Antisemitische Kontinuitäten

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An der Universität Wien waren Juden nicht erst ab 1938, sondern schon lange vorher unerwünscht. Dem Nationalsozialismus wurde hier nicht nur nichts entgegengehalten – die Hochschule fungierte sogar als Brutstätte der Bewegung. Von Alexia Weiss 

Die Nationalsozialisten vertrieben die jüdische Intelligenz aus Österreich: Das ist bis heute die allgemeine Wahrnehmung. Die Tragödie nahm aber schon weit früher ihren Lauf. Wie der Journalist und Wissenschaftshistoriker Klaus Taschwer in seinem eben erschienenen Buch Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert aufzeigt, gab es an der größten Hochschule des Landes, die heuer ihr 650-jähriges Bestehen feiert, eine erschreckende Kontinuität, wenn es um das Thema Antisemitismus ging. Schon lange vor 1938 wurde die Ernennung jüdischer Professoren verunmöglicht, namhafte Wissenschafter wie der Philosoph Karl Popper oder die Sozialpsychologin Maria Jahoda mussten sich außeruniversitär nach Möglichkeiten umsehen, um in der Forschung tätig zu sein.

„Nach wie vor steht die Deutsche Studentenschaft auf ihrem 1923 kundgetanen Standpunkt, daß Professoren jüdischer Volkszugehörigkeit akademische Würdenstellen nicht bekleiden dürfen.“ 1932, gezeichnet u. a. von Josef Klaus, österr. Bundeskanzler (1964 -1970).

So richtig breit machte sich der Antisemitismus demnach an der Uni Wien bereits in den 1920er-Jahren, also nach dem Zerfall der Habsburger-Monarchie. Es bildeten sich Zirkeln wie der „Deutsche Klub“, die antisemitisch gesinnt waren. Besonders ausgeprägt war der Judenhass an der philosophischen Fakultät: 18 Professoren bildeten hier ein geheimes Netzwerk, das sich „Bärenhöhle“ nannte. Hier versammelten sich nicht nur Deutsch-Nationale, sondern auch Christlich-Soziale und Katholisch-Nationale. Das gemeinsame Anliegen: Habilitationen von Wissenschaftern jüdischer Herkunft oder linker Gesinnung zu verhindern. Wie Taschwer herausfand, agierte die „Bärenhöhle“ ab spätestens 1923.

Klaus Taschwer: Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert. Czernin Verlag 2015, 312 S., € 24,90
Klaus Taschwer:
Hochburg des Antisemitismus.
Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert.
Czernin Verlag 2015, 312 S., €24,90
Die Aula als Kampfzone

Im Alltag war die Uni zudem blutiger Boden: Hakenkreuzler holten jüdische Studierende aus Hörsälen, um sie zu verprügeln. Die Aula verwandelte sich beim samstäglichen Aufmarsch der Korporierten nicht selten zur Kampfzone – sodass die Alma Mater sogar immer wieder für ein paar Tage geschlossen werden musste, um die Lage etwas zu deeskalieren. Deeskalation bedeutete aber nicht, die Deutschnationalen und Antisemiten in ihre Schranken zu weisen. Im Gegenteil: Judenfeindliche Hetzschriften wurden in den Infokästen aufgehängt, toleriert vom Rektorat. Und die Polizei hatte keinen Zutritt zum Uniareal.

Kontinuitäten gab es aber nicht nur vor und während des NS-Terrorregimes – sondern auch danach. Denn die Netzwerke, die sich in der Zwischenkriegszeit herausbildeten, hielten auch noch bis weit in die Zweite Republik hinein. Hier ist der Grund zu suchen, warum zwar jene Wissenschafter zurückgerufen wurden, die 1938 wegen ihres allzu prononcierten Engagements im Ständestaat ihren Hut nehmen mussten, nicht aber die vielen Forscher und Forscherinnen jüdischer Herkunft. Der Begriff „jüdischer Herkunft“ war übrigens mit Absicht gewählt: Eine erkleckliche Zahl der Betroffenen sah sich selbst nicht mehr als Juden. Sie hatten sich entweder taufen lassen oder der Religion gänzlich den Rücken gekehrt.

Stichwort Kontinuitäten: Hier ist etwa der Pädagoge, Altphilologe und Philosoph Richard Meister zu nennen. Taschwer beschreibt ihn als mittelmäßigen Wissenschafter, dafür umso besseren Hochschulbürokraten. Meister wurde 1930 Dekan – und 1949 Rektor der Uni Wien. Von 1951 bis 1963 war er zudem Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Und: Meister war einer jener 18 Professoren, die als „Bärenhöhle“ die Karrieren jüdischer Kollegen und Kolleginnen vernichteten.

Ebenfalls der „Bärenhöhle“ gehörte der Prähistoriker Oswald Menghin an. In der NS-Zeit war er Unterrichtsminister, nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes flüchtete er nach Argentinien. Doch die alten Bande hielten: Meister sorgte dafür, dass er in den 1950er-Jahren einen österreichischen Reisepass bekam. Und 1959 wurde Menghin zum korres­pondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften im Ausland.

Warum die Entnazifizierung in Österreich so gar nicht gelingen wollte und sich der Opfermythos so beständig hielt, illustriert aber auch folgender Text – ein Flugblatt, verfasst von Studentenvertretern, die sich damit 1932 gegen die Wahl des Pharmakologen Ernst Peter Pick zum Dekan der medizinischen Fakultät wandten: „Offener Brief der Leitung der Deutschen Studentenschaft an Herrn Prof. Dr. Pick! Die Deutsche Studentenschaft nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß Sie wider Erwarten Ihre Wahl zum Dekan der medizinischen Fakultät angenommen haben. Nach wie vor steht die Deutsche Studentenschaft auf ihrem 1923 kundgetanen Standpunkt, daß Professoren jüdischer Volkszugehörigkeit akademische Würdenstellen nicht bekleiden dürfen. Wollen Sie bedenken, daß Sie sich an einer deutschen Hochschule befinden und daß die deutschen Studenten als ihre Führer nur deutsche Lehrer anerkennen! Schon im Interesse eines ordnungsgemäßen Lehrbetriebes hoffen wir auf Ihre Einsicht.“

Gezeichnet ist dieses Schreiben von drei Vertretern der Deutschen Studentenschaft. Einer von ihnen hieß – und nun sind wir wieder beim Thema Kontinuitäten – Josef Klaus. Der Jurist und spätere ÖVP-Politiker war 1949 bis 1961 Salzburger Landeshauptmann, von 1961 bis 1963 Finanzminister und schließlich von 1964 bis 1970 Bundeskanzler. ◗

Bild: © Hilscher, Albert/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

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