
Wir treffen einander im Foyer der Arbeiterkammer Wien in der Prinz Eugen- Straße 20–22 im vierten Bezirk. An dieser Adresse stand einst das Palais Rothschild, in der NS-Zeit war hier die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ untergebracht. Seit Kurzem zeichnet die von der Historikerin Sophie Lillie und dem Künstler Arye Wachsmuth geschaffene Dauerausstellung Schaltstelle des Terrors nach, was hier passierte und wer hier tätig war. An diesem Ort wurde die Deportation von über 49.000 Männern, Frauen und Kindern aus Wien organisiert.
„Mir bedeutet es sehr viel, dass nun endlich für alle plakativ sichtbar gemacht wurde, was sich früher hier im Gebäude befunden hat“, sagt Gadot-Uri. Hier sei über den Tod tausender Juden und Jüdinnen entschieden worden. „Mein Großvater erlebte das Novemberpogrom 1938 in Wien und schaffte es danach, ins damalige Palästina zu fliehen. Leider konnte ich ihn vor seinem Tod nicht mehr fragen, ob er selbst auch mit dieser ‚Zentralstelle für jüdische Auswanderung‘ zu tun hatte, ich hätte gerne seine Erfahrungen dazu gehört.“
Sie habe an einer Führung durch die neue Schau teilgenommen und sich diese auch allein genau angesehen. „Ich muss gestehen: Es war ein ambivalentes Gefühl. Einerseits die Wut auf das, was früher war, andererseits der Stolz, dass ich als Jüdin heute an eben diesem Ort stehe und täglich sinnvolle Arbeit leiste.“
Diese Ambivalenz umreißt seit dem 7. Oktober 2023 das gesamte Leben der Juristin. Sie kam 1981 in Wien zur Welt, wuchs, wie sie es formuliert, nicht religiös, aber in einem traditionell lebenden Elternhaus auf – und genauso halte es sie heute auch mit ihren Kindern. Konkret bedeutet das: Halten der Feiertage, Zusammenkommen der Familie am Freitagabend, ein koscherer Haushalt, außer Haus muss es zwar nicht koscher, aber immer vegetarisch sein. „Wichtig ist mir eine bewusste jüdische Identität.“
Sie besuchte – ebenso wie ihre Kinder im Alter von acht, 12 und 15 Jahren heute – die Zwi-Perez-Chajes-Schule. Danach entschied sie sich, Jus zu studieren. Nach Jahren in zwei Anwaltskanzleien, zuletzt war sie von 2004 bis 2007 bei Lansky, Ganzger + Partner beschäftigt, merkte sie: Es zieht sie mehr in den Sozialbereich. Schon bei Lansky und Ganzger hatte sie sich zuletzt im Fremdenrechtsbereich engagiert. Schließlich ergab sich 2008 die Möglichkeit, in der Arbeitsrechtsberatung der AK Wien einzusteigen. Dort ist sie bis heute tätig – und mit Herz und Seele dabei.
„Wir unterstützen täglich tausende Mitglieder, indem wir sie rechtlich beraten, die ohne uns verloren wären, weil sie sich keinen Anwalt leisten können. Die Reinigungskraft, der Bauarbeiter, die Hilfsarbeiterin – all diese Menschen wären ohne Arbeiterkammer auf sich allein gestellt.“ Sie selbst habe sich politisch immer als links verstanden, mit dieser Arbeit habe sie auch das Gefühl, „auf der richtigen Seite zu stehen“.
Breite Themenpalette. Die Beratungen erfolgen entweder am Telefon oder im Rahmen persönlicher Termine. Die Bandbreite der Unterstützung seitens der AK reiche dabei von Hilfe zur Selbsthilfe, indem Betroffenen erklärt werde, wie sie das aufgetretene Problem gegenüber dem Arbeitgeber ansprechen können. Fruchte das nicht, übernimmt die AK zunächst per Vollmacht die Vertretung und tritt direkt in Kontakt mit dem betreffenden Unternehmen. Im nächsten Schritt bemüht man sich um einen außergerichtlichen Vergleich. All das fällt dann auch in das Aufgabengebiet von Gadot-Uri.
Wird es nötig, vor Gericht zu gehen, übernimmt das die Rechtsschutzabteilung der AK. Dann bereitet die Juristin die Klage samt Streitwertberechnung vor und leitet den Akt an die Rechtsschutzabteilung weiter, die die betroffenen Arbeitnehmer und -nehmerinnen in der Folge vor Gericht vertritt. In rund der Hälfte der Fälle gelinge es aber, ohne eine Klage zum Ziel zu kommen.

