Antisemitismus: Kein Rückgang in Sicht

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Bericht der Antisemitismus-Meldestelle für 2025: 1.532 Vorfälle, davon 19 tätliche Angriffe und 27 Bedrohungen – Höchste je registrierte Anzahl von Vorfällen, im Vergleich zum Vorjahr geringe Zunahme von unter einem Prozent

Gekommen, um zu bleiben: Antisemitismus ist im Alltag von Jüdinnen und Juden omnipräsent. Nach dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 schnellten weltweit Angriffe auf Juden in die Höhe – auch in Österreich. Vom 8. Oktober 2023 bis zum Ende des Jahres 2023 verzeichnete die Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien 8,13 gemeldete und nach der Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) verifizierte Vorfälle pro Tag. Im ganzen Jahr 2023 wurden 1.147 Vorfälle registriert. Im Jahr darauf – 2024 – gab es mit 1.520 Vorfällen den höchsten Wert an jemals von der Meldestelle verzeichneten Meldungen. Und dieser Wert wurde im Vorjahr erneut leicht überschritten: Der am Donnerstag von der Meldestelle präsentierte Bericht weist für 2025 1.532 Meldefälle aus, 19 davon waren tätliche Angriffe, 27 Bedrohungen, 205 Sachbeschädigungen, 439 Massenzuschriften und 842 Mal zeigte sich verletzendes Verhalten. Im Schnitt waren das 4,2 Vorfälle pro Tag.

„Der antisemitische Tsunami nach dem 7. Oktober 2023 hat sich in eine anhaltende Überflutung verwandelt“, sagte IKG-Präsident Oskar Deutsch bei der Pressekonferenz.  Manche Juden und Jüdinnen hätten sich an das Unerträgliche gewissermaßen gewöhnt. „Andere ziehen sich zurück, verbergen ihr Judentum, meiden jüdische Einrichtungen und Veranstaltungen. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen.“ Mit aller Kraft würden sich die meisten Gemeindemitglieder gegen Anfeindungen, gegen Diskriminierung, gegen die Bedrohung stellen.

Die Kultusgemeinde investierte hier jährlich fünf Millionen Euro in die Sicherheit. „Das ist doch eigentlich absurd. Wir sind eine Religionsgemeinschaft. Das sind Mittel, die uns für Bildung, Jugendarbeit, Kultur und in anderen Bereichen fehlen. Sicherheitsmaßnahmen sind aber die Basis dafür, jüdisches Leben überhaupt sichtbar leben zu können.“ Der Schutz durch Polizei, Bundesheer und die Sicherheitskräfte der IKG selbst wirke, aber es könne nicht die Lösung sein, für immer noch mehr Sicherheit zu sorgen, für noch mehr Einschränkung oder gar jedem einzelnen Gemeindemitglied einen Bodyguard zur Seite zu stellen. „Das ist Systembekämpfung. Wir müssen den Antisemitismus an der Wurzel packen“, betonte der IKG-Präsident.

Grafik: IKG-Wien

In der Gesellschaft sei eine Schieflage entstanden, sodass immer mehr Juden und Jüdinnen mittelfristig über Auswanderung nachdenken würden. „Wir wollen das verhindern. Das Judentum gehört zu Österreich. Punkt.“ Und dann appellierte Deutsch an die anwesenden Journalistinnen und Journalisten: „Helfen Sie mit, dass dies so bleibt.“

IKG Präsident Oskar Deutsch bei der Präsentation, (c) IKG / Schmidl

„Hinter all den Daten und Zahlen stehen Menschen, stehen Kinder, Mütter, Väter, Großeltern, Gemeindemitglieder oder auch Personen, die vermeintlich jüdisch sind oder mit dem Judentum assoziiert werden“, sagte IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele. Die Menschen, die die Meldestelle kontaktieren, seien oft unter Schock und häufig nachhaltig traumatisiert. Die Meldestelle frage daher zunächst nicht alle Details des erlebten Vorfalls ab, sondern erkundige sich, wie man die betreffende Person unterstützen könne, was sie jetzt in dieser Situation brauche. Die Begleitung erstrecke sich in der Folge potenziell auch über Wochen und Monate, man begleite auf Wunsch zur Polizei, biete Rechtsberatung und kooperiere eng mit dem psychosozialen Zentrum ESRA, wenn es psychosoziale und/oder psychologische/psychotherapeutische Betreuung brauche, „die leider immer öfter nötig wird“. Aber auch wenn jemand anonym bleiben wolle, werde das respektiert.

Deutsch schilderte drei der im Jahr 2025 dokumentierten Fälle, die aufzeigen, was heute möglich ist: den Angriff auf ein Innovationszentrum in Wien, in dem viele jüdische Mitarbeiter tätig sind und das mit jüdischen Kooperationspartnern arbeite. Das Zentrum habe zunächst Drohungen erhalten, inklusive Gewaltaufrufen, dann sei „Free Palestine“ auf eine nahegelegene Reklametafel gesprayt. Am 28. November 2025 setzten die Täter einen Koffer vor dem Gebäude, in dem sich auch ein Hotel befindet, in Brand und bewarfen die Fassade mit farbgefüllten Eiern. Auf Instagram bekannte sich schließlich eine anonyme, sich selbst als „links“ bezeichnende Gruppe namens „Students of the Palestine Cause in Austria“ zu der Tat.

Generalsekräter Benjamin Nägele. (c) IKG / Schmidl

Im zweiten von Deutsch geschilderten Fall wurde eine Frau, die Davidstern trug und deren Tätowierung in hebräischer Schrift sichtbar war, beim Aussteigen von einem Mann angerempelt, sodass sie einen Kopfhörer verlor. Als sich die Türen des Waggons schlossen, beschimpfte er sie als „Judenschlampe“.

