Aufregendes Theater an der Burg – diesmal aus Ungarn

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Mit dem Gastspiel-Schwerpunkt Szene Ungarn –Ausschnitte einer Theaterlandschaft verfolgte Matthias Hartmann ein gesellschaftspolitisches Ziel. Die (noch) freien Bühnen aus Budapest nutzten ihre Chance mit ernsthaften und humorvollen Produktionen. Von Marta S. Halpert

Der Initiator und Direktor war nicht mehr da, aber seine Botschaft blieb gültig und kam deutlich an: Die unabhängigen Kulturschaffenden in Ungarn müssen moralisch und faktisch unterstützt werden, denn sie arbeiten unter mehr als widrigen Umständen. Matthias Hartmann hat über den Tellerrand der Wiener Szene geschaut und was mit den Kulturschaffenden in Ungarn geschah, missfiel ihm und er handelte. Auf seine Initiative haben Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Michael Haneke u. a. einen offenen Protestbrief an den ungarischen Kulturminister Zoltán Balog gesandt. Hartmann hat Balog auch in Budapest besucht und den Auftritt des Ministers in einem Spiegel-Essay scharfzüngig und kritisch beschrieben. Mit der Begründung „der gute Ruf des Burgtheaters solle nicht benützt werden, um den beschädigten Ruf der ungarischen Kulturpolitik zu reparieren“, schlug das Wiener Burgtheater die Einladung des Budapester Nationaltheaters aus, im Frühjahr 2014 bei dessen 1. Internationalen Festival ein Gastspiel zu geben.

„Viktor Orbán arbeitet seit seinem Amtsantritt 2010 an der ideologischen Gleichschaltung der Kultur.“

Der Kontrapunkt: Die Bühnenfassung von Àgota Kristófs Das große Heft, realisiert durch Regisseur und Choreograf Csaba Horváth, beweist, wie man mit einfachen Mitteln großartiges Theater machen kann.
Der Kontrapunkt: Die Bühnenfassung von
Àgota Kristófs Das große Heft,
realisiert durch Regisseur und Choreograf Csaba Horváth, beweist, wie man mit einfachen Mitteln großartiges Theater machen kann.

Stattdessen plante Hartmann ein ungarisches Festival am Burgtheater, um dem lokalen Publikum einen aktuellen Einblick in die spannende Theaterlandschaft Ungarns zu geben. Für die Woche vom 14. bis 20. März waren fünf Inszenierungen, zwei Lesungen und eine Diskussion vorgesehen. Sowohl freie als auch staatliche Institutionen wurden nach Wien eingeladen. Obwohl das Ungarische Nationaltheater sein Gastspiel mit Johanna auf dem Scheiterhaufen unter der Regie des Orbán-treuen Direktors Attila Vidnyánszky fix zugesagt hatte, folgte die prompte Retourkutsche aus Budapest mit Beginn der Turbulenzen am Wiener Burgtheater. Vidnyánszky sagte ab und verwies darauf, dass „das Burgtheater nicht der richtige Schauplatz ist, um hinsichtlich der Angelegenheiten eines anderen Landes die Vermittlerrolle zu spielen“. Und er fügte hinzu, dass er mit seiner Absage sein Theater und Ensemble davor schützen wolle, im Zuge der in Österreich „tobenden Debatten und Ereignissen mit Skandalgeruch zu irgendeinem Spielball zu werden“.

„Viktor Orbán arbeitet seit seinem Amtsantritt 2010 an der ideologischen Gleichschaltung der Kultur“, moniert Judit Csáki, Kulturkritikerin und Übersetzerin bei der Diskussion Das Theater in der ungarischen Gegenwart im Kasino in Wien. Die jüngste Verordnung der Regierung laute nämlich, „die urbane Literatur müsse national und christlich sein“. Csáki sieht darin ebenso eine klare antisemitische Ansage wie in der Vertreibung des liberalen, jüdischen und deklariert homosexuellen Direktors des Ungarischen Nationaltheaters, Róbert Alföldi. Der als genehm eingesetzte Nachfolger, Attila Vidnyánszky, hat seinem Gönner Orbán in der Inszenierung Johanna am Scheiterhaufen gleich seinen Dank abgestattet: Bei Paul Claudel heißt der Richter, der Johanna verurteilt „Cochon“ (französisch: Schwein), auf Vidnyánszkys Bühne wird daraus „Cohn-Bendit“. Der grüne EU-Parlamentarier gehört den lautesten Kritikern Orbáns. Der neue Direktor war bisher als sehr konservativ, nicht aber als politischer Propagandist bekannt. Der Regierung passt Vidnyánszky, der aus der Ukraine stammt, gut ins Konzept, weil diese die ungarische Minderheit dort politisch hofiert.

