Am Deutschlernen führt kein Weg vorbei

Geflüchteten aus der Ukraine steht mit der blauen Karte zwar der Zugang zum Arbeitsmarkt offen. Ohne Deutschkenntnisse ist es aber schwierig, einen Job zu finden. Im Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum (JBBZ) haben an den beiden Standorten in der Adalbert-Stifter-Straße und in der Gredlerstraße bereits 89 Männer und Frauen einen der inzwischen sechs angebotenen Deutschkurse begonnen.

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Das JBBZ hat den neu Angekommenen aus der Ukraine angeboten, einen Fragebogen zu ihren Qualifikationen und ihrer Berufserfahrung auszufüllen. ©Daniel Shaked

Ein Vormittag in der zweiten Maiwoche am JBBZ in Wien-Brigittenau: „Woher kommen Sie?“, fragt Yilmaz Duman eine Kursteilnehmerin. „Ich bin Ukrainerin“, antwortet sie. „Ich spreche Ukrainisch und Russisch.“ Eine andere Frau sagt: „Ich spreche Ukrainisch, Russisch, Englisch und klein Schwedisch.“ „Ein wenig Schwedisch“, korrigiert sie der Deutschtrainer.

Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er in dem Beruf, erzählt er WINA, er hat Tschetschenen unterrichtet, Afghanen, Syrer, Somalis. Nun ist er positiv überrascht. Die Gruppe ist erst in ihrer zweiten Lernwoche. „Sie sind kognitiv gut unterwegs. Sie sind gebildet und lernen schnell. Man merkt, dass das gut qualifizierte Leute sind.“ Yilmaz freut besonders, dass es mit dieser Gruppe bisher zu keinen Konfliktsituationen kam. „Sie sind respektvoll, aufnahmefähig und motiviert. Sie machen die Übungen, fragen nach, arbeiten mit.“

JBBZ-Geschäftsführer Markus Meyer betont, man habe versucht, die schnellstmögliche Kursvariante anzubieten. Der Österreichische Integrationsfonds, der seine Kurse an verschiedensten Standorten abhalte, biete hier verschiedene Kursdesigns an. Am JBBZ wird nun ein Sprachniveau gemäß des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen – am Anfang ist es das Level A1 – innerhalb von zwei Monaten in insgesamt 96 Stunden unterrichtet. Halten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen das rasche Lerntempo durch, könnten sie bereits im Winter 2023 das Sprachlevel B2 erreichen.

© Daniel Shaked

Das entspreche einer fortgeschrittenen, selbstständigen Sprachverwendung. Das sei ein ambitionierter Plan. Ein Plan allerdings, an dem kein Weg vorbeigeht: Das JBBZ hat den Neuangekommenen aus der Ukraine angeboten, einen Fragebogen zu ihren Qualifikationen und ihrer Berufserfahrung auszufüllen. Wer über entsprechende Dokumente verfügt, kann diese ebenfalls vorlegen, um so zu überprüfen, was für eine Nostrifizierung nötig ist. 272 Personen haben bis Mitte Mai von diesem Angebot Gebrauch gemacht, davon waren 241 über 18 Jahre alt, 80 Männer. Frauen sind also klar in der Mehrheit, viele von ihnen haben kleine Kinder und damit Betreuungspflichten.

Einige wenige konnten bereits auf Grund ihrer Qualifikationen am Arbeitsmarkt Fuß fassen, erzählt Rebecca Janker, die pädagogische Leiterin des JBBZ. Dazu gehören Lehrerinnen, die als muttersprachliche Lehrkraft arbeiten, sowie ein Geiger, der bereits auf freiberuflicher Basis Engagements ergattern konnte. Ärzte, Ärztinnen sowie Pflegekräfte befinden sich noch im Bewerbungsprozess, ebenso ein Ingenieur. Eine Finanzfachkraft habe in einem internationalen Bereich einer großen Bank einen Job ergattert. Hier sei es ausreichend, Englisch zu sprechen. Eine erfolgreiche Vermittlung scheitere aber eben meist an den fehlenden Deutschkenntnissen, weiß Janker.

Das JBBZ sei jedenfalls bei der Betreuung von ukrainischen Menschen in engem Austausch mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) Wien, betont Meyer. Von diesem wurden so genannte Beratungs- und Betreuungseinrichtungen damit beauftragt, bei der Vermittlung in Dienstverhältnisse am ersten Arbeitsmarkt zu unterstützen. Die zumeist sehr gut qualifizierten Menschen aus der Ukraine benötigen als formale Voraussetzungen für die erfolgreiche Vermittlung die blaue Karte, die Geflüchtete nach ihrer Registrierung erhalten, sowie eine Sozialversicherungsnummer (E-Card oder Ersatzbeleg) und die Beschäftigungsbewilligung, um die der zukünftige Arbeitgeber beim AMS ansuchen muss.

