AUSGEBREMST

"Das Energiebündel“: So lautete der Titel eines WINA-Porträts der Marketingexpertin Viviane Shklarek, das 2015 erschien. Ihr Leben bewegte sich damals zwischen 60-Stunden-Woche als Marketing-Chefin in einer Agentur, viel Sport, gesundem Essen und Partymachen. 2022 sieht alles anders aus: Nach einer Covid-19- Infektion im Herbst 2020 erkrankte die inzwischen 40-Jährige an Long Covid. Schritt für Schritt bemüht sie sich nun, gesund zu werden – und möchte mit ihrem positiven Elan dabei auch andere motivieren, es ihr gleich zu tun: Auf Social Media dokumentiert sie ihren Heilungsprozess mit Hashtags wie #liveeverymoment, #longcovidrecovery und #projectrecovery.

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©Daniel Shaked

Mit Covid-19 infiziert hat sich Viviane Shklarek „im Fitnesscenter – also einer meiner Leidenschaften“. Es war ein Zirkeltraining, die Teilnehmer trainierten ohne Maske. „Ein paar Tage später habe ich ein E-Mail bekommen, dass einer der Trainer positiv getestet wurde.“ Am nächsten Tag in der Früh spürte sie bereits selbst Symptome: „Ich hatte 39 Grad Fieber und fühlte mich schlapp.“ Fieber und dieses Schwächegefühl sollten sie noch rund eine Woche begleiten. Husten habe sie keinen gehabt. Dann schien das Virus überstanden. Sie begann wieder zu arbeiten, ließ sich sogar von einer Internistin durchuntersuchen, um beruhigt wieder mit Sport beginnen zu können. „Sie hat mich durchgetestet, EKG gemacht, sich die Lungenfunktion angesehen und gesagt, es ist alles okay.“

Etwa sechs Wochen später merkte sie, dass ihr Körper das etwas anders sah. Immer wieder hatte sie Temperatur, und es traten verschiedenste „Wehwehchen“ auf, wie Shklarek sagt: Blaseninfekte, Bauchschmerzen, Schleim im Hals, ein Heißgefühl, dann wieder Gänsehaut und Schüttelfrost. „Long Covid war damals noch kein Begriff. Ich bin von einem Arzt zum anderen gelaufen, aber jeder sagte, ich bin gesund.“

Sie arbeitete weiter, nahm, wenn es gar nicht anders ging, dazwischen einen Krankenstandstag. Ende 2020 dachte sie sich, vielleicht sei ihr auch nur einfach alles zu viel und ein Urlaub könnte helfen. Sie buchte einen Flug mach Dubai, doch am Tag des Abflugs bekam sie wieder Temperatur. Eine Woche später flog sie doch, genoss den Urlaub, machte sogar etwas Sport. „Aber es war ein bisschen so, wie wenn man das Leben durch einen Schleier sieht. Es geht schon, aber der Körper macht komische Sachen.“

Nach ihrer Rückkehr nach Wien arbeitete sie noch ein paar Wochen, doch irgendwann merkte sie, dass sie zwar im Home-Office vor ihrem Computer saß, aber nicht denken konnte. Und dann an einem Montag war es so weit: Sie ließ sich krankschreiben. Es ging nicht mehr. Eine Freundin lud sie ein, eine Woche zu ihr zu ziehen. Sie war es auch, die sie auf die Möglichkeit von Long Covid aufmerksam machte. Durch Glück ergatterte sie rasch einen Termin beim Neurologen Michael Stingl, der bereits seit Jahren Patienten mit dem Chronic-Fatigue-Syndrom behandelt und einer der Ersten war, der sich mit der neuen Erkrankung auseinandersetzte. Stingl bestätigte den Verdacht. Und dann war sie also auf dem Tisch, die Diagnose: Long Covid.

©Daniel Shaked

„Die Diagnose hat mich so getroffen. Es hat mich so mitgenommen, dass es mir danach schlechter ging. So eine Diagnose ist wie ein Stempel, ich hatte das Gefühl, jetzt gibt es keine Heilung.“ Sie sei dann nur mehr zu Hause gewesen, habe sich mit Dingen wie Meditation beschäftigt. „Und wer mich vorher kannte, weiß: Eine Minute ohne Fernseher oder irgendeine Beschäftigung ist nicht meines. Ich musste mir das erst angewöhnen.“ Bis April 2021 ging es bergab, bis Juni wieder bergauf. Sie bekam die erste und zweite Covid-Impfung, hochdosierte Vitamine und Mineralstoffe und übte sich in dem von Stingl empfohlenen Pacing, was bedeutet, sich in langsamem Tempo an das heranzutasten, was der Körper zu leisten vermag.

