„Als wäre ich in der Leopoldstadt aufgewachsen“

Julius Hafner produziert in zweiter Generation koschere Weine im Burgenland. Die preisgekrönten Bioreben werden weltweit nicht nur von Juden wertgeschätzt.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Wie kommt ein burgenländischer Weinbauer auf die Idee, koschere Weine zu produzieren?
Julius Hafner: Die Idee stammte in den späten 1970er-Jahren von der Kultusgemeinde in Wien. Man wollte eine heimische Koscherweinproduktion haben, nicht zuletzt deshalb, weil Österreich damals noch kein EU-Mitgliedsland war, der Import von Wein also aufwändig und mit hohen Zöllen belegt war. Begonnen hat dann mein Vater um 1980 mit der Produktion eines weißen und eines roten Koscherweines. Durch das Zurverfügungstellen eines eigenen Produktionsbereichs im Weingut hat die Zusammenarbeit mit Oberrabbiner A. Y. Schwartz und Maschgiach I. Lichtenstein von Anfang an sehr gut funktioniert. Die Tatsache, dass sich ein koscheres Weingut im Burgenland etablieren konnte, hat auch einen schönen geschichtlichen Bezug: Die sieben jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, die „Sheva Kehillot“, sind in den alten Schriften als die besten Weinbauregionen der jüdischen Welt beschrieben, und der Großteil unserer Weingärten liegt in Frauenkirchen, einer der damaligen sieben Gemeinden.

»Biolandwirtschaft funktioniert –
wenn es auch ein paar Jahre braucht,
um die Reben von der Chemie zu
entwöhnen.«

Wie ist Ihre Familiengeschichte mit dieser Region verknüpft?
Mönchhof gilt mit dem Gründungsdatum 1217 als älteste Weinbaugemeinde Österreichs. Der Name Hafner lässt sich bis in die ältesten Chroniken des Ortes nachweisen. Unsere Familie ist also schon seit vielen Generationen hier ansässig und hat sich auch immer mit Wein beschäftigt. Früher war es eine gemischte Landwirtschaft mit Tieren, Getreide und Wein. Seit den 1960er-Jahren befassen wir uns ausschließlich mit dem Weinbau.

Ihre Weine sind nicht nur koscher, sondern auch biologisch und vegan. Welchen Wert haben diese Eigenschaften für Sie, welchen Wert haben sie für Ihre Kundschaft?
Den Wunsch, biologisch zu produzieren, hatte ich schon lange. Im Jahr 2007 fand ich dann auch den Mut zum Ausstieg aus der konventionellen Landwirtschaft. Die Angst vor Ernteausfällen durch Schädlinge und Pilzkrankheiten war davor viel zu groß, weil die Pharmaindustrie diese Angst unter den Landwirten schürt. Biolandwirtschaft funktioniert aber – wenn es auch ein paar Jahre braucht, um die Reben von der Abhängigkeit der Chemie zu entwöhnen. Heute bin ich wirklich froh, Biotrauben zu Verfügung zu haben und daraus wohlschmeckende Produkte ohne chemische Rückstände produzieren zu können. Unsere Mitarbeiter müssen bei der Blattarbeit im Weingarten nicht mit giftigen Pflanzenschutzmitteln hantieren. Zu dem Zeitpunkt, wo wir umgestiegen sind, war die Kombination von koscher und biologisch weltweit einzigartig. Koschere Lebensmittel werden in den USA schon seit Längerem vermehrt auch von Menschen gekauft, die mit Judentum nichts zu tun haben, es besteht ein gewisses Vertrauen in die „reinen“ Produkte. Übliche Hilfsmittel wie Gelatine (aus Knochen oder Gräten), Kasein (Milch), Albumin (Ei) oder Hausenblase (Fisch) sind bei unseren Produkten tabu, damit sind sie auch für Veganer geeignet.

Was sind häufige Vorurteile koscheren Weinen gegenüber, und wie begegnen Sie diesen?
Gültige Vorurteile sind mir nicht wirklich bekannt. Früher galten koschere Weine als zu süß, womit wohl bestimmte israelische Kidduschweine gemeint waren, aber heute kann man das sicherlich nicht mehr sagen. Das Vorurteil der jüdischen Klientel gegen mevushale Weine begegnet mir allerdings immer noch. Es stammt aber von Menschen, die unsere Weine noch nicht kennen! Denn unter den mevushalen Koscherweinen wage ich zu behaupten, die besten der Welt zu produzieren. Beinahe unser gesamtes Portfolio ist mit internationalen Preisen und Medaillen ausgezeichnet worden, wobei wir mit nichtkoscheren Weinen in den Wettbewerben vertreten sind und oft als Sieger hervorgehen.

In Ihrem Haus finden sich Menora, Mesusa, Davidsterne. Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Judentum?
Als mein Vater mit der Produktion von koscheren Weinen begonnen hat, war ich noch im Kindergarten. Orthodoxe Juden gingen fortan bei uns ständig ein und aus, als Partner, Freunde und Kunden – für mich war das ganz normal, als wäre ich in der Leopoldstadt aufgewachsen. Daraus ergibt sich auch ein gewisser Freundeskreis, man bekommt Geschenke, kauft Souvenirs in Israel und lebt auch religiöse Ereignisse mit. Vor nicht langer Zeit waren wir mit den Kindern wieder bei einer Purimfeier, und auch der Sederabend ist ein alljährliches Highlight.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Momentan wird eine Vinothek mit großem Gästeraum errichtet. Damit könnten wir neben dem klassischen Ab-Hof-Verkauf mit Weindegustation auch Reisegruppen empfangen, Seminare und Feste mit koscherem Catering organisieren. Wir sind ja hier am Neusiedlersee auch mitten in einem Urlaubsgebiet.

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