Aktivismus in Dosen

Es gibt immer ein erstes Mal – aber auch ein letztes. In dieser Ausgabe erzählt Aktivist Alon Ishay über Kreide aus der Dose, Selbstbeherrschung und das anstrengende Wort „Tüte“.

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© Jüdische österreichische Hochschüler:innen (JöH)

Alon Ishay, in Frankfurt am Main geboren, studiert Sprachkunst und Psychologie und engagierte sich bis Oktober 2025 als Präsident der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Mit Aktionen wie einer Mahnwache gegen Rechtsextremismus und Protesten gegen die Instrumentalisierung des Holocaust- Gedenkens sorgte Ishay für öffentliche Aufmerksamkeit. Für den Einsatz der JöH wurde die Organisation mit dem Leon- Zelman-Preis ausgezeichnet. Anfang Juli wurde er nach einer künstlerischen Intervention am ehemaligen Karl-Lueger-Denkmal Ziel antisemitischer Beschimpfungen und eines tätlichen Angriffs.

 

Das letzte Mal,

dass ich eine gute Idee hatte,
war, … als ich am helllichten Tag
beschloss, eine Kreidespraydose in
Betrieb zu nehmen.

Das letzte Mal, dass ich besonders
mutig sein musste, war, …
als ich mich dazu aufrappelte,
nicht Student, sondern jüdischer
Student zu sein.

Das letzte Mal, dass meine
Vernunft gesiegt hat, war, …
als ich voller Selbstbeherrschung
keine Beamtenbeleidigung gegen
den idiotischen Einsatzleiter der
LPD Wien äußerte, der in Kreide einen
Anfangsverdacht für schwere
Sachbeschädigung halluzinierte
und mich aufforderte, das Ehrenmal
eines Antisemiten
zu schrubben.

Das letzte Mal, dass ich mich als
wienerisch empfand, war, …
als ich mich in einem deutschen
Supermarkt anstrengen musste,
nach einer „Tüte“ zu fragen.

Das letzte Mal, dass mich etwas
in gute Sommerlaune versetzt
hat, war … der Beginn der vorlesungsfreien
Zeit und folglich drei
Monate Ruhe: Die wenig wirksamste
Strategie gegen Antisemitismus
an Hochschulen bleibt
nach wie vor, alle Antisemit:innen
in den Urlaub zu schicken.

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