99 Jahre und kein bisschen leise

Vom Wiener Rudolfsplatz schaffte es Georg Stefan Troller, der begnadete Interviewer und Dokumentarfilmer, in die weite Welt. Nach seiner Vertreibung war ihm Wien fremd geworden – seine internationale Karriere machte er von Paris aus.

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Personenbeschreibung. Indem er ausgewählten Menschen jene zeitlosen Fragen stellte, die er an sich selbst hatte, konnte er damit auch seinen eigenen Erfahrungshorizont als Mensch und Filmemacher erweitert. © Robert Newald/picturedesk.com

Um gefangene SS-Leute zu verhören, fährt der 24-jährige jüdische US-Soldat Georg Stefan Troller am 29. April 1945 mit dem Jeep in das von US-Truppen befreite Konzentrationslager Dachau. Den grauenhaften Anblick der Skelette, der vielen verhungerten und ermordeten Häftlinge, kann er nur mit dem distanzierten Blick durch die Kamera ertragen. Trotz dieses Schutzschildes wird ihn die Erschütterung dieser Erfahrung sein ganzes Leben nicht verlassen.
Mit 97 Jahren, im Mai 2019, widmet ihm die berühmte Berliner Galerie Grisebach eine Fotoausstellung mit seinem Lebensmotto: Liebe ist das ganze Geheimnis. Diese Aufnahmen sind nicht mehr erschreckend, zeigen aber dennoch eine Welt, die es so nicht mehr gibt: schwarz-weiße Schnappschüsse, Kostbarkeiten aus dem Paris der 1950er-Jahre, die Troller machte, als er im Nachkriegseuropa nach seinen persönlichen Lebensspuren suchte. Er selbst hatte diese Fotos längst vergessen, glaubte, sie bei Umzügen und Aufbrüchen verloren zu haben. Doch seine Tochter Fenn fand sie glücklicherweise beim Ausmisten.
Zwischen diesen beiden Ereignissen liegt ein reiches künstlerisches Leben: Der am 10. Dezember 1921 in Wien geborene Georg Stefan Troller ist seit Jahrzehnten als Schriftsteller, Fernsehjournalist, Drehbuchautor, Regisseur und Dokumentarfilmer erfolgreich. Doch bis zu diesem vielfältigen Ruhm war es ein weiter Weg aus der Neutorgasse im 1. Wiener Bezirk: Dort führte Trollers Vater Karl sein Pelzgeschäft, die Familie lebte quasi ums Eck, nämlich am Rudolfsplatz, und übersiedelte später nach Döbling. Als jüdischer Junge wird er von den Schulkameraden oft gehänselt und verspottet. „Mit sowas musste man leben. Und unter den Nazis wurde das noch härter“, berichtet er. Auf Druck des Vaters liest er sämtliche Klassiker und hat einzelne Monologe bis heute auswendig parat. Mit 16 leiht er sich eine alte Schreibmaschine und verfasst erste Gedichte und Gedanken – und verpasst diesen den prätentiösen Titel Georg Stefan Trollers Gesammelte Werke. Trotz dieser frühen literarischen Bestrebungen erlernt Georg Stefan, der zweite Sohn Karl Trollers, zunächst den Beruf des Buchbinders.
Mit knapp 17 Jahren flieht er 1938 vor den Nazis aus Wien: Ein Schmuggler bringt ihn über die Grenze in die Tschechoslowakei, von da an hat er keine Papiere, nur eine illegale Existenz. Die nächste Fluchtstation ist Frankreich, wo er gleich nach Kriegsausbruch interniert wird. 1941 ergattert er in Marseille schließlich mit viel Glück ein Visum für die USA.

„Eine Heimat kann man so wenig wiederfinden wie eine Kindheit.“
Georg Stefan Troller

Bereits 1943 wird er von der US-Army zum Kriegsdienst eingezogen und leistet den alliierten Truppen bei ihrem Vormarsch durch das besetzte Frankreich und Nazi-Deutschland mit seinen Sprachkenntnissen wertvolle Dienste. Troller ist mit der Mentalität der Nazi-Täter und Opfer vertraut und wird deshalb bei der Vernehmung von deutschen Kriegsgefangenen eingesetzt. In zahlreichen Interviews wiederholt er später immer wieder seine Enttäuschung als Jude und Wiener über das Verhalten vieler nach dem Krieg.
„Das Wort Befreiung habe ich damals nie gehört. So etwas wie Freiheit und Demokratie, das war ja überhaupt nicht im Gedankenschatz vorgesehen. Aber unser Kriegsmaterial haben sie alle bewundert, die Jeeps, die Walkie-Talkies. Und kommentiert wurde das mit den Worten: ‚Kein Wunder, dass ihr den Krieg gewonnen habt, mit dem Material‘“, erzählte Troller 2005 in einem TV-Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk.
Am 1. Mai 1945 nimmt der GI Troller an der Befreiung Münchens teil, und dort beginnt er endlich seine berufliche Leidenschaft auszuleben: Kurz arbeitet er bei Radio München, bevor er als Reporter bei der Neuen Zeitung anheuert. Doch in München hält ihn auch dieser Job nicht, er will zurück nach Wien, seine Heimatstadt. „Ich bin damals alle Straßen abmarschiert, die ich kannte, tagelang, nächtelang, um mein Heimweh zu stillen. Aber schließlich fand ich für mich diesen Satz: Eine Heimat kann man so wenig wiederfinden wie eine Kindheit.“
Troller versucht zwar, in Österreich heimisch zu werden, aber es gelingt ihm nicht, obwohl er beim Wiener Sender Rot-Weiß-Rot die beliebte Sendereihe XY weiß alles initiiert. Er kehrt bereits 1946 in die USA zurück und studiert bis 1949 zunächst Anglistik an der University of California und anschließend Theaterwissenschaft an der Columbia University in New York. Der berufliche und private Wendepunkt in Trollers Leben kommt im Jahr 1949, als er mit einem Fulbright-Stipendium für die Sorbonne in Paris nach Europa zurückkehrt.
Die quicklebendige Stadt an der Seine mit ihrem französischen Esprit lenkt Troller vom Studium ab, dafür entdeckt er eine neue Welt. Mit 28 Jahren entwickelt er sich zum Flaneur, zum feinsinnigen Beobachter der französischen Lebenskunst, genießt sie und eignet sie sich spielend an. In Paris findet er Anfang der 1960er-Jahre die zukünftige Stätte seiner bemerkenswerten Karriere: das Fernsehen. Als Kulturkorrespondent für den Westdeutschen Rundfunk in Köln produziert er in neun Jahren 50 Folgen der Sendung Pariser Journal. Er zeigt dabei ein Paris, das man zu dieser Zeit in Deutschland so nicht kannte: höchst einfühlsame Menschenporträts und einzigartige Milieustudien.

