Aliosha Biz: Im Himmel der Wiener Musikszene

ALIOSHA BIZ, 1970 in Moskau geboren, kam als Achtzehnjähriger nach Wien – und geigte sich in den Himmel der Wiener Musikszene hinauf. Zusammenarbeiten folgten u. a. mit Maria Bill, Timna Brauer, Herbert Föttinger, Elisabeth Kulman, Karl Markovics, Roland Neuwirth, Michael Schottenberg – und dem Komponisten Hans Tschiritsch, der ihn 1989 beim Musizieren in der Fußgängerzone entdeckte und förderte. Biz ist überzeugter Weltbürger, leidenschaftlicher Weintrinker und vierfacher Vater. Bäume hat er auch gepflanzt. Er bleibt in Wien – ganz sicher.

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© Ronnie Niedermeyer

Im Schicksalsjahr 1989, am 8. Juli, kam ich über Umwege durch Ungarn nach Wien. Rund um mich herum stürzten damals kommunistische Regimes zusammen, und Europa erfand sich neu. Die Donaumetropole war plötzlich wieder „mittendrin“ und nicht mehr „am Rande“. Und obwohl ich die Stadt ursprünglich nur als Zwischenstation betrachtete (jeder russische Musiker, der etwas auf sich hielt, wollte damals in die USA!), blieb ich hier. Wien umarmte mich und flüsterte mir dabei ins Ohr: „Bleib da!“ Doch Zufälle gibt es nicht: Schließlich wurde meine Oma, Minna Brand, hier geboren. 1938 flüchtete sie achtzehnjährig mit ihrer Mutter Berta nach Lemberg. Nach Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Pakts überfiel die Wehrmacht Polen von Westen; die Rote Armee folgte von Osten. Lemberg wurde zu Lwów. Dort lernte meine Großmutter den bekannten russischen Filmemacher Michael Slutzki kennen und heiratete ihn. Mein Großvater, den ich leider nie kennenlernte, wurde bald darauf von den Stalin-Schergen verhaftet und nach Kasachstan in die Verbannung geschickt. Die beiden Wienerinnen Minna und Berta Brand folgten ihm. Erst Jahrzehnte später durfte Minna Slutzki-Brand ihre Heimatstadt wiedersehen. 1992 traf ich vor Ort die Vorkehrungen für ihre Rückkunft. In der Zwischenzeit sah ich mich schon als eingefleischten Wiener, als aktiven Teil des kulturellen Schmelztiegels und der wilden Musikszene. Von Klassik bis Jazz, von griechischem Rembetiko bis zur Klezmermusik, überall waren meine Geige und ich mit dabei. Bis heute hatte ich das Glück, immer von der Musik leben zu dürfen: Zum Beispiel als Fiedler auf dem Dach in knapp dreihundert Vorstellungen von Anatevka. Ab Oktober wird das Stück im Theater Baden wieder aufgeführt, und schon im November hat mein erstes Solomusikkabarettprogramm Premiere.
Ich meinte ja schon vorhin, es gebe keine Zufälle: Als ich 1989 mit achtzehn Jahren nach Wien kam, beherbergte mich die Familie Ebner in der Leopoldsgasse 51. Viel später, nach dem Tod meiner Großmutter, fand ich in ihren Dokumenten eine Heiratsabsichtserklärung ihrer Eltern, unterzeichnet in der Leopoldsgasse 51 – justament in meinem ersten Quartier. Und nachdem ich 2004 meine Frau kennenlernte, stellte sich heraus, dass die gebürtige Leopoldstädterin 1989 mit den Kindern der Familie Ebner in die Schule ging. So schließen sich meine Wiener Kreise.
Tipp: Der Heurige Hengl-Haselbrunner in Döbling hat nicht nur sensationellen Wein, sondern gilt auch als Mekka des Wienerliedes. Dienstags spielt Livemusik bis spät in die Abendstunden. Touristen verirren sich nur selten hierher: Es ist ein Ort für gebürtige und gelernte Wiener, die wissen, wo’s lang geht.

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