Alltag im Schutzraum

Das Leben in Israel im Kriegszustand ist schon länger im dritten Jahr angekommen. Das heißt auch, den Alltag immer wieder neu einrichten zwischen „Schutzraum-Zeit“ und dem – fast – ganz normalen Leben zwischen Familie und Arbeit, Freunden und Freizeit. Soziale Medien helfen, der „Mamad“ zuhause nicht immer.

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© APA-Images / Ronen Zvulun

Die Menschen sind bereit, den Krieg auszusitzen. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass auf diese Weise der iranischen Bedrohung ein für alle Mal ein Ende gesetzt wird. Ob das gelingen kann, bleibt auch nach mehr als drei Wochen offen. Seither, das muss man ihnen dort zugestehen, lassen die Mullahs und ihre immertreuen Gefährten hier durchaus soziale Gerechtigkeit walten. Wenn man jetzt einmal vom Norden des Landes absieht, der wirklich ununterbrochen und vor allem von der Hisbollah beschossen wird, gibt es kaum mehr Ortschaften, die sich nicht in der Schusslinie befinden. Ein Resort in der Arava-Wüste hat deshalb gerade seinen Namen verlängert. Fortan, so steht es auf booking.com, heiße es „Desert Stay with Shelter Access“. Das ist die neue Realität. Und niemand geht davon aus, dass sich das so schnell drastisch ändern wird. Sicherlich nicht vor Pessach.

In der Zwischenzeit halten die Menschen einfach weiter durch. Es bleibt ihnen nicht viel anderes übrig.

Viele WhatsApp-Gruppen, in denen Familienmitglieder begonnen hatten, die Menübeiträge untereinander aufzuteilen, sind inzwischen wieder aufgelöst worden. Es gibt dafür andere Apps, die Hochkonjunktur haben. Kann ich mich duschen? heißt eine, die je nach Wohnort hochrechnet, wann der Zeitpunkt dafür am günstigsten ist. Eine andere heißt Schutzraum-Zeit, da wird gemessen, wer sich wo und wie lange bereits dort aufgehalten hat. Am besten schneidet Mitzpe Ramon ab.

Eine Art von Alltag in Tel Aviv geht trotzdem irgendwie weiter. Man lernt dabei den Untergrund besser kennen, sieht, wie die anderen es sich dort eingerichtet haben. Beim Bunkervergleich schneidet unserer recht gut ab. Außer dass es ein bisschen staubig ist, gibt es keinen Geruch bei uns, die beiden Hunde sind brav und lassen sich streicheln. Die drei Zweijährigen spielen tagsüber, nachts schlafen sie meist, wenn sie von den Eltern vorsichtig heruntergetragen werden. Nur das fünf Wochen alte Baby wird manchmal von der Sirene beim Stillen unterbrochen. Die 96-jährige Nachbarin aus dem ersten Stock schafft die Treppen ins Untergeschoss nur äußerst mühsam, sie kommt deshalb nicht immer. Wann immer sie es versucht, wobei wir ihr alle helfen, gibt es einen kleinen Stau. Und schließlich muss dann auch noch die schwere Stahltür rechtzeitig geschlossen sein, bevor es draußen knallt.

Es gibt dafür andere Apps, die Hochkonjunktur haben.
Kann ich mich duschen? heißt
eine, die je nach Wohnort hochrechnet, wann der Zeitpunkt dafür am günstigsten ist.

Dass unser Bunker direkt im Haus ist, macht uns im Vergleich zu Privilegierten. Was sind schon sechs Stockwerke, die man nach unten geht, wenn andere mehrere hundert Meter auf der Straße in eine öffentliche Schutzanlage laufen müssen?

Ein nettes Bild der neuen unterschiedlichen Muskelmassen in den Beinen zirkuliert gerade. Am wenigsten trainiert sind demnach jene, die einen „Mamad“, also einen gesicherten Schutzraum in der eigenen Wohnung haben. Da kann man tatsächlich neidisch werden. Aber dafür bleibt man eben muskelarm. Lustig ist das alles aber nicht wirklich. Wer alt und gebrechlich ist oder krank, bleibt oft einfach da, wo sie oder er ist. Oder stellt sich bestenfalls in das Treppenhaus.

An der Seite der Müdigkeit dominiert ein Durchhaltevermögen, das es in dieser Form vermutlich nur in Israel gibt. Auch das Frühjahrssemester an der Jerusalemer Universität hat trotz allem gerade begonnen. Die Kenntnisse in Hinblick auf Fernunterricht, wie er zu Corona-Zeiten ausgeübt worden war, sind noch da. Sie mussten nur aufgefrischt werden. Vor allem für Reservisten, die eingezogen wurden, um an der zweiten Front im Norden erneut gegen die Hisbollah zu kämpfen, kann das ein Einschnitt sein, der dem ersehnten Studium im Weg steht.

An den krächzenden Sound des Voralarms, der bei Beschuss aus dem Iran ausgelöst wird, gewöhnt man sich nicht. Zum Glück aber gibt es ihn. So bleiben wenigstens ein paar Minuten Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.

An den krächzenden Sound des Voralarms, der bei Beschuss aus dem Iran ausgelöst wird, gewöhnt man sich nicht. Zum Glück aber gibt es ihn. So bleiben wenigstens ein paar Minuten Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Nicht so im Norden Israels, wohin viele Familien erst vor wenigen Monaten zurückgekehrt sind. Dort gibt es nur eine Sirene, die vor Hisbollah-Angriffen warnt und die einem dann allenfalls wenige Sekunden lässt, um sich irgendwo zu verschanzen. Manchmal gibt es auch koordinierte Attacken – aus dem Libanon und aus dem Iran. Auch dort im Norden machen die Menschen das mit, weil sie hoffen, dass diesmal etwas passiert, das ihnen langfristig Ruhe verspricht. Ob das dann tatsächlich so sein wird, weiß gerade niemand.

Mit jedem Tag wird das Regime im Iran weiter geschwächt, aber es hält – wenigstens bisher – ebenfalls weiter durch. Es hat möglicherweise doch mehr Raketenpower als angenommen und eine schier unerschöpfliche Quelle an Nachfolgern für alle ihre getöteten Anführer. Im Idealfall bricht das System dort dennoch bald zusammen, was eine Gelegenheit zum Reset im Nahen Osten wäre.

Richtig schlecht kann einem allerdings werden, wenn man mit der Phantasiewelt konfrontiert wird, die in unzähligen Portalen und Posts im Internet gemalt wird. Purer Antisemitismus hat sich dort längst auf neue Weise die Bahn gebrochen. Und selbst, wenn man wollte, käme man gar nicht hinterher, um all den Fake News, die über die „wahren Zustände“ in Israel zirkulieren, das mit dem Rücken zur Wand stehen würde, etwas entgegenzusetzen.

„Dass unser Bunker direkt im
Haus ist, macht uns im
Vergleich zu Privilegierten. Was
sind schon sechs Stockwerke,
die man nach unten geht,
wenn andere mehrere hundert
Meter auf der Straße in
eine öffentliche Schutzanlage
laufen müssen?“
Gisela Dachs

Ja, die Menschen sind erschöpft, und es ist draußen oft auch ziemlich gefährlich. Aber das heißt nicht, dass sie nicht weiter auf eine bessere Zukunft hoffen, die sich – hoffentlich – bald abzeichnen wird.

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