Auf den Hund gekommen

Mit seinem Roman Nicht ist dem israelischen Autor und Literaturwissenschaftler Dror Mishani eine zarte Liebesgeschichte mit Krimispannung gelungen.

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Dror Mishani: Nicht. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes 2026, 192 S., € 25

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Und das gilt besonders in Israel, hat schon Staatsgründer David Ben-Gurion gewusst. Dass er nicht an Wunder glaubt, ist ein Fehler Elis und bei Weitem nicht sein einziger, wie sich fatalerweise zeigen wird. Auch dass G’tt noch ein Geschenk für ihn bereithält, kann der 52-Jährige nicht mehr glauben, nachdem er seine Frau begraben musste. Auf eine weitere Liebe in seinem Leben hofft der Witwer und Vater zweier Kinder, die schon aus dem Haus sind, nicht mehr, als er der Cellistin Lia begegnet.

Sie ist Single, hat eine Mutter im Altersheim und Felix, den sie abgöttisch liebt. Er ist ein Kanaan-Hund. Diese Hunderasse, eigentlich ein domestizierter Wüstenhund, ist längst so etwas wie der israelische Hund schlechthin geworden. Schon Leon de Winter hat ihm im Roman Stadt der Hunde ein wundersames literarisches Denkmal gesetzt und die erstaunliche Zunahme von Vierbeinern aller Art und der besonderen Spezies ihrer Besitzer: innen als ein Phänomen in der urbanen Gesellschaft Tel Avivs beschrieben.

Eli, feinsinniger Übersetzer literarischer Kriminalromane, hat mit Hunden keine Erfahrung, aber ohne Felix gibt’s keine Lia. Diese Erfahrung muss er schmerzlich machen.

Dror Mishani: 1975 in Cholon geboren, lebt der Bestseller-Autor heute mit seiner Familie in Tel Aviv. © Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Lügengespinst. Dror Mishani, besonders dem Krimi-Genre zugewandter Literaturwissenschaftler, hat mit seinem Kommissar Avi Avraham einen beliebten Serienhelden erschaffen und durch mehrere Fälle erfolgreich begleitet. Er weiß also, wie Spannung geht, auch wenn es sich diesmal nicht um Verbrechen und Mord, sondern vielmehr um die Liebe handelt und nur Hundeblut fließt, ein „nur“, das Lia so keinesfalls akzeptieren kann und will.

„Mishani weiß, wie Spannung geht, auch wenn diesmal nur Hundeblut fließt.“

Mit der Leine, die er in einem unbedachten Moment loslässt, verstrickt sich Eli immer tiefer in ein Lügengespinst, aus dem es offensichtlich keinen Ausweg gibt. Kleinkriminelle Teenager aus der Drogenszene im verwahrlosten Süden der Stadt beuten die Not von Hundehaltern wie Lia auf der Suche nach ihren abgängigen Lieblingen erpresserisch aus, eine hartnäckige Ermittlerin der Polizei kommt ihnen auf die Spur, und der Rest ist Schicksal, das sich vielleicht wider Erwarten noch einmal gnädig erweisen wird.

Denn „Lass alle Hoffnung fahren“ scheint der allwissende und warnende Erzähler dem von einem Verhängnis ins andere stolpernden Eli, mit dem er auf Du und Du ist, von Anfang an auf den Weg zu geben. Dass man ihn auf diesem trotzdem von Seite zu Seite bangend begleitet, verdankt sich der an großen Krimivorbildern wie Georges Simenon geschulten Suspense-Technik des Autors.

Übrigens wird auch Wien Schauplatz einer unrühmlichen Episode. In Wien, so Lia über ihre Konzertreise, sei „einfach alles schrecklich gewesen“. Ein schäbiges Hotelzimmer, schauderhafte Akustik im Jüdischen Museum. Genau dort war eine Buchpräsentation mit Mishani geplant, als der zwölftägige Irankrieg diesen Plan durchkreuzte.

In seinen Tagebuchaufzeichnungen Fenster ohne Aussicht über Israel nach der Zeitenwende des 7. Oktober 2023 hat Dror Mishani seiner Existenz- und Sinnkrise als Schreibender und als Bürger seines Landes Ausdruck verliehen. Dass er nun aus dieser scheinbar aussichtslosen Dunkelheit mit Nicht gleichsam leichtfüßig in einer spannend erzählten Liebesgeschichte auftaucht, ist tröstlich.

 

 

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