„Aus dem Schatten ins Licht“

heißt die umfassende Ausstellung, die verfemte Komponistinnen und Musikschöpfer mit ihrem verdrängten und vergessenen Erbe wieder ins Bewusstsein rückt. Exilarte, diese wichtige kulturpolitische Initiative, ist einer Diplomatin und einem Musikwissenschaftler zu verdanken.

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Gerold Gruber. Der Musikwissenschaftler ist Gründer sowie wissenschaftlicher Leiter und administrativer Direktor des Exilarte-Zentrums der mdw. © Julia Wesely/Exilare; Christopher Gunson

WINA: Herr Professor Gerold Gruber, Sie haben als Schönberg-Experte vor zwanzig Jahren den Verein Exilarte mit dem Ziel gegründet, jene Komponistinnen und Komponisten wieder sichtbar zu machen, deren Werke durch Vertreibung, Exil und Ermordung aus dem kulturellen Gedächtnis Österreichs und ganz Europas verdrängt worden waren. Bei der 20-Jahr-Feier an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst haben Sie sich jedoch zuallererst bei einer österreichischen Diplomatin bedankt, warum eigentlich? 

Gerold Gruber: Es war mir ganz wichtig, mich an eine Persönlichkeit zu wenden, ohne deren Engagement es die Gründung des Vereins Exilarte im Jahr 2006 in dieser Form nicht gegeben hätte: Gesandte Waltraud Dennhardt-Herzog.* Erst durch ihre Initiative konnte das Projekt entstehen, weil sie früh erkannt hat, dass die Wiederentdeckung verfemter Musik nicht nur eine musikwissenschaftliche Aufgabe ist, sondern auch eine kulturpolitische und historische Verantwortung Österreichs. Durch ihre Unterstützung konnten die ersten Schritte gesetzt werden, um ein Netzwerk von Forscherinnen und Forschern, Interpretinnen und Interpreten, Archiven, Familienangehörigen von Musikschaffenden sowie Partnerinstitutionen aufzubauen.

Ihnen war es ein zentrales Anliegen, Exilarte nicht als nationales Projekt zu verstehen, sondern als Teil eines internationalen Netzwerks.

I Ja, natürlich, denn die Künstler und Musikerinnen, die überlebt hatten, waren in aller Welt verstreut, und jene, die ermordet wurden, hatten zum Teil noch Verwandte, Nachfahren im Ausland, die zum Glück ihre Nachlässe verwahrten. Besonders wichtig war und ist die Unterstützung des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten, denn die österreichischen Kulturforen haben nicht nur den Transport von mehreren bedeutenden musikalischen Schätzen, darunter Noten, Dokumente und Tagebücher, nach Wien ermöglicht, sondern weltweit wesentlich dazu beigetragen, die Arbeit von Exilarte international sichtbar zu machen und jene transnationalen Kontexte wieder zu verbinden, in denen viele dieser Komponistinnen und Komponisten einst wirkten.

Dem Einsatz der Diplomatin Waltraud Dennhardt-Herzog, die sowohl in New York als auch in London tätig war, ist es zu danken, dass Kompositionen zahlreicher vertriebener jüdischer Musikerinnen und Musiker heute wieder erklingen können. © Julia Wesely/Exilare; Christopher Gunson

* Die Salzburgerin Dr. Waltraud Dennhardt-Herzog war ab 2020 als Gesandte Direktorin des österreichischen Kulturforums London und davor als Stv. Generalkonsulin am österreichischen Generalkonsulat in New York in der Zusammenarbeit mit jüdischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Institutionen sehr engagiert. Im Außenamt leitete sie zwischen 2002 und 2008 das Musikreferat der Plattform Kultur-Mitteleuropa (PCCE); sie betreute etwa 1.000 Musikprojekte weltweit pro Jahr, die das BMeiA mit den 102 Vertretungen und 30 Kulturforen durchführt. Weiters betreute sie die Konzertreihe Face the Music – Musik. Verfolgung. Freiheit: Verfolgte Musikschaffende – verdrängte Musik in den totalitären Regimen im Europa des 20. Jahrhunderts.

 

Damit wurde überhaupt erst die Grundlage dafür geschaffen, dass diese Quellen heute gesichert, wissenschaftlich erschlossen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können?

I Der Verein Exilarte hat bewusst ein Zeichen gesetzt, nämlich gegen das Vergessen, gegen die Auslöschung musikalischer Stimmen und für die Wiedergewinnung eines verlorenen kulturellen Erbes. Das Band zwischen Forschung, Aufführungspraxis und Vermittlung legte so die Grundlage für jene Arbeit, die heute im Exilarte-Zentrum der mdw institutionell verankert ist. Diese Gründung vor zehn Jahren gelang durch die Unterstützung der Rektorin Ulrike Sych von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie erkannte die große wissenschaftliche, künstlerische und kulturpolitische Bedeutung der Arbeit von Exilarte als eine dauerhafte strukturelle Verankerung innerhalb einer internationalen Musikuniversität und darüber hinaus. Derzeit arbeiten wir auch mit dem Verein Verfemte Musik in Rostock sowie mit dem Pariser Verein Voix étouffées zusammen.