Das große Heft in fulminanter Umsetzung.

Die zweite Absage aus Budapest kam kurzfristig von der freien Theatergruppe Krétakör. In diesem Fall scheint es sich eher um die Stückauswahl zu handeln, die vielleicht als zu provokant empfunden wurde: Korrupció von Martón Gulyás ist in Ungarn ein Kassenschlager, alle Aufführungen sind bereits restlos ausverkauft. „Das Kulturbudget für die nicht-nationalistischen und volkstümlichen Theatergruppen wurde fast halbiert. Daher spielt die so genannte ‚linksliberale Lobby‘, wie die Widerspenstigen von den Regierenden genannt werden, in teilweise unmöglichen Lokalitäten, von Kellern, Stiegenhäusern bis zu leerstehenden Geschäftslokalen“, berichtet Judith Csáki. „Ein wenig Hilfe kam durch ein EU-Theaterförderprogramm, das nicht ganz von den ‚Offiziellen‘ gekappt werden konnte“, sekundiert Bence Máttyásovszky, Verwaltungsdirektor des städtischen Katona-József-Theaters.

Viktor Bodó gelang mit „Anamnesis“ (rechts) eine bitterböse Farce über das Gesundheitswesen.
Viktor Bodó gelang mit „Anamnesis“ (rechts) eine bitterböse Farce über das Gesundheitswesen.

Welch qualitativ hochwertiges und kreatives Theater auch ohne viel Geld und dekorativen Aufwand, dafür aber mit üppiger Phantasie und großartigen Einfällen zu machen ist, beweist der Choreograf und Regisseur Csaba Horváth mit der Bühnenversion des Erfolgsromans von Ágota Kristóf Das große Heft. Es ist die Gemeinschaftsproduktion der privaten Forte Company und des Szkéné Theatre, eines an der Technischen Universität Budapest (BME) entstandenen Studententheaters, das sich zu einer der renommiertesten Bühnen für zeitgenössisches Theater entwickelt hat. Àgota Kristóf hat mit ihrem dichten Antikriegsroman auch ein starkes, aussagekräftiges Drama als Grundlage für diesen einzigartigen Theaterabend geliefert:  Zwei zu Beginn der Handlung neunjährige Jungen, Zwillinge, sind die Protagonisten. Wegen des Krieges werden sie zur verwahrlosten Großmutter gebracht, die ihre Enkel jedoch ausbeutet. Ohne Vorbild oder Anleitung entwickeln sie ihre eigenen Moralbegriffe. Um zu überleben, härten sie sich physisch und psychisch ab. Sie üben das Ertragen von Schmerzen ebenso wie das emotionslose Töten. Kristófs Sätze sind kurz, gefühlskalt und schlicht, ebenso wie die von Csaba Horváth eingesetzten szenischen Mittel: Mit rotem Kohl, gelben Kürbissen, Spaghetti und vielen Kartoffelsäcken werden Krieg und Leiden ebenso wie Brutalität und Einsamkeit eindringlich dargestellt.

„Das Kulturbudget für die nicht-nationalistischen und volkstümlichen Theatergruppen wurde fast halbiert.“ Judit Csáki

Als zynische Farce über das Gesundheitswesen in Ungarn stellt Regisseur Viktor Bodó die Koproduktion des Katona-József-Theaters und der Szputnyik Shipping Company auf die Bühne des Akademietheaters. Bodó, 1978 in Budapest geboren, arbeitet seit 2006 regelmäßig am Schauspielhaus Graz. Seine beißende Kritik an den Unzulänglichkeiten in den Spitälern, den ständigen Kürzungen und auch den politischen Eingriffen versucht er mit Musik, Tempo und viel Slapstick aufzulösen. Mit einer wunderbaren Schauspielertruppe stellt er auch Bezüge zu Österreich her. Béla Pintér, der Regisseur des dritten Gastspiels ist zurzeit der bedeutendste Dramatiker und Schauspieler der ungarischen freien Szene. Er zeigte in Wien sein jüngstes Werk mit dem Titel Szutyok (Miststück), das im Juni 2011 beim Festival Theaterformen in Hannover seine deutsche Uraufführung erlebte. Auch in diesem Stück im dörflichen Milieu überwiegen der schwarze Humor und die sarkastische Zweideutigkeit. Diese Fähigkeiten scheinen den nicht-konformistischen Künstlerinnen und Künstlern derzeit in Ungarn das Überleben zu sichern. „Die staatlichen Theater mit nationalistischem Auftrag bleiben leer, die herumziehenden Truppen ohne feste Spielstätten werden von begeisterten Besuchern überrannt“, berichtet Judit Csáki.

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