Abschaffen, bitte!

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Gedanken zum alljährlichen rot-weiß-roten Fähnchenschwingen. Von Alexia Weiss

Im zu Ende gegangenen Oktober hat Österreich wieder einmal gefeiert. Sich. Seine Freiheit. Nationalfeiertag am 26. Oktober. Das Kind, inzwischen in der dritten Klasse Volksschule, hat dazu aus dem Unterricht mitgenommen: Die Franzosen, die Briten, die Russen und die Amerikaner haben das Land vom bösen Adolf Hitler befreit, der Menschen, die ihm nicht in den Kram gepasst haben, obwohl er sie persönlich gar nicht kannte, vertrieben und getötet hat. Allerdings sind die Soldaten dieser vier Länder dann zehn Jahre in Österreich geblieben und haben die Menschen hier kontrolliert, was auch nicht angenehm gewesen ist. So war man dann sehr froh, als der letzte Soldat im Oktober 1955 das Land verlassen hat. Endlich frei!

„Am 8. Mai 1945 hat nach meinem Verständnis die Freiheit Österreichs begonnen …“

Ja, in den Jahrzehnten seit meiner Volksschulzeit hat sich da schon etwas geändert. Aber ehrlich? Noch nicht genug. Erstens: An diesem Tag im Jahr 1955 wurde das Neutralitätsgesetz beschlossen. Beim Abzug des letzten Soldaten einen Tag zuvor, also am 25. Oktober 1955, der ein russischer gewesen sein soll, handelt es sich dagegen mehr um eine Legende: Die Sowjets waren bereits im September vollständig abgezogen, die letzten Briten verabschiedeten sich dagegen erst Ende Oktober aus Kärnten. Aber es geht um das große Ganze, ich will hier also nicht kleinkrämerisch sein. Die Alliierten sind um dieses Datum herum abgezogen, so weit, so richtig.

Was mir aber fehlt: die Vermittlung, warum es so wichtig war, dass sie die zehn Jahre von 1945 bis 1955 in Österreich geblieben sind. Was Entnazifizierung bedeutet (auch wenn diese hierzulande zu wünschen übrig ließ, aber es gab Ansätze, immerhin). Wie man ein Land wiederaufbaut, nachdem ein derartiger Unrechtsgeist geherrscht hat – weil es in so einem Fall eben nicht nur darum geht, Häuser zu errichten und Straßen zu reparieren, sondern eine unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen, demokratische Strukturen zu schaffen, einen Rechtsstaat aufzubauen.

Achtjährigen kann man durchaus schon das Verständnis für Graustufen zumuten – denn auch das wirkliche Leben schreibt sich nicht allein in schwarz und weiß in die Geschichtsbücher ein. Ja, nicht alle Österreicher waren Nazis, viele haben diese Zeit durchlebt, ohne sich persönlich an Verbrechen zu beteiligen, manche haben auch Verfolgten geholfen, indem sie sie versteckten, mit Essen ver- oder falsche Papiere besorgten. Und auch nicht alle Besatzungssoldaten waren gut und integer, Diebstahl und Vergewaltigungen gab es, auch da ist nichts zu beschönigen.

Was mir wichtig war, meinem Kind zu erklären: dass man Gesetzen, die diktatorisch erlassen werden, nicht unbedingt Folge zu leisten hat, wenn man das Gefühl hat, dass sie Unrecht sind. Warum durften Juden nicht mehr im Staatsdienst arbeiten, Kinder nicht mehr die Schule besuchen, wurde Menschen einfach ihr Besitz weggenommen?

Was auch immer eine Autorität – der Staat, ein Vorgesetzter, aber auch ein vermeintlich guter Freund – einen auffordert zu tun: Man macht es nicht unref-lektiert. Man denkt zuerst nach, ob es einem selbst richtig erscheint. So weit dazu.

Was auch immer man aber nun den Kindern jedes Jahr im Oktober vermittelt: Es ändert nichts daran, dass am 26. Oktober der Nationalfeiertag begangen wird. Sich dafür diesen Tag auszusuchen, halte ich (und wohl viele andere auch) für problematisch. Wirklich zu feiern gäbe es im Mai, denn im Mai 1945 war Adolf Hitler endlich Geschichte. Am 8. Mai 1945 hat nach meinem Verständnis die Freiheit Österreichs begonnen, als Hitler besiegt und keinem Menschen mehr sein Lebensrecht abgesprochen wurde, nur weil er einer plötzlich nicht mehr genehmen Gruppe angehörte. Man könnte für den Nationalfeiertag also ein anderes Datum wählen. Oder aber: Man schafft ihn ersatzlos ab. Das hielte ich für die beste Variante. ◗

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