DAS ENDE EINER ÄRA – Antisemitismus an den Unis

Antisemitismus an Universitäten: Zwei neue Bücher beleuchten die Problemlage aus verschiedenen Perspektiven.

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unsplash.com/de/@domlafou


Zwei neue Bücher beleuchten die Problemlage aus verschiedenen Perspektiven.

In Ausnahmezustand berichten jüdische Lehrende über die Zäsur 7. Oktober – und liefern dabei teils erschütternde Erfahrungsberichte. Wie andererseits gerade an den Unis in manchen Disziplinen Antisemitismus noch verstärkt wird, beleuchtet die Publikation Akademischer Antisemitismus. 

Hanoch Ben-Yami ist Professor für Philosophie an der Central European University (CEU) in Wien. „Im Studienjahr 2024–2025 übten antiisraelische Aktivisten Druck auf Studierende aus, meine Lehrveranstaltungen nicht zu besuchen“, schreibt er in einem Essay über seine Erfahrungen mit Antisemitismus in dem dicken Band Ausnahmezustand, herausgegeben von Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling. „Eine Studierende erzählte mir, ihr sei gesagt worden: ‚Warum belegst du Kurse bei diesem Zio?‘“ 

Der Mathematiker Boris Vexler lebt religiös und ist daher auch in seinem Arbeitsalltag durch Kippa und Zizit als Jude erkennbar. Er hat einen Lehrstuhl für optimale Steuerung an der Technischen Universität München inne. Er stellt fest: „Ich spüre, dass ich persönlich in der letzten Zeit versuche, immer weniger mit manchen meiner Kollegen Kontakt zu haben, weil es irgendwann unangenehm geworden ist.“ Er erzählt vom Schweigen nach dem 7. Oktober, von ausweichenden Kommentaren, wenn er selbst das Thema anschnitt. Er lobt aber den Präsidenten seiner Uni, dieser habe nach dem Überfall der Hamas auf Israel als einer der wenigen Hochschulpräsidenten in Deutschland die richtigen Worte gefunden.

Die richtigen Worte seitens ihrer Unileitung hat Lisa Baumann in den vergangenen Jahren immer wieder vermisst. Sie ist Fachreferentin für Judaistik/Jüdische Studien an einer Universitätsbibliothek im deutschsprachigen Raum. Sie schildert, wie bereits am 9. Oktober 2023 eine bibliothekarische Fachvertreterin mit Kufiya zur Arbeit erschien und damit die Stimmung prägte. Sie schildert, wie das Kuratieren einer Literaturliste zum Nahostkonflikt durch Vertreter der Fächer Geschichte, Politik, Nahoststudien und Judaistik schließlich in der Empfehlung von Büchern mündete, die die Hamas als legitimen Player und Befreiungsorganisation darstellten. Die Vorschläge von Literatur, die sich auf den Antisemitismus 2.0 bezog, wurden hingegen gestrichen.

Lisa Baumann heißt übrigens nicht wirklich Lisa Baumann: Die Bibliothekarin entschied sich, ihren Erfahrungsbericht unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Bernstein, Bodenheimer und Schilling gehören dem 2023 als unmittelbare Reaktion auf den nach dem Überfall der Hamas auf Israel angestiegenen Antisemitismus gegründeten Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Es hat heute rund 200 Mitglieder an 100 Hochschulen. Das Netzwerk bemühte sich für den nun vorliegenden Band Ausnahmezustand so viele Stimmen wie möglich zu versammeln. 61 sind es am Ende geworden – denn so mancher und manche zog seinen oder ihren Beitrag schließlich doch noch zurück, schildert das Herausgeber-Team. „Andere wählten den Weg der Anonymisierung oder griffen zu Pseudonymen mit tiefer symbolischer Bedeutung, etwa den Namen von Vorfahren, die die Shoah überlebt hatten.“

