dorf hinein, höher hinauf auf den dortigen Berghang. So wurden mit der Zeit aus dem einen Slobodka zwei Slobodkas: das alte Slobodka, wo die Schnorrer wohnen, „Erez Israel“, und das neue Slobodka, wo die Aristokraten, also die Reichen, wohnen. Dieses hat man mit dem Namen „Palästina“ gekrönt. Es ist zwar auch Erez Israel, aber doch nicht Erez Israel. Denn „Palästina“ klingt moderner, mehr aristokratisch.

Zur Person

Scholem Alejchem, (1859-1916), geboren als Schalom Rabinowitsch, wanderte 1905 aus der Ukrai-ne in die Schweiz und dann nach Amerika aus. Er begründete mit lebensnahen Milieu-Romanen seinen Ruf als größter Humorist der jiddischen Literatur. Die von ihm geschaffenen Charaktere aus allen Schichten des jüdischen Volkes Osteuropas haben geradezu metaphorische Bedeutung erlangt.

Übersetzt von Giora Zurel

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