Antisemitismus hat viele Facetten

Die Historikerinnen Helga Embacher, Bernadette Edtmaier und Alexandra Preitschopf geben in ihrer Studie Antisemitismus in Europa einen differenzierten Überblick über die verschiedenen Debatten zum Thema Antisemitismus. Sie zeigen dabei auf, dass Antisemitismus einerseits zum globalen Phänomen wurde, die regionale Geschichte aber immer die jeweilige Ausprägung und auch die Diskussion darüber stark beeinflusst. Die Arbeit ist nun im Böhlau Verlag erschienen.

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Helga Embacher, Bernadette Edtmaier, Alexandra Preitschopf: Antisemitismus in Europa. Fallbeispiele eines globalen Phänomens im 21. Jahrhundert. Böhlau Verlag 2019, 336 S., 36 €

Das Wichtigste vorweg: Allen, die immer wieder erstaunt sind, wie der Antisemitismus sich wieder seinen Weg in die Gesellschaft bahnen konnte, halten die drei Historikerinnen entgegen: „Aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive, die einen längeren Zeitraum in den Blick nimmt und von uns präferiert wird, war Antisemitismus nach dem Holocaust keineswegs verschwunden und im 21. Jahrhundert nicht so neu, wie vielfach angenommen wird.“ Die Debatte um einen „neuen Antisemitismus“ gab es zudem bereits in den 1970er-Jahren, heute verbinde man damit aber die Diskussion, die mit den Ausschreitungen im Kontext der Zweiten Intifada einhergingen. Zuvor hatte sich der Blick in Deutschland auf das Anwachsen von Rechtsextremismus seit der Wiedervereinigung und in Österreich auf die Waldheimaffäre und ihre Folgen gerichtet.

Mit der Importtheorie sei zudem die Gefahr einer Entlastung der Mehrheitsgesellschaft verbunden, argumentieren die Autorinnen.

Zu bedenken geben die drei Wissenschafterinnen, dass es bis heute keinen Konsens über den Charakter und das Ausmaß dieses „neuen Antisemitismus“ gebe. Da seien auf der einen Seite „Alarmisten“, die von einem Antisemitismus wie in den 1930er-Jahren sprechen würden. Andere bezweifeln, „dass es sich tatsächlich um ein neues Ausmaß oder neues Phänomen des Antisemitismus handle. Letztere verwiesen auf das hohe Ausmaß des europäischen Antisemitismus in den 1960er-Jahren (als Nachwirkung des Eichmann-Prozesses) sowie auf den stark angestiegenen Antisemitismus in den frühen 1990er-Jahren, wo vorwiegend Rechtsradikale zu den Tätern zählen. In Frankreich brannte bereits 1978 in Drancy erstmals nach der Schoah eine Synagoge.“
Kritiker und Skeptiker des Begriffs „neuer Antisemitismus“ könnten in diesem zudem keine neue Qualität erkennen. „Andere hingegen machten das Neue darin aus, dass zum einen neben Linken zunehmend Muslime als Täter auftraten und zum anderen nun Israel als primärer Bezugsrahmen und Projektionsfläche dienen würde.“ Israel als Verkörperung des Judentums sei somit zum „kollektiven Juden“ oder zum „Juden unter den Staaten“ geworden. Habe der „alte Antisemitismus“ eine Welt ohne Juden angestrebt, so wolle der „neue Antisemitismus“ die Welt „judenstaatrein“ machen.
Legt man Letzteres auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle um, der nach Erscheinen des Buches erfolgte, wird klar: Dem Täter von Halle ging es sehr wohl darum, Juden in Deutschland zu töten (auch wenn ihn schlussendlich eine Tür daran hindern sollte und er zwei Nichtjuden ermordete). Diese Tat, die von den Ermittlern umgehend dem Rechtsextremismus zugeschlagen wurde, ist demnach dem alten, traditionellen Antisemitismus zuzuordnen.

Judenstaatrein. Die Autorinnen nehmen in ihrer Studie allerdings keine Gewichtung vor – sie beschreiben, was ist, und da nimmt der muslimische Antisemitismus durchaus Raum ein. Vielfach wird hier von „importiertem Antisemitismus“ gesprochen und geschrieben. Das komplexe Phänomen des Antisemitismus unter Muslimen könne aber nur unter Berücksichtigung vieler Faktoren und multipler Erklärungsansätze erfasst werden, meinen die Historikerinnen. „Wird Antisemitismus auf Religion und einen durch Migration und Konsum von Medien aus den Herkunftsländern bedingten Import reduziert, wird damit das Problem aus der jeweiligen Gesellschaft ausgelagert. Bei vielen Akteuren handelt es sich allerdings bereits um die zweite und dritte Einwanderungsgeneration, die im jeweiligen Land vorhandene, historisch gewachsene antisemitische Stereotype aufgenommen hat, entweder unbewusst oder, um zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erhalten.“
Neben den unterschiedlichen Generationen komme auch der Herkunft beziehungsweise den höchst unterschiedlichen Migrationsgeschichten von Muslimen Bedeutung zu. „Erste Ergebnisse einer noch nicht abgeschlossenen Arbeit zur bosnischen Community in Österreich verweisen hinsichtlich des Antisemitismus sowohl auf Unterschiede zwischen den Generationen (ältere Bosnier ‚importierten‘ beispielsweise in ‚Tito-Jugoslawien‘ übernommene antizionistische Stereotype) wie auch auf teilweise problematische Vergleiche zwischen dem Genozid in Srebrenica und dem Holocaust, wobei Juden unterstellt wird, diesen für ihre Interessen zu instrumentalisieren, während der Genozid an den bosnischen MuslimInnen weitgehend ignoriert werde.“
Mit der Importtheorie sei zudem die Gefahr einer Entlastung der Mehrheitsgesellschaft verbunden, argumentieren die Autorinnen. Diese Entlastungsstrategie habe sich in Österreich und Deutschland zum Beispiel während des Gaza-Krieges von 2014 gezeigt, „wo, ausgelöst durch die Dominanz von jungen TeilnehmerInnen mit türkischer Migrationsgeschichte auf Pro-Gaza-Demonstrationen mit antisemitischen Eskalationen, antisemitischen Parolen und Allahu-Akbar-Rufen, häufig die Rede von einem ‚importierten Antisemitismus‘ war. Bei genauerer Betrachtung wird offenkundig, dass zwar religiöse Argumentationen an Bedeutung gewannen, die Proteste sich allerdings auch gegen die eigene Regierung und deren als islamfeindlich empfundene Politik richteten.“

Detailliert gehen die Historikerinnen auch auf Antisemitismus unter Geflüchteten ein, der seit 2015 zunehmend Thema in Staaten wie Deutschland und Österreich ist. Die Debatte bezieht sich aber nicht nur auf das konkrete Phänomen unter Flüchtlingen, sondern auch darauf, dass das sich Beziehen auf „die Flüchtlingsfrage“ rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien zu einem neuerlichen Aufschwung verhalf, aber auch von konservativen Parteien instrumentalisiert wurde „und die europäische Gesellschaft insgesamt weiter nach rechts rücken ließ“.

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