Sheri Avraham kann schüchtern erscheinen, trotz ihrer wilden grau-weißen Mähne – und bald darauf als goldgeschminkte, mit vielen Ketten geschmückte Königin aus der futuristischen östlichen Sphäre auftreten. Den ersten Auftritt macht sie im Jüdischen Museum Wien (JMW) vor ihrer Installation: „Ich habe hier aus Gedenkkerzen eine Chanukkia (achtarmiger Leuchter) mit einem hohen Shamash gebaut (die 9. Kerze als „Diener“, die alle acht anzündet), als Symbol für ein Wunder, auf das wir gehofft haben, weil die israelischen Geiseln in Gaza gefangen sind“, erzählt die 1979 in Bet Dagan geborene Avraham. „Es ist Tradition, diese brennenden Lichter ins Fenster zu stellen, als Zeichen dafür, dass schon einmal ein Chanukka-Wunder geschehen ist. Doch hier sind die Jalousien heruntergelassen, es ist dunkel, das symbolisiert unsere Angst.“
Nur einige Tage später findet eine Performance der Künstlerin in Zusammenarbeit mit der Vienna Art Week im Veranstaltungssaal des Museums statt. Jetzt tritt die „Königin aus der Zukunft“ vor einem im Kreis sitzenden Publikum auf: Geschmeidig mit einem Tallit (Gebetsschal) begrüßt und umtanzt sie ihre Gäste. Danach erzählt und singt sie in einzelnen Textblöcken die Geschichte jener Juden, die Mizrachim* genannt werden, also ihre eigene, eingebunden in die Feiertagstradition, die sie in einem religiösen Elternhaus mit sieben Geschwistern erlebte.
Bet Dagan liegt südlich von Tel Aviv, nahe der Stadt Rishon LeZion, und ist ein lokal verwalteter Ort. „Es ist ein Arbeiterdorf, aus dem die Familie meines jemenitischen Vaters stammt. Meine Mutter ist in Indien geboren und verließ ihren Moschaw (genossenschaftliche Siedlung von israelischen Kleinbauern) und zog nach Bet Dagan, als sie meinen Vater heiratete“, erzählt Sheri, die bereits mit fünf Jahren ihre ersten musikalischen und tänzerischen Auftritte in dieser Gemeinde hatte.
„Viele Menschen außerhalb Israels verstehen die große Anhänglichkeit der Mizrachim zur Likud-Partei nicht, aber diese ist eng mit der Politik Menachem Begins** verknüpft“, so Avraham. „Nachdem 1977 die Regierungsperiode der Avoda (Arbeiterpartei) durch den Likud abgelöst wurde, startete Begin mehrere soziale Pilotprojekte, von denen vor allem die ärmeren Menschen im Land profitierten.“ Innerhalb von nur zwei Jahren entstanden auch in Bet Dagan Gemeindebauten, und die meisten Einwohner, die bis dahin in sehr einfachen Unterkünften (Zrifim) lebten, konnten in richtige Wohnungen einziehen.
„Wir hatten weder Kühlschrank noch Fernseher, aber wir bekamen Computer, so habe ich bereits mit vier Jahren Lesen und Schreiben gelernt. Die Spendengelder aus aller Welt wurden für die Gemeinden eingesetzt: Plötzlich hatten wir Gehsteige und richtige Straßen – und daher hält die Loyalität dieser Menschen bis heute an“, lautet die Erklärung.
Sheri Avraham ordnet die Mizrachim nicht nach ihren Herkunftsländern ein, denn sie ist überzeugt, dass mit der Bezeichnung die gesellschaftliche Klasse definiert wird. Gilt das heute noch? „Es ist etwas weniger relevant geworden. Meine Schwester zum Beispiel hat studiert und gehört heute zur Mittelklasse. Sie ist Mizrachi, ihr Mann Pole – also Aschkenazi –, was sind jetzt die gemeinsamen Kinder? Mizrachim oder Aschkenazim? Wahrscheinlich beides!“
Existenzielle Fragen. Als was fühlt sich Sheri Avraham? „Ich bin Mizrachi, in Israel geboren, und mich triggern andere Ideen, jene über Identitäten durch unsere Geschichte, z. B. die Frage: „Was willst du sein mit dieser 2.000-jährigen Historie, ohne deine Herkunft zu vergessen?“ Das Künstlerische war schon früh präsent in ihrem Leben, daher verarbeitet sie das meiste, das sie bewegt und prägt, auf diesem Wege. „Meine Eltern ließen sich scheiden, und mein Singen versiegte. Ich lebte danach bei meiner Mutter in Bet Shemesh und begann, tanzen zu lernen; das war auch das Billigste, das wir uns leisten konnten.“
Die nächste Station nach der religiösen Schule war der Armeedienst, den sie bis 1999 absolvierte.
