50 Jahre Nelkenrevolution – Portugal im Wande

Ein Buch, ein Lied und eine Blume: Am 25. April 1974 führte ein Militärputsch in Portugal zum Ende der Diktatur. Repressionen, Zensur, Verhaftungen und Folter waren vorbei. Heuer jährt sich die Nelkenrevolution zum 50. Mal.

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Die Autorin: Uli Jürgens studierte Portugiesisch am Institut für Romanistik in Wien, lebte ein halbes Jahr in Porto und beschäftigte sich mit der Fluchtbewegung in den Jahren 1940 und 1941.

Irene Flunser Pimentel war 23 Jahre alt, als sich ihr Leben radikal veränderte. Die umtriebige portugiesische Historikerin, die Buch um Buch veröffentlicht – ihre Themen sind die Diktatur und der Zweite Weltkrieg – wurde im Mai 1950 in Lissabon geboren und engagierte sich schon in der Schulzeit politisch. Eineinhalb Jahre lebte sie in Frankreich, wo sie mit Gleichgesinnten gegen die portugiesische Kolonialpolitik und die Diktatur demonstrierte. 1971 kehrte sie nach Lissabon zurück.

In den 1970er-Jahren war Portugal eine der letzten Diktaturen Westeuropas. António Salazar und sein Nachfolger Marcelo Caetano führten ein strenges Regime. Wenn man nach etwas Positivem in jener Zeit sucht, dann war es wohl die Haltung Portugals gegenüber den Tausenden jüdischen NS-Flüchtlingen in den 1940er-Jahren. Um nur ja nirgends anzuecken, ließ man die Menschen ins Land und hoffte, sie würden es bald Richtung Übersee wieder verlassen. Doch viele strandeten in dem kleinen Land im Südosten Europas. Sie wurden aber nicht ausgewiesen und damit den NS-Schergen ausgeliefert, wie es etwa in Vichy-Frankreich unter Philippe Petain der Fall war, sondern durften bleiben. Nach weiteren positiven Aspekten der Diktatur sucht man vergeblich.

„Ein Jahr des Feierns und der Reflexion. Für alle mit allen!“ heißt es auf der Web­ site 50anos25abril.pt der Jubiläumsorganisation.

Historikerin Irene Flunser Pimentel erlebte die Nelkenrevolution als junge Frau. (© Volkmar Geiblinger Filmproduktion)

Grândola, vila morena: „Das Volk regiert im Land der Brüderlichkeit!“ Momentaufnahmen aus Porti, 25. April 1974.

Im Februar 1974 veröffentlichte der stellvertretende Generalstabschef António de Spínola ein Buch mit dem Titel Portugal e o Futuro (Portugal und die Zukunft), in dem er die Isolation Portugals anprangerte und das Recht der Portugiesen auf politische Mitbestimmung und das Recht der Kolonien auf Selbstbestimmung forderte. Für das Movimento das Forças Armadas (MFA, „Bewegung der Streitkräfte“) war das Buch wegweisend. General Spínola wurde zwar entmachtet, die Protestbewegung jedoch erhielt deutlichen Zulauf. Viele bisher regimetreue Militärs liefen zum MFA über.

Die portugiesische Tageszeitung Diário de Notícias hat im Zuge der 50-Jahr-Feiern der Nelkenrevolution eine Interviewreihe mit dem Titel Onde eu estav … (Wo ist gerade war …) gestartet. Die Historikerin Irene Flunser Pimentel erinnert sich daran, dass viele ihrer Freund:innen im Februar 1974 Pläne schmiedeten, das Land zu verlassen. Sie waren es leid, die Musik, die ihnen gefiel, nicht öffentlich hören zu dürfen. Sie waren es leid, nur halblaut am Telefon sprechen zu könne. Sie waren es leid, sich zu verstecken: „Sie hatten die Nase voll.“

Und dann, im April, geschah das Unerwartete.

24. April 1974: Kurz vor elf Uhr abends wird im Radio das Lied Depois do Adeus gespielt. Ein unauffälliges Liebeslied. Es ist das erste von zwei geheimen Signalen. Die aufständischen Truppen und die Soldaten in den Kasernen machen sich bereit.

25. April 1974: 20 Minuten nach Mitternacht erklingt auf Rádio Renascença das zweite Signal: Grândola, vila morena, ein von der Zensur verbotenes Protestlied. Der Aufstand beginnt. MFA-Truppen schwärmen aus, besetzen Ministerien, den Flughafen und die Rundfunk- und Fernsehsender.