Die Herausgeber halten nun, da der mehr als 500 Seiten starke Band vorliegt, fest: Das Publikationsprojekt sei „zu einer Vermessung des Unsagbaren geworden“. Einer, der mit Klarnamen zur Feder griff, ist der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici, der auch an der Universität für angewandte Kunst lehrt. Dort sei es zu einer Demonstration gekommen, bei der eine Rednerin behauptet habe, es sei am 7. Oktober gar kein Verbrechen gegen Israel begangen worden, denn alle Israelis seien schuldig. Die Verbrechen der Hamas seien von ihr abgestritten worden. Dazu passe auch, dass eine alte Bekannte die sexuellen Untaten der Hamas leugnete. Sie habe ihm sogar Artikel „über die sogenannte Vergewaltigungslüge“ zugesandt. 

Pointiert schildert er auch ein Geburtstagsessen mit Freunden in einem libanesischen Lokal in Wien. Überraschend servierte die Belegschaft eine Dessertauswahl mit Kerze und stimmte „Happy Birthday“ an, die arabischen Gäste rundum stimmten mit ein. Bei den Worten „Happy Birthday, dear“ hätten sie kurz innegehalten, sie warteten, dass die Runde an seinem Tisch seinen Namen vorsängen, „worauf der rechts von mir – nach einer Schrecksekunde – ein ‚Franzi‘ intonierte, doch die links neben mir ein ‚Hansi‘ herausrief“.

Ein kurzer Moment, der im Moment selbst folgenlos blieb. Das Lied war fertiggesungen, nichts war geschehen. „Aber während ich den süßen Honigblätterteig aß, merkte ich, dass ich dort irgendetwas verloren hatte, das nicht weniger war als ein Teil von mir selbst. Dahin oder zumindest beschädigt ist seit dem 7. Oktober die gewisse Unbefangenheit und die nach 1945 allmählich aufkeimende Selbstverständlichkeit, die jüdische und die israelische Identität überall offen leben zu können.“

Wie Rabinovicis Bericht wechseln auch viele der anderen Beiträge zwischen den Erfahrungen im universitären und im privaten Bereich hin und her. Der Leser spürt: Das ist auch nicht voneinander loszulösen. Eltern schildern, wie man ihren Kindern in der Schule begegnet. Andere, wie der Freundeskreis immer kleiner wird. An den Unis wiegt diese Entwicklung aber doppelt schwer, wie die Herausgeber hervorstreichen: „Dieses Buch dokumentiert nicht nur Ereignisse; es dokumentiert die Kosten der Wahrheit in einem System, das sich eigentlich der Freiheit der Lehre und des Wortes verschrieben hat.“ Mehrere Beiträge würden zudem schildern, dass es nicht nur um Formen des Ausschlusses gehe, sondern auch um Boykottinitiativen.

Das Erschütterndste an dieser Zusammenschau sei nicht allein die Schwere der geschilderten Vorfälle, sondern ihre Häufung sowie die massive Barriere des Schweigens. Dieses sei dem Team doppelt begegnet: als Überlebensstrategie jüdischer Betroffener und als Reaktion des beruflichen Umfelds gegenüber diesen Betroffenen in Form des Ausbleibens kollegialer Solidarität. „Im akademischen Kontext hat dies zur Folge, dass jüdische Perspektiven zunehmend verstummen, während ein agitatorischer Diskurs den Raum monopolisiert.“

Für jüdische Hochschullehrende gebe es ein vor und ein nach dem 7. Oktober, so die Herausgeber. Für viele von ihnen „markiert dieses Datum das Ende einer Ära, in der man glaubte, Antisemitismus sei ein Phänomen des extremistischen Randes oder der Vergangenheit.“ Das laute Schweigen, das auf das Massaker folgte, sei als Verrat an den Grundwerten der Aufklärung erlebt worden. „Wenn das Leid der Opfer relativiert oder gar geleugnet wird, bricht die Basis des gemeinsamen Wertehorizonts weg. Wenn die Existenz des jüdischen Staates als solche als rassistisch-koloniales Projekt delegitimiert wird, zerfällt für jüdische Menschen die Grundlage für Dialog und Verständigung.“ Zusätzlich werde der Campus, ehemals als „Safe Space“ der Ratio imaginiert, zum Ort der Bedrängung, „an dem die israelsolidarische Haltung oder die bloße jüdische Herkunft zur Zielscheibe wird“. Wovon viele der Hochschullehrenden zudem berichtet hätten: von der Erfahrung, als jüdischer Mensch in einer Krisenzeit auf sich allein gestellt zu sein.

