„An End to Antisemitism!“

lautet der vielversprechende Titel einer hochkarätigen Konferenz an der Universität Wien. Fünf Tage wird das langlebige, weltweite Phänomen untersucht. Die Ergebnisse der zahlreichen internationalen Beiträge sollen am Ende des Symposions in einem Handlungsaufruf an Verantwortungsträger gebündelt werden.

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https://anendtoantisemitism.univie.ac.at/

Erstmals findet in Österreich eine internationale Konferenz statt, die sich mit einem vielschichtigen und weit verbreiteten Phänomen befassen soll, das seit über 2.000 Jahren nicht aus der Welt zu schaffen ist: die Judenfeindlichkeit.

Von 18. bis 22. Februar 2018 werden sich rund 150 Vortragende aus den USA, Lateinamerika, Israel und zahlreichen europäischen Staaten mit religiösen und politischen Spielarten des Antisemitismus auseinandersetzen. Die Anzahl und die Prominenz der Teilnehmer und Expertinnen sowie die Fülle der thematisch zu behandelnden Aspekte ist beeindruckend. Sie reichen von der Antisemitismusbeauftragten der Europäischen Union Katharina von Schnurbein, Natan Sharansky, Chairman der Jewish Agency, und dem ehemaligen kanadischen Justizminister Irwin Cotler bis zu Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, dem apostolischen Administrator des lateinischen Patriachats von Jerusalem, und Imam Hassen Chalgoumi, dem Präsidenten der Conférence des Imams de France. Festredner der Eröffnung ist der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. Ermöglicht wird die Konferenz durch die akademische Zusammenarbeit der Universität Wien als Gastgeberin mit der New York University, der Tel Aviv University und dem European Jewish Congress. Finanzielle Unterstützung kommt u. a. aus allen österreichischen Bundesländern, dem Außenamt, dem Zukunftsfond, der Erzdiözese Wien und der Evangelischen Kirche in Österreich.

Ein bewusster Imperativ. Den Antisemitismus in all seinen unheilbringenden Ausformungen immer wieder zu erforschen, ist das eine Ziel dieses akademischen Diskurses. Das zweite Anliegen besteht darin, der Judenfeindlichkeit in Gegenwart und Zukunft vorzubeugen. Dieses Bestreben äußert sich im imperativen Ausruf des Tagungstitels An End to Anti-Semitism!. Ist dieses Rufzeichen nicht ein wenig naiv und gutgläubig und vor allem fern unserer Lebensrealitäten? „Man kann bestimmt nicht mit einer Konferenz die jahrhundertelange Geschichte des Antisemitismus beenden”, weiß auch Michael Bünker, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Österreich. „Der Imperativ ist aber berechtigt, denn er fordert uns ständig auf, nicht nur zu reden, sondern das Menschenmögliche gegen den Antisemitismus zu unternehmen.” Daher, meint der Bischof, ist das Rufzeichen richtig und wichtig: „Das soll auch so stehen bleiben!”

Auch der wissenschaftliche Koordinator der Konferenz, Universitätsprofessor Armin Lange, Vorstand des Instituts für Judaistik der Universität Wien, sieht die Titelgebung als direkten Handlungsaufruf. „Der weltweit ansteigende Antisemitismus mehr als 70 Jahre nach der Schoah ist eine inakzeptable Entwicklung und konkrete Bedrohung, auf die es entschieden und wirksam zu reagieren gilt.” Die Tagung mit ihrem interdisziplinären Charakter und 16 Arbeitsgruppen soll über die akademisch Interessierten hinaus eine breite Öffentlichkeit weltweit erreichen. „Jede Zuhörerin und jeder Referent ist auch ein Multiplikator in einer verantwortungsvollen Position. Wir werden einen Maßnahmenkatalog erstellen, der konkrete Empfehlungen an Entscheidungsträger in aller Welt richtet, sowohl an religiöse Würdenträger als auch an Politiker und Journalisten, die das direkt umsetzen können.” Das Ziel dieses englischen Maßnahmenkataloges ist es, nicht nur bei der Analyse stehen zu bleiben, sondern Konsequenzen daraus zu ziehen, um Handlungsanweisungen geben zu können.

„Der Imperativ ist aber berechtigt, denn er
fordert uns ständig auf, nicht nur zu reden,
sondern das Menschenmögliche gegen den Antisemitismus zu unternehmen.”
Michael Bünker

Ein konkretes Beispiel dafür? „Um eine gewisse auch persönliche Krisensituation zu verstehen, werden bestimmte Vorurteile aus dem kulturellen Gedächtnis abgerufen. Das machen zum Beispiel die Palästinenser im Konflikt mit Israel, aber auch die White Supremacists in den USA: Um eine schwierige Situation interpretieren zu können, rufen beide Gruppen das gleiche antisemitische Vorurteil ab”, so Lange. Aber wie sollen Narrative und Vorurteile von so langer „Haltbarkeitsdauer” praktisch abgeschafft werden? „Gerade die White Supremacists tragen gleichzeitig einen merkwürdigen christlichen Anspruch vor sich her. Da hätten die Kirchen durchaus eine Funktion.” Lange ist auch überzeugt, dass es Verantwortliche für die Weitergabe der Geschichte gibt, denn das kulturelle und religiöse Gedächtnis sei trotz allem veränderbar. Seiner Meinung nach sollte auch jede politische Partei einen Ausschluss-Passus im Programm haben, der bei Personen mit antisemitischen Ansichten sofort greift.

