
Fritz und Jaroslava Heller zogen kurz nach dessen Fertigstellung 1931 in den Gemeindebau in der Oberen Augartenstraße 12–14. Das vom Architekten Karl Schmalhofer geplante Gebäude zählt zu den im Roten Wien erbauten Gemeindebauten. Gegenüber dem Augarten gelegen, verfügt er über wenig eigenes Grün. 188 Wohnungen finden sich an dieser Adresse, die der Hellers bestand aus Zimmer, Küche, Kabinett und einem Vorzimmer. Fritz Heller war Schauspieler, regelmäßig trat er auf der Revuebühne Femina in der Johannesgasse in der Innenstadt auf. 1929 ergatterte er eine erste kleine Filmrolle, in einem Stummfilm, der ausgerechnet einen Musiker porträtierte, Franz Lehár von Hans Otto Löwenstein. Ein Jahr zuvor hatte er die um fünf Jahre jüngere Jaroslava Breimann, geb. Kreuz, geheiratet.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich ihr Leben schlagartig. NS-Vizebürgermeister Thomas Kozich ließ in diesem Frühjahr die Verträge aller jüdischen Mieter und Mieterinnen kündigen. Die Frist, die Wohnung zu räumen, betrug nur zwei Wochen, erzählt Evelyn Steinthaler der Gruppe, die sich an diesem sonnigen Frühlingstag zu einem Spaziergang zu drei Gemeindebauten in der Leopoldstadt eingefunden hat. Kozich tat dies auf Basis des schon vor 1938 geltenden Mietrechts, wie Claudia Kuretsidis-Haider vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) erläutert. Die Historikerin leitete eine von Wiener Wohnen beauftragte Projektstudie zu den Wiener Gemeindebauten in den 1930erund 1940er-Jahren. Veröffentlicht werden deren Ergebnisse Anfang 2026 im Böhlau Verlag unter dem Titel Licht, Luft und Schatten. Wiener Gemeindebauten in Austrofaschismus und Nationalsozialismus.
Wo sollten diese Menschen dann stattdessen
unterkommen? Welche privaten Vermieter
ließen 1938 noch Juden und Jüdinnen in ihre
Wohnungen einziehen?
71.430 Wohnungen und 4.110 Geschäftslokale vermietete die städtische Wohnhäuserverwaltung 1938. Wie das DÖW in den erhalten gebliebenen Quellen eruieren konnte, lebten knapp 3.600 Juden und Jüdinnen (inklusive Kindern) in einer Wohnung der Stadt und mussten diese bereits zu Beginn der NS-Zeit räumen. Dazu bedurfte es keines neuen Gesetzes – eine Kündigung mit einer Frist von nur zwei Wochen reichte gemäß dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) aus. „Man konnte einfach auf das seit 1917 in Österreich geltende Mietrecht zurückgreifen, wonach für Bauten, die nach diesem Stichjahr erbaut wurden, kein Mieterschutz galt“, so Kuretsidis- Haider. Erstmals dokumentiert wurde das in dem 1996 im Picus Verlag erschienenen Band Kündigungsgrund Nichtarier von Herbert Exenberger, Brigitte Ungar- Klein und Johann Koß. „Allerdings ist das dennoch weithin nicht bekannt, und wir werden im Buch den Hintergründen ausführlich nachgehen“, so die Historikerin.

Als Steinthaler den Menschen, die zu dem Stadtspaziergang gekommen sind, von dieser Vorgangsweise erzählt, ist die Stimmung von Betroffenheit geprägt. Wo sollten diese Menschen dann stattdessen unterkommen? Welche privaten Vermieter ließen 1938 noch Juden und Jüdinnen in ihre Wohnungen einziehen? Und konnten sich Menschen, die zuvor im Gemeindebau lebten, eine private Miete überhaupt leisten? „Warum gab es keinen Mieterschutz im Gemeindebau?“, wird die Kulturvermittlerin, die auch als Vermittlerin an den KZ-Gedenkstätten Mauthausen und Gusen arbeitet, gefragt. „Im Roten Wien ist man davon ausgegangen, dass Mieterschutz in den Gemeindebauten nicht notwendig ist. Dass das spätestens, als sich der Austrofaschismus ankündigte, nicht geändert wurde, war ein schwerer Fehler“, antwortet sie.
