
1816 wurde das jüdische Gemeindearchiv gegründet, in der NS-Zeit wurde es – so wie viele andere jüdische Einrichtungen – aufgelöst, wobei viele Archivalien von den Nazis beschlagnahmt und nach Berlin verbracht wurden. Andere Teile überdauerten den NS-Terror und lagerten in einem feuchten Keller in Wien. 1951 beschloss die Gemeinde, den Großteil der Dokumente den „Central Archives for the History of the Jewish People“ in Jerusalem leihweise zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 2000 wurden die in Wien verbliebenen Archivalien in einem alten Gebäude der IKG Wien im 15. Bezirk gefunden. Der damalige IKG-Präsident Ariel Muzicant initiierte daraufhin die Wiederbegründung des IKG-Archivs. 2009 wurde die Abteilung Archiv gegründet. Es ist das einzige Archiv einer aktiven jüdischen Gemeinde, das seit der Gründung bis heute erhalten ist. Es umfasst 13 Millionen Dokumente, davon sind inzwischen vier Millionen digitalisiert, und ein Drittel der Archivalien wurde bisher personenbezogen erschlossen. WINA bat die Leiterin des Archivs, Susanne Uslu-Pauer, exemplarisch fünf Dokumente des Archivs auszusuchen und zu erläutern.
Eine Geburtsanzeigem „Die Geburt eines Kindes zählt mitunter zu den freudigsten Ereignissen im Leben eines Menschen. Deswegen sind die Geburtsanzeigen besonders „liebevolle“ und positive Quellen. Geburten mussten spätestens nach acht Tagen angezeigt werden. Egal, ob die Geburt zu Hause oder in einem Spital stattgefunden hat, war die Hebamme die erste Kontaktperson zu den Eltern. Sie nahm alle Daten der Eltern und des Kindes auf. Eingetragen wurden neben dem Namen und dem Geburtsdatum des Neugeborenen auch die Namen von Mutter und Vater, deren Geburtsdatum, Personenstand, Beruf und Adresse. Notiert wurde aber auch der hebräische Name des Neugeborenen sowie der Status ‚ehelich‘ oder ‚unehelich‘. Waren Wohnund Geburtsadresse ident, handelte es sich um eine Hausgeburt. Liest man sich hier chronologisch durch die Geburtsanzeigen, zeigt sich, dass ab den 1920er-Jahren die Geburten in Gebäranstalten und Spitälern immer häufiger wurden.
Die abgebildete Geburtsanzeige stammt aus dem Jahr 1901. Mit diesem amtlich nicht offiziellen Dokument – einem Formular für die Matrikenstelle der IKG Wien, ausgefüllt von der Hebamme – und anderen amtlichen Nachweisen gingen die Angehörigen zur Kultusgemeinde, um die Geburt des Kindes namentlich registrieren zu lassen. Zwei Zeugen bestätigten den Eintrag.

Die Geburtsanzeigen sowie die offiziellen Geburtsbucheinträge ergänzen sich. Sie sind auch für die Forschung wichtige Quellen. Das Archiv der IKG Wien verfügt über rund 250.000 Geburtsanzeigen und damit verbundene Dokumente wie zum Beispiel Beschneidungsanzeigen.“
Die Friedhofskartei „Die Friedhofskartei im Archiv reicht von 1939 bis zum Ende der 1980er-Jahre. Jeder Todesfall wurde auf einer Karteikarte erfasst und darauf der Name der Verstorbenen, der Wohnund Sterbeort, der Geburts-, Sterbe- und Beerdigungstag, die Todesursache, aber auch die Grabstelle eingetragen. Diese Angaben können hilfreich sein, wenn zum Beispiel Nachfahren nach Wien kommen, um ein Familiengrab zu besuchen, allerdings nicht wissen, wann der Angehörige geboren ist. In letzter Zeit interessieren sich aber auch immer mehr Angehörige für die Todesursache, weil Familien den Sterbegrund erfahren möchten. Außerdem hilft die Kartei beim Auffinden des Grabes. Die Dame, deren Tod auf dieser Karteikarte dokumentiert wurde, ist zum Beispiel am Zentralfriedhof, Tor 4, begraben. Solche Karteien wurden auch noch Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs angelegt.“
Ein Trauungsbuch „Die ersten Einträge zu Trauungen finden sich in unserem Archiv ab 1785. Trauungsbücher im eigentlichen Sinn wurden allerdings erst ab 1826 geführt. Seit 1868 bestand für die Religionsgemeinschaften auch die gesetzliche Pflicht, Personenstandsbücher zu Geburten, Trauungen und Sterbefällen eigenständig zu führen. Im IKG-Archiv gibt es für Wien 90 solcher Trauungsbücher, die jeweils im Schnitt rund 300 Seiten beinhalten und mit ihren bis zu dreieinhalb Kilo schwer zu handhaben sind.
Die abgebildete Seite zeigt vier Trauungen von 1900, die in der Synagoge in Alsergrund geschlossen wurden. Trauungsbücher scheinen auf den ersten Blick sehr formalistisch. Und doch enthalten sie spannende Details wie Herkunft, Name der Braut, des Bräutigams, der Brauteltern, des Personenstandes (ledig, geschieden, verwitwet) und der Wohnorte – alles Informationen, die Familien bei ihren Recherchen helfen. Auch die Trauzeugen (damals Beistände) sowie der Rabbiner, der die Trauung vollzogen hat, sind angeführt. Berührende Momente entstehen, wenn Töchter, Söhne oder Enkel anhand der Unterschriften der Braut oder des Bräutigams die Handschriften ihrer lieben Angehörigen erkennen.
„Keine der Bestandgruppen ist vollständig erhalten. Aber
wenn wir Tränen trocknen und Familien ihre Geschichte
zurückgeben können, wäre das unser größter Erfolg.“
Für Familien, die hier Angaben zu ihren Vorfahren suchen, sind diese Einträge besonders interessant. Ihnen gewähren wir gerne Einblick, allerdings immer mit der Auflage, nichts davon oder nur nach Rücksprache mit uns zu veröffentlichen.
Bei Anfragen von Forschern und Genealogen sind wir den Familien gegenüber verpflichtet, Einverständniserklärungen einzuholen. Vorsichtig gehen wir mit genealogischen Websites um, denn oft werden in den Stammbäumen Zusammenhänge zwischen Personen hergestellt, welche die Dokumentenlage gar nicht abbildet. Das führt zu großen Enttäuschungen oder Irritationen. Grundsätzlich halten wir penibel die jeweils geltenden gesetzlichen Bestimmungen ein.“