An jenem Tag trug es sich auch zu, dass die Soldaten rote Nelken in ihre Gewehrläufe steckten – daher der Name: Nelkenrevolution. „Portugiesisches Volk, es ist ein historischer Moment, den wir heute erleben: Es ist der Tag der Befreiung unserer Heimat.“ – Diese Worte lösten in ganz Portugal Jubel aus. Doch so groß die Freude über das Ende der Diktatur auch war: Es sollte noch eineinhalb Jahre dauern, bis sich Portugal so weit konsolidiert hatte, um sich tatsächlich auf den Weg in Richtung Demokratie zu machen.

Doch wo steht Portugal heute, 50 Jahre später?

Das einstmals so mächtige Weltreich mit seinen Kolonien auf beinahe allen Kontinenten ist seit den 1970er-Jahren wieder auf seine ursprüngliche Größe geschrumpft. Die Wirtschafts- und Finanzkrise traf Portugal voll, sie führte zu harten Einschnitten und Konsequenzen. Im Frühjahr 2011 schlüpfte Portugal für knapp drei Jahre unter den Euro-Rettungsschirm. Seither hat sich vieles positiv entwickelt, im Tourismus werden Rekorde gebrochen, das Wirtschaftswachstum lag im Vorjahr über dem EU-Durchschnitt. Portugal definiert sich heute als Teil Europas, als Teil einer Gemeinschaft, mit all ihren Rechten und Pflichten.

Und doch ist gerade heuer die Erinnerung an jene Tage im April 1974 besonders intensiv: Bei den jüngsten Wahlen in Portugal erlitten die regierenden Sozialisten eine bittere Niederlage. Extreme Zugewinne verzeichnete die rechtsextreme Partei Chega, zu Deutsch: „Es reicht!“ Neuer Ministerpräsident ist der Chef der Mitte-Rechts-Partei Demokratische Allianz, Luís Montenegro, er steht nun einer Minderheitsregierung vor, eine Koalition mit Chega schließt Montenegro – noch – aus. Das Wahlergebnis so kurz vor dem heurigen Jubiläum war zunächst ein Dämpfer – sogar eine Absage verschiedener Veranstaltungen stand im Raum –, wich jedoch bald einem „Jetzt erst recht“-Gefühl.

Keinen Hehl aus ihrer politischen Gesinnung macht die Historikerin Irene Flunser Pimentel. Gerade hat sie ihr neuestes Buch, das sich mit der Zeit zwischen dem 25. April 1974 und dem 25. November 1975 beschäftigt, vorgestellt. Wo immer sie auftritt, bei Vorträgen oder Lesungen, hält sie flammende Reden für die Demokratie und warnt vor den erstarkenden Rechten. Auf ihrer Facebook-Seite verlinkt sie Beiträge und Artikel, in den Kommentaren wird heftig diskutiert. Kurz nach der Wahl erzählt Irene Flunser Pimentel von einer Taxifahrt, der Fahrer brüstet sich, dass sich nun etwas ändern werde in Portugal, denn endlich seien die Sozialisten abgewählt – er entpuppt sich als Unterstützer der rechten Partei Chega. Es entspinnt sich ein Disput, die Historikern fordert den Fahrer auf stehenzubleiben, sie wolle aussteigen. Beleidigungen und Drohungen sind die Folge.

Trotzdem soll der 25. April ein Feiertag für alle und mit allen sein, so steht es in Großbuchstaben auf der Seite der offiziellen Organisationswebsite für die hunderten Veranstaltungen rund um das Jubiläum. Schon seit Wochen wird im Internet, im Rundfunk, in Zeitungen und Ausstellungen an die Revolution von 1974–1975 erinnert. Die portugiesische Cinemathek hat dazu aufgerufen, private Filmaufnahmen der spannenden Tage im April 1974 einzusenden, im Radio laufen verschiedenste Sondersendungen. Neben der bereits erwähnten Interviewserie ist ein Diskussionsformat auf Antena 3 besonders spannend. Unter dem Titel Não podias geht es darum, was alles während der Diktatur verboten war: wählen, verreisen, die eigene Meinung sagen, sich in der Öffentlichkeit treffen, den Partner oder die Partnerin küssen. Freiheit, das sind oft Kleinigkeiten. Die Veranstaltungswebsite für das Jubiläum ist prall gefüllt: „Wir möchten, dass 2024 ein Jahr des Feierns und Erinnerns, aber auch des Lernens, der Reflexion und des Handelns wird. Für alle, mit allen. In Portugal und auf der ganzen Welt.“

Herzstück ist in allen größeren Städten der traditionelle Gedenkmarsch am 25. April. Zehntausende Menschen mit roten Nelken in den Händen singen gemeinsam das Lied Grândola, vila morena: „Das Volk regiert im Land der Brüderlichkeit!“

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