Auf der Suche nach der verlorenen Zeit In der U-Bahn

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Ist es nicht wunderbar, wenn vermeintlich tote Sprachen wieder lebendig werden? Von Alexia Weiss

Das Kind spielt gerne Sprachen raten. Die Wiener U-Bahn ist hier ein wahres Paradies: Wenn man genauer hinhört, sprießen die verschiedensten Idiome aus der allgemeinen Klang- und Geräuschwolke, die über all jenen Orten hängt, an denen viele Menschen zusammenkommen. Im internationalen Kindergarten gab es jeden Dezember ein winter concert: Präsentiert wurden Lieder aus der Sprachheimat jedes Kindes. Heraus kam ein Potpourri aus den Sprachen der Welt: Asien war ebenso vertreten wie Afrika oder Skandinavien. Die Kinder lernten so Jahr für Jahr Dutzende Lieder in vielen für sie völlig fremden Idiomen. Das hat, wie sich nun zeigt, das Ohr des Kindes toll geschult. Außerdem nimmt es fremde Sprachen als etwas Positives und nicht als Ärgernis wahr.

Der Begriff „Schwarzfahren“ kommt wie so viele Redensarten aus dem Jiddischen. Shvarts bedeutet arm, demnach sind Schwarzfahrer diejenigen, die sich keine Fahrkarte leisten können.
Der Begriff „Schwarzfahren“ kommt, wie so viele Redensarten aus dem Jiddischen. Shvarts bedeutet arm, demnach sind Schwarzfahrer diejenigen, die sich keine Fahrkarte leisten können.

Kürzlich erzählte mir eine liebe Freundin, sie ist gebürtige Amerikanerin, sie sei in der U-Bahn einer jungen Frau gegenübergesessen, die unglaublich schnell sprach. In einer Sprache, die ihr bekannt vorkam, die sie aber dennoch nicht eindeutig zuordnen konnte. Es klang Deutsch, war es aber nicht. Dann waren auch viele chs zu hören, sagte die Freundin, und sie habe sich gedacht, doch Hebräisch? Vor vielen Jahren hatte sie selbst in diese Sprache hineingeschnuppert. Ihr Verdacht war – nun, Sie wissen es sicher schon.

Als die junge Frau ihr Telefonat beendet hatte, fragte meine Freundin sie rundheraus, welche Sprache das gewesen sei. Es war Jiddisch. „Und ich habe ausgerufen, I knew it‘“, erzählte meine Freundin und noch aus ihrem Berichten Tage später war diese Euphorie herauszuhören. Erstens: richtig gelegen zu haben. Zweitens: Jiddisch in der Wiener U-Bahn.

Im Sommer habe ich einen der orthodoxen Wiener Kindergärten besucht, einmal zugesehen, wie die Kinder dort spielen, lernen, kommunizieren. Auch dort ist das Jiddische präsent – als Alltagssprache. Als Sprache, in der man davon erzählt, was man am Wochenende unternommen hat, und darüber spricht, wie man in der Gruppe gut miteinander auskommt. Als Sprache, in der Geschichten erzählt werden und die Pädagogin erklärt, was heute am Basteltisch gemacht werden kann.

Das Jiddische ist aber wieder da in Wien. Nicht nur in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Es wird von Menschen gesprochen, von Kindern und jungen Menschen, nicht nur in den eigenen vier Wänden, auch auf der Straße,
in der U-Bahn.

In meiner Studienzeit habe ich als Germanistikstudentin wie so viele anderen bei Professor Allerhand ins Jiddische hineingeschnuppert. Faszinierend war das, aber vor allem: nostalgisch. Sich mit dem Jiddischen zu befassen hatte ein bisschen etwas Wehmütiges, rückwärts Gewandtes. Man erinnert sich an all das, was es einst gegeben hat, vor dem Unaussprechlichen. Rasch ist der Begriff der untergegangenen Kultur zu Hand.

Das Jiddische ist aber wieder da in Wien. Nicht nur in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Es wird von Menschen gesprochen, von Kindern und jungen Menschen, nicht nur in den eigenen vier Wänden, auch auf der Straße, in der U-Bahn. Welche Parallele mir in den Sinn kommt? Wie lange galt Hebräisch als tote Sprache, nur beim Gebet verwendet? Heute ist Iwrit lebendig, Generationen von Israelis haben es bereits als Erstsprache erlernt. Die Dimensionen sind natürlich nicht miteinander vergleichbar. Aber schön, dass das Jiddische in Wien heute nicht mehr nur Forschungsgegenstand ist.

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