Die Kamera als Schutzschild. 1971 wirbt ihn das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) ab, dies wird zu einer weiteren bedeutenden Weichenstellung in Trollers Leben: 22 Jahre lang wird er dort in den 70 Folgen seines legendären Interviewformats Personenbeschreibung Fernsehgeschichte schreiben. Trotz seiner direkten und meist unkonventionellen Fragen stehen ihm Stars wie Marlon Brando, Romy Schneider, Alain Delon, Brigitte Bardot, Woody Allen, Kirk Douglas sowie die Box-Legende Mohammed Ali Rede und Antwort. Coco Chanel und Edith Piaf unterhalten sich ebenso freimütig mit ihm wie der Regisseur und Schauspieler Erich von Stroheim, der häufig Nazis darstellte und eigentlich der Sohn eines Wiener jüdischen Hutmachers war.
„Journalist zu sein, war für mich ein Mittel der Selbstheilung und Lebensrettung“, erinnert sich Troller. „Meine Seele als jüdischer Emigrant, der dem Holocaust entkommen war und der 19 Angehörige verloren hatte, war verletzt“, sagte er in einem Interview 2017. „Ich nenne meinen Job heute: Gesundung durch andere.“ Er versuche nämlich ständig und noch immer, seine natürliche und durch Flucht und Verfolgung gesteigerte Menschenscheu zu überwinden. Indem er ausgewählten Menschen jene zeitlosen Fragen stellte, die er an sich selbst hatte, konnte er damit auch seinen eigenen Erfahrungshorizont als Mensch und Filmemacher erweitern.
Zwischen 1.200 und 1.500 Interviews hat er nach eigenen Angaben geführt. Anfänglich war seine betont subjektive Befragungsweise von Berufskollegen nur geduldet, dennoch wurde später seine empathische wie kritische Methode der Befragung zum Vorbild für viele Journalisten. Troller drehte anspruchsvolle biografische Filme über Rimbaud, Gauguin, B. Traven, Karl Kraus u. v. a. Er schrieb 15 Bücher, zuletzt Das fidele Grab an der Donau, Paris geheim, Selbstbeschreibung. Fernsehfilme, Dokumentationen, Fotobände und Essays für Zeitschriften kamen später dazu.
„Angst war mein ständiger Lebensbegleiter, einmal fürchtete ich um meine Existenz, einmal um meine Identität“, offenbarte Troller seinem engen Freund, dem Regisseur Axel Corti. „Die Angst hängt mir in den Knochen, ich muss mich verstellen, um natürlich zu sein.“ Die Drehbücher für die zeitkritische Filmtrilogie Wohin und zurück schrieben die Freunde zwischen 1979 und 1985 gemeinsam. Axel Corti, 1933 in Paris geboren, war mit 23 Jahren bereits Leiter der Literatur- und Hörspielabteilung von Studio Tirol. Seit 1960 lauschte eine riesige Fan-Gemeinde seinem gesellschaftspolitischen regelmäßigen Radiofeuilleton Der Schalldämpfer. Corti, der überdies als Dramaturg und Regisseur am Wiener Burgtheater und am Berliner Schillertheater tätig war, führte auch aufregende und tiefsinnige Gespräche mit Troller für den NDR in der beliebten Talkshow 3 nach 9. Seit 1986 wurde Wohin und zurück häufig wiederholt. Die drei Filme heimsten in vielen Ländern und Festivals Preise ein und liefen in Wien und Paris im Kino.
Auch mit 99 Jahren geht Georg Stefan Troller gerne auf Lesereise, wenn man ihn einlädt: Fotos von seinem Auftritt im Februar 2020 im Kölner Literaturhaus zeugen davon. Sein Humor, gespickt mit Selbstironie, hat ebenso wenig unter der Zeit gelitten wie seine immer noch üppige Künstlermähne. Er versichert auch schmunzelnd, dass er wie bisher jedes Manuskript auf seiner alten Hermes-Schreibmaschine tippt. „Ich habe keinen Computer und kein Internet“, erzählte er lachend während der Lesung in Köln. „Meine Manuskripte faxe oder schicke ich meinem Verleger per Post. Anmerkungen mache ich mit einem vierfarbigen Kugelschreiber.“ Seine zahlreichen Preise sowie Ehrenurkunden hat eine Putzfrau aus Versehen im Pariser Studio entsorgt. Das bekümmert ihn heute wenig.

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