Im dritten von Deutsch exemplarisch geschilderten Fall reisten mehrere Mitglieder einer jüdischen Familie zu einer Geburtstagsfeier nach Wien. Gemeinsam stiegen sie in ein Uber-Fahrzeug ein, der Fahrer wurde auf ihre jüdische Identität aufmerksam. Seine Reaktion: Er schrie die Fahrgäste an, zwang sie schließlich auszusteigen und schlug dabei den Familienvater sowie trat auf diesen ein. Positiv sei hier anzumerken, dass die Firma Uber den Vorfall sehr ernst genommen, mit der IKG Maßnahmen besprochen und auch den Vertrag mit dem betreffenden Fahrer gekündigt habe, sagte der IKG-Präsident.

Stichwort Uber und Taxis: Wenn solch ein Vorfall publik wird, gibt es andere Personen, die von ähnlichen Erfahrungen erzählen. Und so betonte Nägele am Donnerstag auch: Die Dunkelziffer der antisemitischen Vorfälle sei wohl hoch – und werde zunehmend höher. Denn, wie der Leiter der Antisemismus-Meldestelle, Johannan Edelman, erklärte, habe die Meldebereitschaft spürbar nachgelassen. Das sei zurückzuführen auf die Verdichtung antisemitischer Grundstimmungen zu einer Atmosphäre, die Juden und Jüdinnen dauerhaft wahrnehmen. Die für das Jahr 2025 gemeldeten und als antisemitisch verifizierten Vorfälle stellten „ein Hochplateau“ dar, „wir sehen die Verfestigung eines Krisenzustands statt eines Rückgangs“. Hier ähnelt die Situation in Österreich jener in Europa und der ganzen Welt.

Grafik: IKG Wien

Wobei Nägele hier auch anmerkte: Man stehe im internationalen Vergleich besser da, weil in Österreich Enormes geleistet werden, um jüdisches Leben zu schützen. Schulen, Kindergärten, jüdische Einrichtungen, Veranstaltungen – all das werde gesichert. „Ohne diesen Schutz ist jüdisches Leben leider im Alltag nicht mehr möglich.“ Das sei andererseits aber auch „ein unerträglicher Zustand, ein Ausnahmezustand, an den wir uns nicht gewöhnen wollen“.

Sieht man sich den ideologischen Hintergrund der antisemitischen Vorfälle des Jahres 2025 an, zeigt sich: Antisemitismus ziehe sich durch alle ideologischen und weltanschaulichen Milieus, so Edelman. 28 Prozent der zuordenbaren Taten waren im linken Milieu zu verorten, 20 Prozent im rechten, 24 Prozent im muslimischen. Der Rest konnte nicht ideologisch zugeordnet werden. Was auffällt: Von den 19 Angriffen wurden elf von Muslimen verübt. Und von den 27 Bedrohungen kamen zwölf von Muslimen. Bei Sachbeschädigungen sind mit 92 von insgesamt 205 linke Täter statistisch vorn, ebenso bei Massenzuschriften mit 219 von 439 Fällen. Worauf Edelman zudem hinwies: Besonders oft zeigte sich im vergangenen Jahr Antisemitismus in Form von Israel-bezogenem Antisemitismus, oft überschneidend mit Schoa-Relativierung beziehungsweise Leugnung.

Johannan Edelmann, Leiter der Antisemitismusmeldestelle. (c) IKG Wien / Schmidl

Von einem Journalisten befragt, warum gerade im Mai mit 220 gemeldeten Vorfällen die Zahl der Incidents im Monatsvergleich so in die Höhe geschossen sei (April 2025: 117, Juni 2025: 135) und ob es hier einen erkennbaren Anlass gegeben habe, antwortete Edelman: Ja, den habe es gegeben. In diesem Monat sei vorwiegend eine wahre Mailflut wahrzunehmen gewesen. Und diese sei im Zusammenhang mit einer öffentlichen Debatte gestanden, ausgehend von Aussagen von Altbundespräsident Heinz Fischer gestanden.

Fischer hatte damals in einem Interview anlässlich 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs die österreichische Bundesregierung aufgefordert, Stellung gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen zu beziehen. Er sehe „mit Empörung, in welcher Weise ein Ministerpräsident Netanjahu mit seinem sogenannten Kriegskabinett […] aus rechtsextremen, ihren Zionismus vor sich hertragenden Regierungsmitgliedern den Krieg gegen die Bevölkerung des Gazastreifens führt“. Daher erwarte er, dass die österreichische Regierung diese Dinge aufmerksam verfolge und dann Stellung nehme. Das stärkste Motiv dafür sei gerade, dass durch die Handlungen Netanjahus „der Antisemitismus nicht verringert, sondern vergrößert und gestärkt wird. Und dem muss ein Riegel vorgeschoben werden.“ Fischer damals weiter: Jedes einzelne Kind, „das im Gazastreifen stirbt oder verhungert oder auf andere Weise lebenslang geschädigt wird, ist genau eines zu viel“. Die Vorgänge seien entsetzlich und „umso schlimmer, als wir ja ganz, ganz positiv eingestellt sind zum Kampf gegen Antisemitismus“. Auch würdige man die Leiden, die das jüdische Volk auch im 20. Jahrhundert getragen habe, genauso wie den Holocaust. „Aber das alles rechtfertigt nicht, dass man jetzt so mit Menschen, Frauen, Kindern umgeht, wie das dort der Fall ist.“ Israel setze sich nicht nur über die Menschenrechte, sondern auch über das Völkerrecht hinweg.

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