Äthiopische Einwanderer in Israel: Die Geschichte einer Diskriminierung

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Äthiopische Israelis in Jerusalem

Von den 125.000 äthiopischen Israelis leben die meisten in strukturschwachen Regionen. Ihre sozialen, strukturellen und gesellschaftlichen Chancen sind immer noch viel zu gering. Von Miriam Fried

In Kiryat Malachi, einer Kleinstadt im Süden Israels, kamen 120 Wohnungsbesitzer schriftlich überein, ihre Unterkünfte in Zukunft nicht mehr an Israelis äthiopischer Abstammung zu vermieten. Denn in Gegenden, wo zu viele äthiopische Israelis wohnen, sinken die Mietpreise angeblich drastisch.  Die äthiopische Gemeinde Israels ist  Alltagsrassismus und Vorurteile gewohnt und begegnet diesen meist mit viel zu viel Zurückhaltung, doch dieser Akt der Diskriminierung brachte das Fass schließlich zum Überlaufen und Tausende protestierten in Jerusalem.

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„In den meisten Bars und Clubs lässt man uns nicht rein, wir werden mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede abgewimmelt, berichtet Avi, ein 25-jähriger äthiopischer Israeli aus Rishon Lezion, der genau wie alle anderen jungen Israelis am Wochenende gerne mal mit Freunden ausgeht. Seine Schwester Sarit sucht eine Anstellung als Verkäuferin im Modebereich: Am Telefon sind die Geschäftsinhaber oft noch sehr angetan von mir, doch sobald sie mich persönlich sehen, ist die Stelle plötzlich schon vergeben.

In Israel leben zur Zeit rund 125.000 äthiopische Israelis, zum Großteil in der strukturschwachen Peripherie im Norden und Süden des Landes. Für die ohnehin sozioökonomisch benachteiligten Gemeinden dieser Gegenden stellen sie eine reale Belastung dar, denn in so manchem Ort sind bis zu 90 Prozent von ihnen von der Sozialhilfe abhängig. Insgesamt leben 75 Prozent der äthiopischstämmigen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Einer der Hauptgründe ist das schlechte Bildungsniveau. Während im Bevölkerungsdurchschnitt  55 Prozent Matura machen, sind es bei den israelischen Äthiopiern nur 36 Prozent. Die Folge sind überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenraten, vor allem bei Männern. Dies in Kombination mit aus der alten Heimat mitgebrachten streng patriarchalischen Familienstrukturen, die hier auf westliche Lebensformen prallen, führt oft zu Gewalt in der Familie und zu Alkoholmissbrauch.

Kein Rückkehrrecht

Die Ursprünge der jüdischen Gemeinde Äthiopiens, die sich selbst Beta Israel – das Haus Israel – nennt, sind umstritten, ab dem 9. Jahrhundert wird sie aber in historischen Dokumenten immer wieder erwähnt. Da sie vom Rest der jüdischen Welt über Hunderte von Jahren so gut wie abgeschnitten war, entwickelte sie eigene Bräuche, die sich vom rabbinischen Judentum unterscheiden. Aus diesem Grund wurde den äthiopischen Juden nach der Staatsgründung Israels nicht das Rückkehrrecht, das alle anderen Juden und ihre Angehörigen haben, zugesprochen.

Späte Erlaubnis zur Einwanderung ins gelobte Land

Erst nach langwierigen politischen und religiösen Debatten beschloss Israel Mitte der 1970er-Jahre die Einwanderung der äthiopischen Juden. Anfangs gelangten aber nur ein paar Tausend ins gelobte Land. Als in Äthiopien dann Hungersnot und Bürgerkrieg ausbrachen, floh ein großer Teil der Beta Israel in den Sudan. In mehreren gut geplanten Rettungsaktionen wurden sie in den 1980er- und 1990er-Jahren nach Israel geflogen. Ende 1999 zählte die äthiopische Gemeinde Israels 76.000 Menschen. Durch eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate wächst sie aber jährlich um erstaunliche 5,8 Prozent.

Mit der zweiten großen Einwanderungswelle, der Aktion Salomon, deren 20-jähriges Jubiläum vor ein paar Monaten gefeiert wurde, sah die israelische Regierung die Heimholung der äthiopischen Juden so gut wie abgeschlossen. Zurück blieben allerdings einige Tausend so genannte Falaschmura. So bezeichnet die äthiopische Gemeinde jene Juden, die sich von Beta Israel entfernt haben und Ende des 19. Jahrhunderts zum Christentum konvertiert sind. Ob die Taufe freiwillig oder unter Zwang erfolgte, ist umstritten, sicher ist aber, dass sie dennoch gewisse jüdische Bräuche beibehielten. Außerdem existieren oft verwandtschaftliche Bande zu den bereits in Israel lebenden äthiopischen Immigranten.

Nach fast zehnjährigem politischen Tauziehen beschloss die Knesset Ende 2010, jene 8.000 Falaschmura, die nach wie vor in einem Transitlager im äthiopischen Gondar ausharrten, nach Israel einwandern zu lassen. Da sich ihre Integration aber aufwändiger als die anderer Neueinwanderer gestaltet, sollten sie gestaffelt in Gruppen von rund 200 Personen pro Monat kommen.

Nach den Massenprotesten im Sommer 2011 beschloss die Regierung, ein paar soziale Reformen vorzunehmen, wie zum Beispiel Gratiskindergärten für Kinder ab drei Jahren statt wie bisher ab vier Jahren. Da sie das Staatsbudget aber nicht überziehen wollte, mussten alle Ministerien Kürzungen in Kauf nehmen. Das Einwanderungsministerium strich Millionen bei all jenen Programmen, die äthiopischen Immigranten zu Gute kommen. Im Etat für Einwanderer aus der ehemaligen Sow­jetunion wurden nur ein paar hunderttausend Schekel gekürzt.

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Die zuständige Ministerin, Sofa Landwer, gehört übrigens der rechtsnationalen Partei Avigdor Liebermanns an, dessen Wählerklientel in erster Linie aus ehemaligen Sowjetbürgern besteht. Zu den Antirassismusdemonstrationen in Jerusalem meinte sie bloß, die Äthiopier sollten doch nicht lautstark protestieren, sondern dankbar sein, dass man sie nach Israel gebracht habe.

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