Zusätzlich ist sie seit der Geburt ihrer Kinder auch im Bereich Mutterschutzberatung eingesetzt. Hier komme es zu besonders schönen, aber auch zu besonders traurigen Momenten. Angehende Mütter über ihre Rechte aufzuklären, stimme froh. Wenn es aber um Frauen gehe, die beispielsweise nach einer Fehl- oder Totgeburt schamlos gekündigt werden, zeige das die Schattenseiten auf. Auch gebe es nach wie vor viele Fälle, in denen Frauen und Männer nach Inanspruchnahme einer Karenz mit einer verschlechternden Versetzung oder Diskriminierung zu kämpfen hätten. Erst neulich habe sie eine Frau beraten, die vor der Babypause eine Führungsposition innehatte, seit der Rückkehr aus der Karenz aber nur mehr Hilfstätigkeiten zugewiesen bekomme. Es seien solche Fälle, die ihr nahegehen, erzählt sie, und sie versuche dann alles, um diesen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.
Regelmäßig hält sie als AK-Expertin für diesen Bereich auch Vorträge in der Arbeiterkammer, aber auch in einem externen Eltern-Kind-Zentrum der Stadt Wien. „Dabei kommt es immer zu sehr netten Begegnungen. Ich mag diese Abende sehr.“
Was sie insgesamt an ihrer Arbeit schätzt: dass sie für den Einzelnen oft viel Positives bewegen kann. Und dass dann auch seitens der von ihr Beratenen und rechtlich Begleiteten Dankbarkeit geäußert werde. Das sei schon ein gutes Gefühl. Allen, die sich nicht sicher sind, ob sie seitens des Arbeitgebers korrekt behandelt würden, empfiehlt sie, die AK aufzusuchen.
Der erste Schritt sei immer nur eine Beratung, um über seine Rechte Bescheid zu wissen. Diese erfolge anonym. Darauf müssten noch gar keine konkreten Interventionen folgen. Die Themenpalette sei dabei eine durchaus breite: Ist die Einstufung im Kollektivvertrag korrekt? Wird das Gehalt ordnungsgemäß abgerechnet? Werden die Urlaubsansprüche richtig ermittelt? Werden die Arbeitszeitvorschriften eingehalten? Aber auch: Ist das, womit ich durch Vorgesetzte oder Kollegen und Kolleginnen konfrontiert bin, Mobbing oder sexuelle Belästigung?
Ihr mache aber nicht nur ihre tägliche Arbeit Freude, sie schätze auch die Arbeiterkammer als Arbeitgeber an sich. Hier sei es gut möglich, Beruf und Familie zu vereinbaren.
„Sie wachsen als stolze und selbstbewusste Juden auf,
bekommen dank kleiner Klassen und intimer Atmosphäre
eine hervorragende Allgemeinbildung […].“
Dass die Kinder die ZPC-Schule besuchen, darüber sei sie nicht zuletzt seit den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 froh. Einerseits soll dort ihre jüdische Identität gestärkt werden. Andererseits gehe es ihr
als Mutter auch darum, sie so lange wie möglich in einer sicheren Bubble zu wissen. An einer öffentlichen Schule wären die Kinder wohl schon mit Antisemitismus konfrontiert worden. Sie sei froh, dass dem nicht so sei. „Sie wachsen als stolze und selbstbewusste Juden auf, bekommen dank kleiner Klassen und intimer Atmosphäre eine hervorragende Allgemeinbildung und können sich in der Schule ungezwungen so geben, wie sie sind, ohne sich verstecken zu müssen.“
Ein Riss in der Gesellschaft. Sie selbst habe nach dem 7. Oktober ihren kleinen Magen- David-Anhänger nicht mehr am Arbeitsplatz getragen. Bei unserem Interviewtermin ziert er aber wieder ihren Hals. „Am 7. Oktober 2025 habe ich mir gedacht: Es reicht, es ist wieder Zeit, ihn zu tragen.“ Mitgespielt haben dabei auch Gedanken wie: Oft berate sie Menschen, denen sie eben helfen könne. Da gebe es dann auch Fälle wie den eines muslimischen Arbeitnehmers, der diskriminiert worden sei, weil er im Ramadan gefastet habe. „Er wurde gut von mir vertreten und war dankbar für meine Hilfe. Da habe ich mir gedacht, da wäre es eigentlich positiv, er wüsste, dass ich jüdisch bin. Das würde uns doch allen gut tun, wenn man sieht, da tritt der eine für den anderen ein.“
Sie sei grundsätzlich auch kein ängstlicher Mensch, betont Gadot-Uri. Und bis jetzt habe sie auch noch niemand negativ auf ihre Magen-David-Kette angesprochen. „Ich hoffe, das bleibt auch so.“ Dennoch sei der Riss, der sich seit dem 7. Oktober 2023 in der gesamten Gesellschaft zeige, subtil, aber doch, auch am Arbeitsplatz spürbar. Ihr Mann stammt aus Israel, ihn hat sie in Wien kennengelernt, wohin er zunächst nur für zwei Jahre für einen Job gekommen war. Er fühlte sich wohl hier, und so beschloss das Paar, die gemeinsame Familie in Wien zu gründen.
