Auf den Moment konzentrieren

Die Achtsamkeitsbewegung holt buddhistische Meditation in die säkulare Welt. Beteiligt waren und sind bei dieser Transformation erstaunlich viele Juden und Jüdinnen.

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© Manfred Witt/picturedesk.com

Was stellen Sie sich unter einer Essmediation vor? Was wäre Ihre Erwartung? Jon Kabat-Zinn würde Sie bitten, sich eine Rosine zu besorgen. Und dann dieser Anleitung zu folgen: „Die Herausforderung bei dieser geführten Meditation – und ihre Schönheit – liegt einfach darin, mit jedem Moment zu sein, so wie er ist: wenn Sie die Rosine sehen, sie in Ihrer Hand halten, sie mit Ihren Fingern spüren. Wenn Sie das Kauen der Rosine erwarten und wie es im Körper und im Mund spürbar sein wird. Wenn Sie die Rosine in den Mund nehmen und sie ‚empfangen‘, wenn Sie sie langsam und absichtsvoll kauen. Wenn Sie die Rosine in jedem Moment schmecken und spüren, wie sie sich mit der Zeit verändert. Wenn Sie die Rosine herunterschlucken, wenn der Impuls zu schlucken auftaucht und Sie darauf reagieren. Wenn Sie all die Gedanken und Emotionen wahrnehmen, die sich im Verlauf dessen in diesem Prozess zeigen. Und wenn Sie die lange Nachwirkung des Schluckens spüren. Und währenddessen sind Sie immer eingeladen, das Erkennen zu sein, das zu verkörpern, was die Erfahrung erkennt, wenn sich diese entfaltet – und in diesem Gewahrsein zu ruhen, Moment für Moment für Moment.“
Jon Kabat-Zinn ist eine der Leitfiguren der Achtsamkeitsbewegung. Er definiert Achtsamkeit als Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft und nicht wertend ist. Dieser Ansatz kommt ursprünglich aus dem Buddhismus. Inzwischen ist er jedoch auch in der westlichen Welt angekommen: Losgelöst von religiöser Spiritualität hilft Achtsamkeit Menschen, im Hier und Jetzt besser zurechtzukommen. Das haben sich inzwischen auch große Konzerne oder Unternehmen wie Goldmann Sachs, General Mills oder die Target Corporation zu Nutze gemacht. Sie bieten ihren Mitarbeitern Achtsamkeitstrainings an.
Auffallend viele Vertreter und Vertreterinnen der westlichen Achtsamkeitsbewegung sind jüdischer Herkunft: Kabat-Zinn gehört zu ihnen ebenso wie Sharon Salzberg, Daniel Goleman, Jacqueline Mandell oder Jack Kornfield. Viele von ihnen hatten sich in den 1970er in Indien auf die Suche nach Spiritualität gemacht und waren etwa bei dem Meditationslehrer Satya Narayan Goenka fündig geworden. Er stammte ursprünglich aus Burma und hatte sich dort mit buddhistischen Meditationspraktiken auseinandergesetzt, um seine Kopfschmerzen in den Griff zu bekommen. Er lernte in der Folge selbst Jahre lang und beschloss nach Indien zu gehen, um sein Wissen weiterzugeben. Dort fehlte ihm aber die religiöse Autorität – Anhänger des Hinduismus fühlten sich nicht angesprochen. Sinnsuchende aus westlichen Ländern fanden seine Meditationstechnik dagegen attraktiv, unter ihnen auch einige Juden aus den USA.

»Wenn wir konstant woanders leben als in der Gegenwart, können wir emotional nicht überleben.«
Rabbiner Benjamin Epstein

Jene, die sich vom Buddhismus angesprochen fühlten, waren meist säkular lebende Juden, sagt der Religionswissenschaftler Jeff Wilson, der 2014 das Buch Mindful America herausbrachte. Er weist zudem auf eine Parallele zwischen Buddhismus und Psychoanalyse hin: Beide orten die Quelle von Leiden in der Seele. Hier setzten Kabat-Zinn, Goleman, Salzberg und Co. teilweise unabhängig voneinander an. Kabat-Zinn gründete 1979 eine Stress Reduction Clinic in Massachusetts, wo er begann, sein Programm der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR – Mindfulness-Based Stress Reduction) zu vermitteln. Die darin enthaltenen Übungen setzen sich aus Hatha Yoga, Vipassana und Zen zusammen. 1995 etablierte er, ebenfalls in Massachusetts, ein Zentrum für Achtsamkeit in Medizin, Gesundheitswesen und Gesellschaft.

Benjamin Epstein: Living in the Presence: A Jewish Mindfulness Guide for Everyday Life. Urim Publications, 192 S.