Eine Hausliste „Die Hauslisten aus den Jahren von 1940 bis 1943 sind sehr beklemmende Dokumente. Auf den ersten Blick sind sie einfache Adresslisten, doch sieht man sich die Hauslisten im Detail an, erkennt man die Absicht, die dahintersteckt. Was ursprünglich als Hauslisten für die Verteilung von Lebensmittelkarten gedacht war, pervertierte unter den Nazis zu einem Manifest der Verfolgung, der Vertreibung und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Wien.
Wir haben in Wien im Archiv 8.900 derartiger Hauslisten. Sie sind nach Bezirken und nach Straßennamen sortiert. Die Nazis zwangen die IKG, diese Hauslisten anzufertigen, um unter anderem Deportationen von Juden und Jüdinnen zu administrieren. Die Hauslisten dienten damals als Instrument, um zu sehen, wer wo wohnte, wer bereits ausgereist oder verstorben war. In der letzten Spalte, die eigentlich dazu diente, Übersiedlungen zu vermerken, wurde dann eingetragen, mit welchem Transport eine Person aus Wiendeportiert wurde. Alle Personen, die deportiert wurden, wurden in blauer Farbe ausgestrichen. Bei jenen Namen, die rot ausgestrichten wurden, handelte es sich meist um Menschen, die flüchten konnten oder verstorben waren.

Heute sind solche Hauslisten zum Beispiel für Gedenkprojekte interessant, die an die jüdischen Opfer in einem ganz bestimmten Haus erinnern möchten. Ich denke da etwa an den Verein Steine der Erinnerung.“
Aufstellung über die von der IKG Wien abgefertigten Kindertransporte „Das Dokument zeigt die Bemühungen der IKG Wien, so viele Kinder wie möglich außer Landes zu bringen, wohlgemerkt nicht aus freien Stücken, sondern unter Zwang der Zentralstelle und der Gestapo. 2.844 Kinder bis 16 Jahre konnten mit den von der IKG Wien organisierten Kindertransporten zwischen Dezember 1938 und August 1939 das Land verlassen. Zielland war für die meisten England, es gab aber auch Transporte nach Frankreich, Belgien, Holland, Schweden, in die USA und Schweiz.
Die Eltern, die ihre Kinder für einen Kindertransport anmelden mussten, schwankten zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Hoffnung, dass das Kind in Sicherheit sein würde. Verzweiflung, weil sie nicht wussten, ob sie ihr Kind je wiedersehen würden. Was für ein unvorstellbarer psychischer Druck, den die Nazis den Eltern und Kindern wissentlich auferlegt haben.
Für die Kinder bedeutete diese Art der Flucht ein nicht nachvollziehbares Trauma. Wenn die Kinder von damals zu uns ins Archiv kommen, sind sie mittlerweile um die 90 Jahre alt. Oft schaffen sie es nicht einmal, den Namen der Mutter auszusprechen. Einige leiden heute noch unter dem Druck, es nicht geschafft zu haben, aus dem Exil den Eltern bei der Flucht zu helfen. Das ist so gut wie nie gelungen. Und Kinderherzen sind zerbrechlich. Ich frage mich dann immer, was haben die Menschen damals alles aushalten müssen.“