„Unter dem Motto Pay the artist now haben wir
in der IG Bildende Kunst sowohl konkrete Lösungen
entwickelt als auch wichtige Forderungen gestellt […].“
Nach der Armee traf ihre Sehnsucht nach Kunst zunächst auf die Realität: Ein künstlerischer Weg schien kaum finanzierbar, dafür musste sie Geld verdienen. Also entschied sie sich für Grafik, ein Fach, das zwar mit Kunst verbunden ist, aber eine stabilere berufliche Zukunft versprach. „Ich wusste von Freundinnen, dass man dort gut bezahlt wird, und hoffte, so für das Studium Geld sparen zu können.“ Doch diese Pläne mussten noch warten: Avraham wurde nach sechs Monaten von London nach Israel abgeschoben. Sie hatte nur ein Touristenvisum – und man befürchtete, dass sie illegal im Land bleiben würde. „Das Wort deported in der Ausweisung hat mich schockiert, das kannte ich nur im Kontext der Schoa.“
Dennoch hat sie von London einiges nach Zfat, das Künstlerdorf im Norden von Israel, mitgebracht, und zwar den Entschluss, ihre berufliche Zukunft nur mehr der Kunst zu widmen. „In London war an jedem Wochentag bei einem anderen Museum freier Eintritt – das heißt, entweder kellnerte ich oder ging ins Museum ‚Kunst essen‘, danach wusste ich genau, was ich machen wollte.“ In Zfat begann sie mit dem Fotografieren und zu malen und konnte sich durch einen eigenen Imbissstand erhalten, an dem sie regionale Produkte anbot und ihre Bilder verkaufte. Als die Kassa wieder aufgefüllt war, fuhr Avraham endlich nach Barcelona – aber auch dort kam es anders: „Ich lernte einen Österreicher kennen, und er meinte, wenn es dir um Kunst geht, dann komm nach Wien. Ich bin ihm dankbar, denn er hatte recht.“
2006 heirateten sie hier, und bald darauf begann Sheri ihr fünfjähriges Studium der Konzeptkunst an der Akademie der bildenden Künste, das sie mit Diplom abschloss. Da bei der Konzeptkunst die Idee hinter einem Kunstwerk wichtiger ist als die Ästhetik oder technische Fertigkeit, passte das gut zur identitätssuchenden Künstlerin.
Doch in der Stadt, die zu ihrer Heimat wurde, hatte sie auch ihre erste Erfahrung mit dem Antisemitismus. „Das ging sowohl von Marina Gržini als auch von dem mich betreuenden Professor aus. Details möchte ich keine nennen.“
Seit acht Jahren engagiert sich Sheri Avraham bei der IG Bildende Kunst, deren Schwerpunkt der Einsatz für soziale Rechte von Künstlern und Künstlerinnen in oft prekären Arbeitsbedingungen – und vor allem eine angemessene Bezahlung künstlerischer Arbeit ist. Diesen Themen widmet sie sich auch in ihrer Kunst; seit zwei Jahre arbeitet sie an der vom Bund finanzierten künstlerischen Forschungsarbeit Ze_R0!Ayns; in ihren Installationen befasst sich mit Innovation und neuen Strategien nach der Covid- Pandemie. Ein weiteres Projekt, das Avraham wichtig war und bei dem auch ihre Schwester in Israel eingebunden war, befasste sich mit Gewalt gegen Frauen. Da sie ihren politischen Aktivismus mit ihrer Kunst verbindet, schätzt sie auch die aufklärerisch edukative Arbeit des Jüdischen Museums in Wien, wie sie sich z. B. in der derzeitigen Ausstellung Schwarze Juden, weiße Juden? manifestiert.
„Unter dem Motto Pay the artist now haben wir in der IG Bildende Kunst sowohl konkrete Lösungen entwickelt als auch wichtige Forderungen gestellt, die wir auf einer Tour durch ganz Österreich erklärt – und einiges auch gesetzlich durchgebracht haben“, freut sich Sheri Avraham. Also hat sie gewerkschaftliche Arbeit geleistet? „Ja, denn ich bleibe doch ein Arbeiterkind!“
* Mizrachim sind Juden, deren Vorfahren aus dem Nahen Osten und Nordafrika stammen. „Mizrahi“ bedeutet auf Hebräisch „östlich“ und meint die Herkunft aus Regionen, die den heutigen Iran, Irak, Syrien, Libanon, Jemen, Ägypten und andere Teile des Nahen Ostens, Nordafrikas und Asiens umfassen. Zu den Mizrachim zählen somit Juden aus muslimischen Ländern, wie persische, bucharische und kurdische Juden, aber auch indische Juden, die Bergjuden aus dem Kaukasus und Juden aus Georgien.
** Menachem Begin (1913–1992) gründete 1973 den national-konservativen Likud-Block. Dieser gewann 1977 die Wahl, und Begin wurde israelischer Ministerpräsident. In seine Amtszeit fiel der Friedensschluss mit Ägypten, für den er 1978 gemeinsam mit Muhammad Anwar as-Sadat den Friedensnobelpreis erhielt. Im Oktober 1983 trat er aufgrund des Misserfolgs im ersten Libanonkrieg 1982 zurück.




















