Unter Abenteurern, Spielern und Flaneuren

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Anna Maria Krassnigg eröffnet in Reichenau ein neues Festival. Das Hotel Thalhof dient dabei als Stätte für literarische Raritäten, Bühnenspiele und Diskussionen.  Von Petra Paterno   

Was sich da tummelte, war Kleinwild.“ Lacher. „Ich schaute mir das an – geärgert und belustigt zugleich. Da kannst du nicht fett werden, da wirst du auf dem Trockenen schwimmen.“ Erneut Gelächter. Es ist einer jener seltenen Theatermomente, in denen alles stimmt: Ort, Text, Darbietung. Die Uraufführung der Dramatisierung von Robert Neumanns Hochstaplernovelle ist der Auftakt eines neuen Theaterfestivals in Reichenau. Unter dem Titel „Wortwiege an der Rax“ wird dabei der Thalhof nicht nur in den Sommermonaten mit einer Art Minifestival bespielt. Er dient von nun an das ganze Jahr über als Bühne.

„Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Sommerspielen, sondern als alternatives Angebot.“

Das Fin-de-siècle-Quartier liegt etwas außerhalb des Kurorts. Ein Serpentinen-Weg führt zu diesem Jugendstiljuwel, das sich inmitten von Wiesen und Wäldern erhebt. Die Naturkulisse ist spektakulär. Wozu aber noch ein Festival nahe Reichenau? Wo doch das Intendantenpaar Renate und Peter Loidolt seit mehr als 25 Jahren erfolgreich mit Stücken von Nestroy bis Schnitzler den Genius loci der Region nützt? „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Sommerspielen, sondern als alternatives Angebot“, stellt Neo-Intendantin Anna Maria Krassnigg im Gespräch mit WINA klar. „Wir bieten eine andere Formensprache, andere Inhalte, andere Autoren. Bei der Bergung literarischer Schätze konzentrieren wir uns auf die Vertriebenen, die Sperrigen, die Vergessenen.“

Hoch gestapelt: Martin Schwanda brilliert als Falschspieler in den Fängen der eigenen „Zunft“.
Hoch gestapelt: Martin Schwanda brilliert als Falschspieler in den Fängen der eigenen „Zunft“.

Ein gelungenes Beispiel dafür ist das Eröffnungsstück: Der Wiener Romancier und Publizist Robert Neumann, 1975 im Alter von 78 Jahren gestorben, gehört zu jenen Autoren, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Die Hochstaplernovelle von 1930 galt lange Zeit als verschollen und wurde erst kürzlich in der Reihe „Wiener Literaturen“, herausgegeben von Alexander Kluy, wieder aufgelegt: Auf so charmante und wie amüsante Weise verhandelt der Text die Abenteuer des Falschspielers und Dandys Emil, der in den Grand Hotels die oberen Zehntausend nach allen Regeln der Kunst ausnimmt.

Die „Wortwiege“-Aufführung des Stücks – inszeniert von Krassnigg und dem jungen Regisseur und Autor Jérôme Junod sowie mit Martin Schwanda in der Titelrolle – feierte kürzlich Premiere (und wird im August und September noch auf dem Spielplan stehen). Schwanda glückt bei der Premiere ein großer Auftritt:  Im schneeweißen Anzug eroberte der Schauspieler den ehemaligen Ballsaal. Der großzügig angelegte Raum mit der hohen Fensterfront gibt einen phänomenalen Blick auf die Reichenauer Berglandschaft frei: Zu Beginn der Aufführung ist es im Saal noch hell, im Lauf der 80-minütigen Vorstellung geht die Sonne hinter den Bergen unter. Schwanda spielt mit lässiger Grandezza, setzt vom Gazehandschuh bis zum Tennisracket gekonnt eine Vielzahl von Requisiten ein. Er scharwenzelt zwischen den Tischen, an denen die Besucher sitzen. Der besondere Reiz der Aufführung liegt darin, dass an genau diesem Ort eine Figur wie Emil seinen unlauteren Geschäften nachgehen könnte, dass hier tatsächlich Unsummen mit im Spiel sein könnten – gewonnene und wieder verlorene. Ein heutiges Stück. „Mich fasziniert, wie Neumann in dem Text die Haifischgesellschaft anprangert“, erzählt Krassnigg.