Sie habe also Familie in Israel und reise auch jedes Jahr ein, zwei Mal dorthin. Das sei auch in der Kollegen- und Kolleginnenschaft bekannt. Dennoch hätten sie nach dem 7. Oktober nur jene aus ihrem Team, die ihr nahe stünden, gefragt, wie es ihr gehe. Einige wenige andere aus dem Haus hätten sich ebenfalls erkundigt. „Aber der Großteil sagt nichts, bis heute, und das kann man sich in die eine oder andere Richtung denken.“ Sie wisse, dass über den Krieg in Gaza von vielen durchaus diskutiert werde und dass es da eben auch Kollegen und Kolleginnen gebe, die sehr Israelkritisch seien. Diese würden sich dann aber ihr gegenüber gar nicht äußern. Es sei zwar durchaus gut, nicht in solche Debatten verwickelt zu werden, es zeige aber eben schon auch einen Bruch auf – zumal, wenn man sich, wie sie, selbst als links begreife.
„Es war ein ambivalentes Gefühl. Einerseits die Wut
auf das, was früher war, andererseits der Stolz,
dass ich als Jüdin heute an eben diesem Ort stehe
und täglich sinnvolle Arbeit leiste“
Linda Gadot-Uri
Stichwort politische Zu- und Einordnung: Ratlos habe sie bisweilen auch gemacht, was aus politischen Parteien an Reaktionen nach dem 7. Oktober kam. „Und da muss ich sagen: Ich kann nicht mehr die Partei(en) wählen, mit denen ich mich von den Einstellungen und der Ideologie her eigentlich identifiziere, weil sie sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass das soziale Gefüge in Österreich funktioniert. Diesen Luxus habe ich nicht mehr. Ich muss überlegen, was ist für mich als Jüdin am besten. Und das hat sich um 180 Grad geändert. Blau würde ich nie wählen. Aber meine Priorität liegt nicht mehr bei jener Partei, die sozialpolitisch für mich am meisten Sinn machen würde, sondern jener, die am meisten dafür tut, dass ich in Österreich als Jüdin sicher leben kann.“
Stichwort Sicherheit und Zukunft: Sie selbst liebe Wien und sei hier verwurzelt. „Mir würde es sehr schwer fallen, hier wegzugehen.“ Sie habe sich gleichzeitig geschworen, nicht den Fehler ihrer Großeltern zu machen und den Punkt zu übersehen, an dem es Zeit sei zu gehen. Dennoch hoffe sie, hier eines Tages in Pension gehen zu können und dass sich am Ende doch alles zum Guten entwickeln werde. Sie habe aber Zweifel, dass ihre Kinder einmal ihre Familien in Österreich gründen werden. Als sie begonnen habe, Jus zu studieren, habe sie keine Sekunde daran gedacht, dass sie diese Ausbildung an Österreich binde. „Ich glaube, heute wäre das eine legitime Überlegung, und das sind Fragen, die sich unsere Kinder stellen werden müssen.“ Gerüstet sind die drei sprachlich jedenfalls schon für ein Leben anderswo: Gadot-Uri, deren Vater aus den USA kommt, ist selbst bilingual mit Deutsch und Englisch aufgewachsen, in ihrem Haushalt heute wird Deutsch, Englisch und Iwrit gesprochen.
Um in anderen Ländern den Horizont zu erweitern, zählt auch das Reisen zu den Hobbys von Linda Gadot-Uri. Asien und Südamerika habe sie schon bereist, vieles andere stehe noch auf ihrer Bucketlist. Sie freue sich aber, dass die Kinder alle inzwischen groß genug seien, damit sie auch als Familie die Welt bereisen können. Ihre zweite Leidenschaft ist das Tanzen. Als Kind habe sie sowohl Ballett als auch Jazzdance betrieben. Seit einiger Zeit besuche sie nun wieder eine Jazzdance- Klasse für Erwachsene. „Ich tanze dort einmal die Woche, und ich liebe es.“
