Politik, Kirche und Zivilgesellschaft „Die Themenfelder der Tagung sind so umfassend – von der christlichen Bibel über den Islam bis zum Hass im Internet –, dass wir reichlich Handlungsmöglichkeiten haben”, ist Bischof Bünker überzeugt. „Denn der Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, daher kann es auch nur auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gelöst werden. Die Politik, die Religionsvertreter können und müssen das Alltagsverhalten beeinflussen und Impulse an die Zivilgesellschaft senden, um dieses Ausrufungszeichen auch umzusetzen.” Hat sich in der evangelischen Kirche, auch in Hinblick auf Luthers Judenhass, etwas verändert? „Das Verhältnis zum Judentum hat sich stark verändert, insbesondere durch die Schuld-erfahrung im Holocaust”, erklärt Bischof Bünker. „Wir teilen ja mit der katholischen Kirche die ersten 1.500 Jahre Geschichte, die einen sehr starken Antijudaismus hervorgebracht hat. Aber wir haben auch das schreckliche Erbe Martin Luthers zu tragen, das sich in einem fürchterlichen Judenhass manifestierte und sich bis in das 19. Jahrhundert fortgesetzt hat. Das äußerte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in der stark deutschnationalen Ausrichtung vieler Gläubiger.” Erst 1965 mit dem ersten Synodenwort hat sich die evangelische Kirche gegen den Antisemitismus ausgesprochen. Im Jahr 1998 erfolgte aus Anlass des Novemberpogroms und des 1938-„Anschlusses” die eindeutige und klare Erklärung: Die Ansichten Luthers werden als unchristlich bezeichnet und verworfen, zugleich sagt man sich von der Judenmission los, und die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Volk Gottes wird anerkannt und auch in der Kirchenverfassung festgeschrieben.

Sechzehn Arbeitsgruppen setzen bei der Tagung die unterschiedlichsten Schwerpunkte: zum Beispiel die Untersuchung der Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Moderne, seine Reflexion in Christentum und Islam sowie seine gesamte Bandbreite in Fächern wie Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Medienwissenschaft. Auch die Einschätzung des muslimischen Antisemitismus wird erörtert werden. „In der Begleitung und Betreuung der Flüchtlinge aus den arabischen Ländern sind unsere Pfarren bei diesem Thema sehr sensibilisiert”, erzählt Bischof Bünker. „Viele sind mit einer starken Israel-Feindschaft und mit Antisemitismus groß geworden, aber wenn wir eine generell falsch verstandene Toleranz walten lassen, fühlen sie sich darin bestärkt, sich auch hierzulande Übergriffe leisten zu können. Wir müssen sofort bei der Bildung ansetzen, man kann diese Prägung nicht sofort abstellen, aber man muss etwas dagegen tun.”

Bünker warnt auch vor dem Anwachsen rechtsradikaler Kräfte in Österreich, auch da nehme der Antisemitismus ständig zu. „Wir müssen sehr wachsam sein. Ich bin froh, dass sich die israelische Regierung und die Israelitische Kultusgemeinde so deutlich positioniert haben, was die Regierungsbeteiligung der FPÖ angeht. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.”

An End to Antisemitism!
Internationale Antisemitismus-Konferenz, 18.–22. Feb. 2018

Der Antisemitismus ist mehr als 70 Jahre nach der Schoah immer noch eine Bedrohung für Juden in aller Welt, der es wirksam entgegenzuwirken gilt. Die sich mehrenden antisemitischen Ausschreitungen zeigen, dass die vorhandenen Strategien zu seiner Bekämpfung nur begrenzt Erfolg haben. Der Titel An End to Antisemitism! versteht sich daher als direkter Handlungsaufruf. Die etwa 150 internationalen Vortragenden aus Wissenschaft, Politik und öffentlichem Leben werden in Wien Geschichte und Gegenwart antisemitischer Strömungen und Präventionsstrategien vorstellen und diskutieren. Keynotespeaker: Eliezer Ben-Rafael, Florette Cohen, Klaus Davidowicz, Evyatar Friesel, Aleksandra Gliszczynska-Grabias, Simha Goldin, Stephan Grigat, Benjamin Isaac, Armin Lange, Dina Porat, Martin Rothgangel, Lawrence Schiffman, Julius H. Schoeps, Monika Schwarz-Friesel, Frank Stern, Esther Webman u. a.
Campus der Universität Wien, Spitalgasse 2, 1090 Wien
anendtoantisemitism.univie.ac.at/program/

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