Verstärkt wird dieses Gefühl durch das, was jüdische Wissenschafter und Wissenschafterinnen auch fachlich an den Unis erleben – das wirkt darüber hinaus in die gesamte Gesellschaft hinein. Im Buch Akademischer Antisemitismus suchen die beiden Herausgeber Andreas Jacobs und Richard Ottinger Antworten auf die Frage, „wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten“. „Eigentlich müssten Wissenschaften Bastionen gegen Hass, Hetze und Irrationalität sein. Eigentlich sollten an Universitäten, Hochschulen und Bildungseinrichtungen methodisches Arbeiten, kritisch abgewogenes Denken und das ergebnisoffene Streben nach Erkenntnis gelehrt, gelernt und gelebt werden“, so die ersten Sätze von Jacobs und Ottinger. 

Ihr Fazit: Die Realität habe schon immer anders ausgesehen, „denn Judenhass und Antisemitismus wurden schon immer auch in scheinbar akademischen Diskursen begründet und befeuert. Es waren nie nur allein der dumpfe Hass, das Vorurteil und die rohe Gewalt, die jüdisches Leben bedrohten. Es waren oft auch der vermeintlich gelehrte Gedanke dahinter, das vorgebliche Suchen nach Wahrheit und Gerechtigkeit und die Konstruktion von Kontexten und Zusammenhängen, die den geistigen Brennstoff für den Angriff auf alles Jüdische lieferten.“

Und so versammeln Jacobs und Ottinger in ihrem Band jede Menge Beiträge von Experten und Expertinnen, die sich ihrerseits auf die Suche nach genau diesen Kontexten und Zusammenhängen machen. Ingo Elbe setzt sich dabei mit den postkolonialen Parolen gegen Israel auseinander, Hendrik Hansen mit den ideengeschichtlichen Wurzeln des Antisemitismus in der linken Israelkritik. Verena Buser beschreibt den Kampf um Deutungshoheiten, wurde der Genozidbegriff doch ursprünglich in der Holocaustforschung geformt. Weitere Kapitel befassen sich zum Beispiel mit Israelfeindschaft in Ethnologie und Orientwissenschaft, mit Israel als „Jude unter den Staaten“, also Antisemitismus im Völkerrecht, oder religiösen, ideologischen und psychosozialen Wurzeln des Antisemitismus unter Muslimen. Inwiefern das ein akademisches Thema ist? Die Annäherung von Autor Günther Jikeli ist hier eine andere: Für diesen Antisemitismus gebe es empirische Belege, dennoch werde er „akademisch ignoriert“.

Die beiden Bücher Akademischer Antisemitismus und Ausnahmezustand beleuchten verschiedene Teile eines Ganzen. Dass nach all den Bemühungen um Aufarbeitung der Shoah und all dessen, was zum NS-Unrechtsregime mit seinem Rassenwahn führte, gerade die Unis – wieder – zu einem Ort werden, an dem Juden und Jüdinnen mit Feindseligkeit begegnet wird, an dem in verschiedensten Disziplinen Antisemitismus sogar wieder der Weg bereitet wird, ernüchtert und macht ohnmächtig. 

Gleichzeitig halten Publikationen wie diese der Ohnmacht aber auch etwas entgegen: Hier wird dokumentiert, hier wird Klartext geredet, hier wird nicht geschwiegen. Wer wissen möchte, kann hier nachlesen – und in entsprechender Position, etwa in Uni- und Institutsleitungen idealerweise auch handeln. 

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