Energie der großen Namen
Christian Mair und Anna Maria Krassnigg widmen  sich ihrem neuen gemeinsamen Kulturabenteuer.
Christian Mair und Anna Maria Krassnigg widmen
sich ihrem neuen gemeinsamen Kulturabenteuer.

Parallel zur Hochstaplernovelle wurde am letzten Juni-Wochenende im Reichenauer Umland auch La Pasada uraufgeführt. Das neue Stück von Anna Poloni fördert unliebsame Familiengeheimnisse zu Tage. Krassnigg gestaltet das enigmatische Spiel in Form einer Bühnenschau als raffinierte Kombination von Film und Live-Erlebnis. Erni Mangold, Doina Weber und Martin Schwanda sind in La Pasada zu hören und zu sehen. Formate in Zusammenarbeit mit Studenten des Reinhardt-Seminars und der Filmhochschule stehen weiters am Programm. „Die Zusammenarbeit mit Studierenden ist für mich eine Herzenssache“, sagt Krassnigg, langjährige Professorin für Regie am Wiener Max Reinhardt Seminar.

Die „Atmosphäre, das Flair und die Energie des Hotels“, fährt die 45-Jährige fort, seien ausschlaggebend gewesen, dass sich das Team um Krassnigg entschlossen hätte, das ambitionierte Kulturprojekt „Wortwiege“ zu starten. Seit der Biedermeierzeit zählt das Kurhaus Thalhof zu den bevorzugten Hotels für die Sommerfrischler aus der Wiener Prominenz – Staatsmänner, Schauspieler und Schriftsteller logierten hier. Franz Grillparzer, Johann Nestroy, Adalbert Stifter, Arthur Schnitzler. Letzterer verglich den Ort gar mit der Wiener Ringstraße. Das Hotel sei, so Krassnigg, ein „hochkarätiger Ort für Gedanken und Geschichten“, den man nicht museal und sentimental betrachten dürfe, vielmehr als „Inspirationsquelle für heutiges Denken“.

„Das ganze Unternehmen ist ein Experiment“, fasst die künstlerische Leiterin die Verbindung von Literatur, Bühnenspiel und kulturwissenschaftlicher Diskussion zusammen. Unterstützt von Autoren wie Robert Schindel und Franz Schuh sowie WissenschaftlerInnen wie Evelyne Polt-Heinzl und Wolfgang Müller-Funk will sich die „Wortwiege an der Rax“ auch in Zukunft explizit auf die Suche nach vergessenen Autorinnen und Autoren der Jahrhundertwende machen. Und das sei, so Krassnigg, nichts weniger als ein „Abenteuer“. ◗

Termine

Die Hochstaplernovelle steht noch bis 6. September auf dem Spielplan. Mit Der Traum ein Leben findet am 23. August eine Grillparzer-Annäherung mit Musik von Franz Schubert im Rahmen der Internationalen Sommerakademie statt.
Der Autor Wilfried Steiner hat Künstlerporträts von S. T. Coleridge bis Gustav Mahler entworfen. Im Beisein des Autors wird am 30. August das Triptychon der Künste in einer szenischen Lesung umgesetzt.
Im Rahmen von „spiel.ball“ werden die Aufführungen von einem wissenschaftlich-künstlerischen Programm begleitet. Wissenschaftler und AutorInnen, etwa Franz Schuh, Julya Rabinowich oder Paulus Hochgatterer, setzen sich mit Literatur aus Kakanien auseinander.
thalhof-reichenau.at

Bilder: © Thalhof; Christian Mair

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