Sieht man sich die Publikationen Kabat-Zinns an (einige von ihnen liegen auch in deutscher Übersetzung vor), fällt der Aspekt des Selbstheilens auf. Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR nennt sich zum Beispiel eines seiner Standardwerke. Sein deutscher Verlag Knaur unterstreicht, ihm sei es als Erstem gelungen, die Achtsamkeitspraxis systematisch in die medizinische Praxis zu integrieren.
In einer Einführung in die MBSR-Praxis umreißt Kabat-Zinn den Unterschied zwischen seiner Methode und anderen Meditationspraktiken. „In der Übung von Achtsamkeit macht man anfangs Gebrauch von einer eingerichteten Aufmerksamkeit, um Ruhe und Beständigkeit zu kultivieren, doch anschließend geht man darüber hinaus, indem man die Objekte der Beobachtung erweitert sowie ein Element des Erforschens einbringt. Wenn Gedanken oder Gefühle entstehen, ignoriert man sie nicht, noch unterdrückt man sie, noch analysiert oder beurteilt man ihren Inhalt. Stattdessen betrachtet man sie, absichtlich und so gut man kann, ohne sie zu bewerten, wie sie von Moment zu Moment als Ereignisse im Feld des Gewahrsams entstehen. Ironischerweise führt diese umfassende Wahrnehmung der Gedanken, die im Geist entstehen und vergehen, dazu, dass man sich weniger in ihnen verstrickt. Der Beobachter erhält einen tieferen Einblick in seine Reaktionsweisen auf das Alltägliche und auf Schwierigkeiten. Indem die Gedanken und Gefühle aus einem gewissen Abstand heraus betrachtet werden, kann klarer erkannt werden, was tatsächlich im Geist abläuft. Es wird gesehen, wie ein Gedanke nach dem anderen entsteht und vergeht. Man kann den Inhalt der Gedanken benennen, die Gefühle, die mit ihnen verbunden sind, und dann auch die Reaktionen auf diese Gefühle.“
Kabat-Zinn arbeitet auch bei dem 1990 vom Dalai Lama ins Leben gerufenen Mind and Life Institute in Virginia mit. Ziel der Organisation ist es, einen Dialog zwischen moderner Wissenschaft und Buddhismus zu fördern, um die Möglichkeiten und Einsichten, die sich aus einem solchen Dialog ergeben können, zu erforschen. Einer, der ebenfalls an den Konferenzen dieser Einrichtung beteiligt ist, ist Daniel Goleman. Auch er setzt auf die heilende Kraft der Gefühle und ist sich sicher, dass destruktive Emotionen überwunden werden können. Sharon Salzberg, Jack Kornfield und Joseph Goldstein wiederum gründeten in den 1970er-Jahren in Massachusetts die Insight Meditation Society. Sie widmet sich dem Studium des Buddhismus und vermittelt in Klausuren Meditationstechniken.
Interessant ist, dass das Thema Achtsamkeit inzwischen auch aus jüdischer religiöser Perspektive beleuchtet und eingesetzt wird. Dieses Frühjahr veröffentlichte Rabbiner Benjamin Epstein das Buch Living in the Presence: A Jewish Mindfulness Guide to Everyday Life. Er betont, dass die psychologische Forschung gezeigt habe, dass es ebenso wichtig ist, in der Gegenwart zu leben, wie zu atmen, zu essen und zu schlafen. Es mache Menschen krank, wenn sie die Vergangenheit bedauern oder die Zukunft fürchten. „Wenn wir konstant woanders leben als in der Gegenwart, können wir emotional nicht überleben“, meint Epstein.
Was allen Achtsamkeitsvertretern gemeinsam ist: Sie legen den Fokus auf das Hier und Jetzt. Sie lehren, wie man im Moment lebt und sich auf diesen konzentriert. Sie leiten an, wie durch das Besinnen auf vermeintlich Kleines mehr Klarheit im Blick auf das Ganze entsteht. Dass große Firmen inzwischen auf Achtsamkeitstrainings setzen, zeigt, dass durch Achtsamkeit am Ende auch effizienteres Arbeiten möglich gemacht wird. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass dies im Sinn von Kabat-Zinn, Goleman oder Salzberg ist. Sie setzen auf Achtsamkeit, um zu einer inneren Ausgeglichenheit und in der Folge auch zu einer besseren Gesundheit zu kommen. Ihnen geht es um das Individuum und dessen besseren Umgang mit allem, womit es konfrontiert ist – und nicht um das Optimieren etwa von Arbeitsabläufen oder eine Anleitung, wie die einzelne Person künftig alles anders macht.
Hier sei nochmals Kabat-Zinn zitiert: „Viele Leute denken, dass das Ziel der Meditation darin bestünde, die Wellen zu verhindern, so dass die Oberfläche flach, friedlich und ruhig wird. Doch dies ist eine irreführende Vorstellung. Viel besser wird der wahre Geist der Achtsamkeitspraxis von folgendem Bild illustriert, das mir einst jemand beschrieb: Es zeigt einen etwa 70-jährigen Yogi, Swami Satchidananda, wie er, mit weißem Rauschebart und wehenden Roben, auf einem Surfbrett stehend in Hawaii auf einer Welle reitet. Die Überschrift lautete: ‚Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, sie zu reiten.‘ “

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