Anders sehen

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1929, Vintage-Print auf Silbergelantinepapier./ © A. Rodtschenko – W. Stepanova Archiv © Museum Moskauer Haus der Fotografie

Alexander Rodtschenko hat als Fotograf die Art zu sehen verändert: mit schrägen Schnitten, verkürzten Perspektiven und dramatischen Aufsichten. Von Reinhard Engel

Geboren wurde er 1891 noch im Zarenreich, aber er war ein Kind der sowjetischen Moderne: Alexander Michailowitsch Rodtschenko wuchs in St. Petersburg auf, wo sein Vater, ein landloser Kleinbauer, in einem Theater als Requisiteur arbeitete. Alexander lernte erst einen praktischen Beruf, Zahntechniker, dann studierte er an der Kunsthochschule in Kasan und an der Moskauer Stroganov-Schule Bildhauerei und Architektur.

Mädchen mit Leica, 1934, Vintage-Print auf Silbergelantinepapier./ © A. Rodtschenko – W. Stepanova Archiv © Museum Moskauer Haus der FotografieBekannt wurde er zuerst als Maler und Bildhauer, im Umfeld der Abstrakten wie Wassily Kandinsky und der Konstruktivisten wie Tatlin. Er schuf komplexe Skulpturen aus Sperrholz, manche auch beweglich, und er beendete seinen Weg der Malerei mit monochromen Bildern, einer Ausdrucksform, die eigentlich erst Jahrzehnte später in der – westlichen – Kunstwelt Eingang fand.
Für verschiedene avantgardistische Zeitschriften gestaltete Rodtschenko Cover und Illustrationen, ob für Kino-fot (Film-Foto), LEF (Linke Front der Künste), Nowi Lef (Neue Linke) oder Smena (Wechsel). Ab den frühen 20er-Jahren wandte er sich der Fotografie zu. Und auch hier gab er sich nicht mit herkömmlichen Zugängen zufrieden: „Der neue, schnelle und reale Reflektor der Welt, die Fotografie, sollte sich möglichst mit dem Abbilden der Welt von allen Punkten aus befassen […]. Um den Menschen zu einem neuen Sehen zu erziehen, muss man alltägliche, ihm wohl bekannte Objekte von völlig unerwarteten Blickwinkeln aus in unerwarteten Situationen zeigen.“

Muster und Raster

Das tat er auch mit großem Talent und feinem Gespür für Räume, Kontraste und Perspektiven. Es sind harte, schräge Schnitte, verkürzte Perspektiven und dramatische Aufsichten, die er in die Fotografie neu einführt. Oft nutzt er regelmäßige Schwarz-weiß-Muster als Raster, er zeigt einzelne Menschen allein in großen Räumen, etwa eine Mutter mit Kinderwagen. Aber er verherrlicht auch die Sowjet-Menschen mit allem Pathos der Zeit: als Sportler bei Paraden, als Soldaten bei der Angelobung oder – schon etwas gebrochen – in einer Nebengasse beim Aufstellen für einen bevorstehenden Aufmarsch.

Wohl bekannte Objekte von völlig unerwarteten Blickwinkel zeigen.

Auch als Bildreporter liefert er für die Ideologen des Regimes, etwa bei seinen Berichten über einen Schleusenbau am Weißmeer-Ostsee-Kanal. Doch dann bricht er wieder mit dem politisch Erwarteten: Er arbeitet grafisch, zeigt einfache Boote, Häuserbalkone, Bahngeleise, Eisenspäne, gestapelte Kotflügel oder einen einzelnen Spiralbohrer. Rodtschenko war zeitweise gefeierter Staatskünstler, er hielt unterschiedliche Positionen, auch als Kunstschullehrer, und dann fiel er doch in Ungnade: 1951 wurde er aus der sowjetischen Künstlergewerkschaft ausgeschlossen und erst nach Stalins Tod 1955 rehabilitiert. Er starb bald darauf, 1956.

Feuerleiter,  1925, Abzug auf  Silbergelantinepapier./ © A. Rodtschenko – W. Stepanova Archiv © Museum Moskauer Haus der FotografieDie Ausstellung in der Wiener Galerie Westlicht zeigt sämtliche Schaffensperioden, darunter weltberühmte Werke wie Mädchen mit Leica, die Mutter oder die Treppe. Auch eine Reihe der einfühlsamen Porträts seiner Literatenfreunde Wladimir Majakowski und Sergej Tretjakow, der Malerin und späteren Ehefrau Warwara Stepanowa sowie seiner Geliebten und Muse Regina Lemberg, ebenfalls einer Fotografin.

Alexander Rodtschenko:
Revolution der Fotografie
Galerie Westlicht, Westbahnstraße 40, 1070 Wien
11. 6. bis 25. 8. 2013
Di., Mi., Fr. 14–19 Uhr, Sa., So., Feiertag 11–19 Uhr
westlicht.com

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