Aus Wien in die Welt

Vor 100 Jahren wurde der SC Hakoah österreichischer Fußballmeister. Die Geschichte der 1909 gegründeten Hakoah erzählt nicht nur von sportlichen Erfolgen, sie spiegelt auch die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts wider.

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Ignaz Feldmann überlebte mehrere Konzentrationslager und wurde 1945 im Buchenwalder Außenlager Ohrdruf befreit. Dort führte er den späteren USPräsidenten General Dwight D. Eisenhower durch das Lagergelände. ©United States Holocaust Memorial Museum, 77190; The Joseph Yekutieli Maccabi Archive, 9156; Wikimedia, gemeinfrei

In diesem Jahr jährt sich ein besonderes Ereignis sowohl der jüdischen als auch der Sportgeschichte Wiens. Der SC Hakoah wurde im Sommer 1925 erster österreichischer Meister im Profifußball. Nur 16 Jahre nach der Gründung des jüdischen Vereins hielt Sektionsleiter Artur Baar die Meistertrophäe in den Händen. Die Gründung der Hakoah im Jahr 1909 war eine Reaktion auf den zu Beginn des Jahrhunderts zunehmenden Antisemitismus. Die Gründer des Vereins versuchten, einem gestärkten jüdischen Selbstverständnis auch im Sport Ausdruck zu verleihen. Manche Verbände – etwa der steirische Fußballverband – versuchten dann bereits Anfang der 1920er-Jahre, mittels sogenannter „Arierparagraphen“ alle jüdischen Mitglieder auszuschließen. In diesem Klima fanden neben den Fußballern viele jüdische Athletinnen und Athleten anderer Sportarten eine Heimat bei der Hakoah.

Sportlicher Erfolg der Fußballsektion. Herzstück der frühen Jahre war jedoch die Fußballsektion, die nach dem Ersten Weltkrieg mit Spielern aus Budapest verstärkt wurde. Eine prägende Figur des Teams war die spätere Trainerlegende Béla Guttmann, der 1922 nach Wien wechselte. Gepaart mit einem neuen Spielstil formte sich eine der besten Fußballmannschaften ihrer Zeit. Die ersten großen Erfolge stellten sich schon bald ein. Als erstes kontinentaleuropäisches Team überhaupt besiegte die Hakoah-Elf 1923 ein englisches Team auf der britischen Insel. Zur Wahrheit hinter diesem Erfolg gehört jedoch auch, dass die Londoner Mannschaft von West Ham United beim 0:5 in stark ersatzgeschwächter Aufstellung antrat. Der sensationellen Wirkung der Erfolgsnachricht tat das allerdings keinen Abbruch – Hakoah war in aller Munde.

Anders als in anderen Ländern zu dieser Zeit wurde in Österreich Profifußball gespielt und die Spieler offiziell bezahlt. Da es keine mit heute vergleichbaren Marketingstrukturen gab, finanzierte sich der Verein zu einem großen Teil durch Einnahmen aus internationalen Spielen. Die Mannschaft ging regelmäßig auf Tournee und spielte dabei auf drei Kontinenten. Diese internationalen Begegnungen waren oft mehr als nur sportliche Wettkämpfe. Zum Jahreswechsel 1924/1925 begab sich nicht nur die Mannschaft, sondern auch rund 100 Anhänger auf eine Reise, bei der weniger der sportliche Aspekt als vielmehr die Verbindung zu Erez Israel im Vordergrund stand. Für viele jüdische Mitreisende war es der erste Besuch im Heiligen Land – eine zutiefst emotionale Erfahrung.

DIE Meister-Elf: Nur 16 Jahre nach seiner Gründung wurde der SC Hakoah 1925 erster österreichischer Meister im Profifußball. ©United States Holocaust Memorial Museum, 77190; The Joseph Yekutieli Maccabi Archive, 9156; Wikimedia, gemeinfrei

Zusätzliche internationale Bekanntheit erreichte der Club schließlich mit dem Gewinn der Meisterschaft 1925 – in sprichwörtlich letzter Sekunde. Beim 3:2- Sieg gegen die Wiener Amateure (heute Austria Wien) erzielte der Torwart Alexander Fabian, der wegen seiner Verletzung im Sturm aushalf, den entscheidenden Treffer.

Die Hakoah war nun international gefragter denn je. Eine ausgedehnte Sommerreise führte die Mannschaft nach Mittel- und Osteuropa, wo sie von Jüdinnen und Juden in Riga, Kaunas und Warschau begeistert empfangen wurde.

Hakoahs Erfolge und die öffentliche Präsenz wurden in der Mitte der 1920er-Jahre zum Vorbild des jüdischen Selbstbewusst- seins auf der ganzen Welt. Zahlreiche neue Hakoah-Clubs entstanden – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, Lateinamerika und Australien.