Die Hellers hatten Glück im Unglück. Das Ehepaar kam in der Wohnung von Fritz’ jüngerem Bruder Hans in Floridsdorf unter. Im Zug des Novemberpogroms wurden die beiden Brüder allerdings verhaftet, im Polizeigefangenenhaus Rossauer Lände inhaftiert und schließlich in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Im März 1939 kamen sie unter der Auflage, das „Deutsche Reich“ zu verlassen, frei. Sie emigrierten im April 1939 mit ihren Ehefrauen über Triest nach Shanghai, wo Fritz Heller sowohl als Schauspieler als auch als Gelegenheitsarbeiter tätig war. Der Vater der Brüder, der schwer erkrankt war, verstarb im Dezember 1939 in Wien. Von Shanghai aus bemühten sich die Söhne, die Mutter nachzuholen. Es sollte ihnen allerdings nicht gelingen. Sie musste zunächst in eine „Sammelwohnung“ in der Herminengasse 6 in der Leopoldstadt umziehen und wurde 1942 in das KZ Theresienstadt transportiert. Von dort wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und sofort nach ihrer Ankunft ermordet.
Die Hellers und die Löws haben die NS-Zeit überlebt.
Das war nicht allen Menschen vergönnt,
die im Frühjahr 1938 aus einem Gemeindebau
vor die Tür gesetzt wurden.
Die beiden Ehepaare Heller überlebten in Shanghai und kehrten 1947 wieder nach Wien zurück. Fritz und Jaroslava zogen sogar erneut in den Gemeindebau in der Oberen Augartenstraße 12–14, und Fritz schaffte es auch beruflich, an die Vor-NS-Zeit anzuschließen. Er spielte im Kabarett Simpel in der Wollzeile, unter anderem mit Karl Farkas und Hugo Wiener, und ergatterte auch kleinere Filmrollen. „Im Film Im weißen Rössl (1960) spielte er zum Beispiel den Hotelportier.“ Der Gedanke, doch noch auszuwandern, sollte die Hellers aber bis zu ihrem Lebensende begleiten.
Es sind diese Anekdoten, die Geschichte mit Leben erfüllen. Steinthaler, die auf Basis der Forschungsergebnisse des DÖW zehn Spaziergänge durch Wiener Gemeindebauten zusammengestellt hat, hat bei der Auswahl der dabei präsentierten Gebäude darauf geachtet, dass es genau solche Geschichten zu erzählen gibt. „Zu manchen Namen gibt es kaum biografische Angaben“, erläutert sie im Gespräch mit WINA. In manchen Bezirken sei es daher auch schwierig gewesen, eine passende Route zusammenzustellen, weshalb es nun auch nicht in jedem Bezirk einen geführten Spaziergang gebe.

Die Leopoldstadt gehört aber zu jenen Gegenden, in denen Steinthaler viel erzählen kann. Etwa über die Lehrerin und Psychologin Stella Klein-Löw, die sich mit ihrem zweiten Ehemann, dem Physiker Moses Löw, ebenfalls vor der NS-Verfolgung retten konnte. Das Paar brachte sich nach England in Sicherheit und kehrte 1946 nach Wien zurück. Löw- Klein wurde 1970 Direktorin eines Wiener Realgymnasiums für Mädchen, zuvor war sie von 1959 bis 1970 für die SPÖ als Abgeordnete im Nationalrat gesessen. Sie ruht heute neben ihren beiden Ehemännern in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof.
Nach Klein-Löw ist heute ein Gemeindebau in der Taborstraße 61 benannt. Das Grundstück, auf dem der Stella-Klein- Löw-Hof Mitte der 1980er-Jahre errichtet wurde, war 1941 enteignet und 1947 restituiert worden. Später wechselte es durch Verkauf den Besitzer und ging 1976 schließlich an die Stadt Wien. Architektonisch gehört dieser Bau nicht zu den Glanzstücken der Stadt. Die Großzügigkeit der Bauten der Zwischenkriegszeit sucht man hier vergeblich. „Licht, Luft und Sonne“ lautete das Motto im Roten Wien, erzählt Steinthaler. In den 1980er-Jahren sah man das offenbar anders. Auch hier ist der Augarten allerdings nicht weit.