 

„Sie sind respektvoll, aufnahmefähig und motiviert.
Sie machen die Übungen, fragen nach, arbeiten mit.“
Yilmaz Duman, Deutschtrainer

 

Mögliche Tätigkeitsfelder.Am JBBZ sieht man sich die erworbenen Qualifikationen und Nachweise über bereits absolvierte Ausbildungen an. Gut 70 Prozent der Personen, die den Fragebogen des JBBZ ausfüllten, können übrigens keine Dokumente, die ihre Ausbildung belegen, vorweisen. Wer flüchtet, hat, wie auch frühere Fluchtbewegungen zeigen, oft keine Möglichkeit mehr, solche Belege mitzunehmen.

Und selbst wenn jemand zum Beispiel ein Medizinstudium nachweisen kann, ist es ein langer Weg, hier auch in diesem Beruf arbeiten zu können, wie Janker betont. Hier seien exzellente Deutschkenntnisse unabdingbar, und auch der Nostrifizierungsprozess nehme einige Zeit in Anspruch.

© Daniel Shaked

Yaacov Frenkel, der den Standort Gredlerstraße leitet, wo aktuell zwei der sechs Deutschkurse abgehalten werden, die sich an jene Geflüchteten richten, die traditionell leben, erzählt von einem Urologen und einer Pharmazeutin. Für beide wünscht er sich, dass sie möglichst rasch auch in Österreich in ihrem Beruf arbeiten können. Dafür gilt es aber, das Deutschniveau C1 zu erreichen.

Mögliche Tätigkeitsfelder seien jedoch eher jeweils in Hilfsberufen zu finden, erläutert Janker. Für einen Koch oder eine Köchin beispielsweise sei eine Anstellung als Küchenhilfskraft auch mit geringeren Deutschkenntnissen möglich. Allerdings sei eine solche Tätigkeit dann auch immer mit wesentlich weniger Einkommen verbunden, gibt sie zu bedenken.

Meyer unterstreicht daher auch die Wichtigkeit einer guten sprachlichen Qualifikation. Das Gros der nun hier Arbeitssuchenden seien Frauen mit Kindern. Meist sei da nur Teilzeitarbeit möglich. Mit Teilzeitarbeit in einer Hilfstätigkeit komme man aber kaum auf mehr Geld, als es nun an staatlichen Unterstützungsleistungen für die Geflüchteten gibt. Das Verpflegungsgeld beträgt für eine erwachsene Person 215 Euro und für ein Kind 100 Euro pro Monat plus 300 Euro an Wohnzuschuss (pro Familie, nicht pro Person). Die Zuverdienstgrenze beträgt 110 Euro (plus 80 Euro für jedes weitere Familienmitglied). „700 bis 800 Euro muss ich aber erst einmal verdienen als alleinerziehende Frau mit einer Hilfstätigkeit als Teilzeitjob.“

Auch Dezoni Dawaraschwili, Obmann des JBBZ und Vizepräsident der IKG Wien, betont: „Zuerst ist es einmal wichtig, Deutsch zu lernen. Ohne Deutsch ist keine Integration möglich.“ Noch wisse man nicht, ob alle jüdischen Geflüchteten aus der Ukraine am Ende auch in Wien bleiben würden. Die Gemeinde bemühe sich aber, alles zu tun, um ihnen zu ermöglichen, sich hier eine neue Existenz aufzubauen.

© Daniel Shaked

Die Männer und Frauen verschiedensten Alters, die am JBBZ Deutsch lernen, können inzwischen einfache Dialoge führen. Dadurch, dass sie nicht in Flüchtlingssammelunterkünften, sondern großteils bereits in Wohnungen untergebracht sind, lernen sie auch im Alltag Tag für Tag ein bisschen mehr Deutsch.

Eine der Kursteilnehmerinnen macht sich nach Kursende mit der Straßenbahn auf nach Wien-Floridsdorf, wo sie inzwischen mit ihren Kindern und ihrer Mutter wohnt. Auf dem Handy hat sie den Routenplaner der Wiener Linien eingeschalten, Station für Station verfolgt sie den Namen des nächsten Halts, um ja nicht zu spät auszusteigen. Learning by doing, Tag für Tag.

Was Janker allerdings auch zu bedenken gibt: Die einen hätten bereits die Kraft, nun mit dem Lernen zu starten. Andere seien zu sehr mit der Betreuung sehr kleiner Kinder oder der Aufarbeitung von Traumata beschäftigt. Worum man sich als JBBZ jedenfalls bemühe: allen, die dies möchten, Sprachunterricht zu ermöglichen und so die Chancen am Arbeitsmarkt zu erhöhen.

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