1926 ging es für die Hakoah auf große Reise in die USA. Dort spielte die Mannschaft vor einer Rekordkulisse von 40.000 Zusehenden im Polo Ground in New York. Durch die Reise nach Nordamerika verlor der SC Hakoah in der Folgezeit allerdings auch einen Großteil der Spieler an die USamerikanische Profiliga, die damals einen heute weitgehend vergessenen Boom erlebte. Durch eigene finanzielle Probleme war es den Hakoah-Offiziellen nicht möglich, mit den amerikanischen Angeboten an die Spieler mitzuhalten, und man ließ sie ziehen – auch um den eigenen Etat zu entlasten. Die professionelle Fußballabteilung wurde 1928 ausgegliedert und war nun als Fußballklub Hakoah ein eigener Verein. Sportlich konnte er jedoch nicht mehr an die vorangegangenen Erfolge anknüpfen. Die nach der Meisterschaft in alle Welt verstreuten Spieler bildeten ein großes Netzwerk, das stets in Kontakt blieb. Dieses Netzwerk erhielt eine enorme Bedeutung, als nur wenige Jahre später viele Hakoah-Mitglieder mit dem Weg ins Exil ihr Leben retten wollten.

Nationalsozialistische Verfolgung. Wie für Millionen von Jüdinnen und Juden in Europa war die nationalsozialistische Verfolgung ein irreversibler Einschnitt auch im Leben der österreichischen Juden. Mit dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs wurde die Hakoah aus den Tabellen gestrichen und der Verein aufgelöst. Aus den internationalen Hakoah-Kontakten wurde nun ein wahres Rettungsnetzwerk, das versuchte, die Vereinsmitglieder – nicht nur aus der Fußballsektion – zu retten. So flohen viele Sportlerinnen und Sportler der Hakoah nach England, Frankreich, Lateinamerika, die USA und ins Mandatsgebiet Palästina. Dorthin gelangte auch Artur Baar und mit ihm rund 150 Trophäen und Pokale, die sich heute im Maccabi-Museum in Ramat Gan befinden.

Nicht alle konnten sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung retten. Mindestens 37 Mitglieder des Clubs wurden in der Shoah ermordet. Den Gründungspräsidenten und bekannten Künstler Fritz Löhner-Beda deportierten die Nazis erst nach Dachau und dann nach Auschwitz, wo er im Dezember 1942 im Lager Monowitz ermordet wurde. Von der Meistermannschaft des Jahres 1925 überlebten alle Spieler bis auf Max Scheuer die Shoah. Kurz bevor er 1942 vom französischen Exil aus über die Schweizer Grenze flüchten wollte, wurde er verhaftet und später ebenfalls in Auschwitz ermordet.

Andere Spieler wurden zwar verhaftet, konnten aber Ghettos und Lager überleben. Bemerkenswert endete die Verfolgung von Ignaz Feldmann. Er wurde in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert und erlebte die Befreiung im Buchenwalder Außenlager Ohrdruf. Dort führte er den späteren US-Präsidenten General Dwight D. Eisenhower durch das Lagergelände.

In der Geschichte des
SC Hakoah spiegelt sich die
jüdische Geschichte im 20.
Jahrhundert wider: Erfolg,
Verfolgung und Kontinuität …

Nach 1945. Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die Hakoah neu. Die Auflösung im Jahr 1938 wurde 1946 rückgängig gemacht. Eine Fußballabteilung konnte jedoch nur kurzzeitig wieder aufgebaut werden. Viele Jüdinnen und Juden verließen Ende der 1940er-Jahre Europa, denn der Antisemitismus war eben nicht mit dem Ende des NS-Regimes verschwunden. Antisemitische Anfeindungen gehörten weiterhin zum Alltag, auch auf den Fußballplätzen. Béla Guttmann, Mitglied der Meister- Elf von 1925, war den Deportationen aus seiner Heimatstadt Budapest im Versteck entgangen. Er begann eine beeindruckende Trainerkarriere, die ihn schließlich auch zurück nach Österreich führte – als Trainer der Nationalmannschaft. 1964 trat er als ÖFB-Teamchef zurück – aufgrund antisemitischer Anfeindungen. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er zu den gefragtesten Trainern weltweit und hatte mit Benfica Lissabon zweimal den Europacup der Landesmeister gewonnen.

Wichtiges Jubiläum. In der Geschichte des SC Hakoah spiegelt sich die jüdische Geschichte im 20. Jahrhundert wider. Sie erzählt von Selbstbehauptung, sportlichem Erfolg und internationaler Vernetzung, aber ebenso von wachsendem Antisemitismus, Entrechtung, Flucht und Verfolgung. Zugleich zeugen Wiedergründung und Erinnerung von den bleibenden Versuchen, Kontinuität und Zusammengehörigkeit trotz aller Brüche zu bewahren. Ein Jubiläum wie das diesjährige ist deshalb ein wichtiger Moment, um über die Kraft des Sports im Guten und Schlechten – zur Inklusion und zum Ausschluss – nachzudenken.

 


Der Historiker ANDREAS KAHRS ist Gründer von whatmatters. Gemeinsam mit JULIAN RIECKE und einem erfahrenen Team unterstützen sie Unternehmen und Organisationen dabei, Einstellungen zu Themen wie Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zu entwickeln und diese in ihrer Struktur zu integrieren. whatmatters.de

 

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