Die Hellers und die Löws haben die NS-Zeit überlebt. Das war nicht allen Menschen vergönnt, die im Frühjahr 1938 aus einem Gemeindebau vor die Tür gesetzt wurden. 1.090 der knapp 3.600 Betroffenen wurden von den Nationalsozialisten ermordet, so Kuretsidis-Haider. 2.508 Personen überlebten entweder die Haft in Lagern, durch Flucht ins Ausland oder im Untergrund als sogenannte U-Boote.
Die Geschichte solcher U-Boote erzählt Steinthaler an der dritten Adresse des Spaziergangs durch die Leopoldstadt: dem Heizmann-Hof in der Vorgartenstraße 140–142. Der Gemeindebau wurde 1949 nach dem Widerstandskämpfer Otto Heizmann, einem Schlosser, der einer kommunistischen Betriebszelle auf dem Nordbahnhof angehört hatte und schließlich im KZ Mauthausen ermordet wurde, benannt. Errichtet wurde er Mitte der 1920er-Jahre. Der Architekt war Hubert Gessner, ein Schüler Otto Wagners. Auf elf Stiegen befinden sich hier über 200 Wohnungen.

Das Ehepaar Rosa und Oskar Lang hatte vor ihrem Umzug in diesen Gemeindebau mit ihren vier Kindern in einer Hausbesorgerwohnung in der Kleinen Stadtgutgasse 5 gewohnt. Doch in dieser wurde es zu eng. Im Heizmann-Hof standen ihnen dann 46 Quadratmeter zur Verfügung – Zimmer, Küche, Kabinett. Wie klein muss da die Hausbesorgerunterkunft gewesen sein?
Zum Zeitpunkt der Kündigung – Grund: „Nichtarier“ – lebten noch die Mutter Rosa sowie die Tochter Anna sowie der jüngste Sohn Eduard an der Adresse. Oskar war bereits verstorben, die beiden älteren Söhne ausgezogen. Rosa Lang gehörte zu den wenigen Mietern und Mieterinnen, zu denen es einen Beleg gibt, dass sie Einspruch gegen die Kündigung einlegten, erzählt Steinthaler. Nützen sollte es ihr allerdings nichts. Sie wie auch Tochter Anna und Sohn Eduard gingen schließlich in den Untergrund und überlebten als U-Boote. Zeitweise waren sie auch bei den späteren Partnern der Kinder untergebracht. Eduard wurde 1944 sogar Vater – die Mutter Margarete Prchal gab allerdings einen anderen Mann an, um ihren späteren Ehemann nicht zu gefährden. Alle drei überlebten. Rosa Lang starb jedoch 1953, ohne jemals eine Entschädigung für ihre Verluste erhalten zu haben. Es sind genau diese traurigen Fakten, auf die die Menschen, die zu solch einer Führung kommen, um etwas über die Geschichte Wiens zu erfahren, erschüttert reagieren, sagt Steinthaler. Warum ist man auch noch in der Nachkriegszeit so mit Opfern des Nationalsozialismus umgegangen? Fragen werden auch an diesem Tag viele gestellt. Provokante sind keine dabei – und das sind sie insgesamt selten, so die Vermittlerin. „Natürlich gibt es auch ab und zu Provokateure.“ Im Vordergrund stehe aber das ehrliche Interesse.
Bis in den November hinein bietet Wiener Wohnen diese Spaziergänge mit Evelyn Steinthaler an. Die genauen Daten können unter nievergessen.wienerwohnen.at abgerufen werden. Dort können auch vom DÖW zu 50 Personen erarbeitete Biografien nachgelesen werden. Ab Herbst wird es auch Schulworkshops zum Thema geben. Auch diese stützen sich auf Lebensgeschichten: Eine erzählt von einem Jugendlichen, der überleben konnte, eine andere von drei Geschwistern, die der NS-Vernichtung nicht entkamen. Dabei soll bewusst immer auch der Bogen in die Gegenwart gespannt werden: Die Schüler und Schülerinnen sollen den Jugendlichen von damals etwas im heutigen Wien zeigen, damit biografische Verknüpfungen entstehen, so Steinthaler. Zudem stehen Nachfahren der verfolgten jungen Menschen von damals für Begegnungen zur Verfügung.
Am 25. September wird es im Rabenhof Theater, das selbst in einem Gemeindebau untergebracht ist, einen Themenabend geben, für den Künstler und Künstlerinnen die Ergebnisse der Studie des DÖW szenisch aufbereiten.

