Anlässlich des Jubiläumsjahres fand jüngst in Kooperation mit dem Center for Jewish History, dem YIVO Institute for Jewish Research und dem Leo Baeck Institute sowie dem Austrian Cultural Forum New York ein Konzert mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker und dem Pianisten David Hausknecht mit Werken von Gustav Mahler, Erwin Schulhoff und Walter Bricht statt. Gibt es auch in Wien ein Konzert zum Jubiläum?

I Ja, am 23. September 2026 spielen die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Katharina Wincor Werke der Exilarte-Notenedition von Wilhelm Grosz und Hans Winterberg. Ein gutes Beispiel ist Wilhelm Grosz (Wien 1894 –New York 1939), dessen Nachlass sich seit 2018 am Exilarte-Zentrum der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien befindet. Er wirkte in den Konzertsälen Wiens, im pulsierenden Berlin der 1920er-Jahre und im Exil in London und New York. Er bewegte sich zwischen der Moderne der Neuen Sachlichkeit, frühen Jazz-Einflüssen und populärer Musik.

 

„Die hier präsentierten Objekte erinnern uns daran,
dass kulturelles Gedächtnis kein statischer Bestand ist,
sondern ein Prozess, der immer wieder neu
gestaltet werden muss.“

 

Für die englische Publikation von Katharina Gross im Böhlau Verlag Wilhelm Grosz – An Unsung Protagonist of Viennese Modernism über das Werk und Leben des jüdischen Komponisten zeichne ich als Herausgeber verantwortlich. Anhand seiner Briefe an die Universal Edition und der Tagebucheinträge Arthur Schnitzlers konnte ein lebendiges Bild von Grosz’ künstlerischen Netzwerken gezeichnet werden.

WINA hat schon einzelne jüdische Komponisten wie Julius Bürger oder Erich Zeisel, die zu den 40 bisherigen Nachlässen des Archivs zählen, porträtiert. Wer liegt Ihnen noch am Herzen?

I Hans Gál etwa, seine Opern standen in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren selbstverständlich neben Werken von Alexander Zemlinsky oder Franz Schreker auf den Spielplänen. Oder Hans Winterberg (Prag 1901–Bayern 1991). Er studierte bei Zemlinsky, war in Theresienstadt inhaftiert und ließ sich später in Bayern nieder. Erst durch editorische Arbeit, Aufführungen und Aufnahmen wird heute sichtbar, welche Qualität und Eigenständigkeit sein Werk besitzt.

Die Jubiläumsausstellung, die bei freiem Eintritt bis 20. Dezember 2026 in der Lothringerstraße 18 zu besichtigen ist, hat diesmal einen interessanten Blickpunkt gewählt: Sie richtet das Augenmerk nicht primär auf einzelne Komponistinnen und Komponisten.

I Für die Jubiläumsausstellung wollten wir bewusst einen neuen Zugang wählen. In den vergangenen Jahren wurden wir immer wieder gefragt, welche Materialien sich eigentlich in den Nachlässen befinden, die im Exilarte-Zentrum betreut werden. So entstand die Idee, die Vielfalt der Materialien sichtbar zu machen: von Fotografien bis zu Urkunden, von Musikmanuskripten bis zu Zeichnungen, von Briefen bis zu persönlichen Dokumenten, die jeweils eigene Geschichten erzählen.

JUBILÄUMSAUSSTELLUNG „Aus dem Schatten ins Licht –
Verfemte Komponist:innen und ihr Erbe“
bis Dezember 2026
Die Schau bietet einen umfassenden und lebendigen Einblick
in die im Zentrum verwahrten Nachlässe.

 

Welche Rückschlüsse erlauben diese Objekte auf die Zeit, in der sie entstanden sind, auf die Menschen wie auch auf die musikalischen Werke?

I Die hier präsentierten Objekte erinnern uns daran, dass kulturelles Gedächtnis kein statischer Bestand ist, sondern ein Prozess, der immer wieder neu gestaltet werden muss. Wenn es uns mit dieser Jubiläumsausstellung gelingt, einen neuen Blick auf die Bedeutung dieser Materialien zu eröffnen – nicht nur als historische Quellen, sondern als lebendige Zeugnisse künstlerischer Existenz unter extremen Bedingungen –, dann erfüllt sie genau jenen Zweck, der die Arbeit von Exilarte seit nunmehr zwanzig Jahren leitet.

 

 

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