Das wichtigste Werkzeug dazu ist die Pulsuhr, die Shklarek bis heute Tag und Nacht trägt. Mehr als 110 sollte sie zunächst nicht anzeigen. Doch dieser Wert war schnell erreicht – manchmal sogar schon im Stehen. Das ist dann ein Zeichen, eine Pause zu machen – und jede Tätigkeit noch langsamer auszuführen. Das ließ sich zunächst ganz gut an, im Juni 2021 war es ihr dann schon möglich, mit dem Auto von ihrer Wohnung in Wien-Döbling in die Innenstadt zu fahren und gemeinsam mit einer Freundin in einem Lokal mittagzuessen. Doch dann hörte sie von einer Erfolg versprechenden Therapie – einer Apherese, also einer Blutreinigung, die bei Long Covid helfen sollte. Gemeinsam mit ihrem Vater fuhr sie dafür zwei Wochen nach Bayern. „Das war jedoch leider zu viel für mich.“

Bei Long Covid sei es auch so, dass von einem Tag auf den anderen jederzeit ein Crash kommen könne. Dann gehe gar nichts mehr. „Das ist ein Zustand, in dem du nicht mehr nachdenken kannst, dich nicht mehr bewegen kannst, in dem du nur mehr denkst, ich will sterben.“ Die Reise, die Behandlung, das alles habe sie zu sehr mitgenommen. „Von September bis Dezember war ich bettlägerig. Das war der Tiefpunkt“, erinnert sie sich heute. Sie habe sich nicht einmal mehr selbst etwas zu essen zubereiten können. Wenn sie Medikamente brauchte oder Hilfe beim Wäsche waschen, schrieb sie in ihre WhatsApp-Gruppe „Vivi’s Angels“, und ihr Vater und seine Partnerin oder Freundinnen kamen und halfen ihr. Dafür sei sie sowohl ihrer Familie wie auch ihren Freundinnen sehr dankbar, betont sie.

An manchen Tagen habe sie in der Früh sogar überlegt, ob sie genügend Energie habe, das Gesicht einzucremen oder auf dem WC das Licht einzuschalten. „Das waren die schlimmsten Tage. Und man kann ja auch nicht die ganze Zeit schlafen. Also vegetiert man so vor sich hin. Man vegetiert und hofft.“ In dieser Zeit habe sie irgendwann auch nur mehr 40 Kilo gewogen. Zuvor sei sie sportlich gewesen, habe Muskeln gehabt. Doch durch das Liegen habe sie massiv Muskeln abgebaut.

Aber es war ein bisschen so, wie wenn man das Leben durch
einen Schleier sieht. Es geht schon, aber der Körper macht komische Sachen.
Viviane Shklarek

Die Hoffnung hat Viviane Shklarek aber nie aufgegeben. Mit Erfolg. Diesen Juni kann sie nun wieder anfangen, Teilzeit zu arbeiten. Ein langsames Tempo ist auch hier das Mittel der Wahl. Doch was ist zwischen der Bettlägerigkeit am Jahresende bis heute passiert? „Ich habe viele Dinge ausprobiert“, erzählt die Long-Covid-Patientin. Geholfen hätten ihr vor allem drei Dinge. Erstens „loszulassen und nicht krampfhaft zu versuchen, gesund zu werden. Einfach sein lassen und Vertrauen haben.“ Erlernt habe sie das mittels der Grinberg-Therapie, einem Konzept des Israeli Avi Grinberg, das auf Körperarbeit basiert. „Es geht darum zu erkennen, wo im Körper es Anspannung gibt und diese zu lösen. Der Körper ist dazu gemacht, sich selbst zu heilen. Das macht man durch Körperachtsamkeitsübungen.“

Zwei weitere Elemente haben Shklarek zudem vorangebracht: Physiotherapie und die Einnahme eines Antidepressivums, das auch stark entzündungshemmend ist. Das Medikament hilft einerseits, die Angst vor einem nächsten Crash in Zaum zu halten. Und da Long Covid eine Entzündung des Nervensystems sei, helfe die Medikation auch, diese Entzündung in den Griff zu bekommen. Das Antidepressivum habe zwar Nebenwirkungen wie abenteuerliche Träume, starkes Schwitzen in der Nacht und hohe Koffeinsensibilität, „aber das nehme ich in Kauf“. Inzwischen gehe es ihr von Woche zu Woche besser. Und nach mehr als einem Jahr im Krankenstand begann sie im Juni vorerst einmal zwölf Stunden in der Woche zu arbeiten.

Dankbar ist Shklarek dabei auch ihrem derzeitigen Arbeitgeber Philip Morris. Niemals stand eine Kündigung im Raum, immer wurde ihr signalisiert, sie solle sich alle Zeit, die sie brauche, nehmen, um gesund zu werden. Nach dem Krankenstand beantragte sie Krankengeld, das wurde von der Krankenkasse für ein Jahr gewährt und betrug etwa die Hälfte ihres zuvor bezogenen Einkommens. „So bin ich gut über die Runden gekommen. Die Fixkosten waren gedeckt, und die Therapien habe ich mit meinen Ersparnissen bezahlt.“

Neues Leben. „In so einem Jahr denkt man viel nach. Und rückwirkend bin ich eben auch froh, was mir die Krankheit gegeben hat.“ ©Daniel Shaked

Danach kann man – wenn Aussicht auf Heilung besteht – für ein weiteres halbes Jahr Krankengeld beantragen. Das lehnte die Kasse zunächst ab. Doch mit Hilfe der Arbeiterkammer erhob Shklarek Einspruch – und bekam Recht. Dank des Programms Fit2Work zur Wiedereingliederung von Menschen in den Arbeitsmarkt, die eine lange Krankheit durchlitten haben, soll nun die Rückkehr an den Arbeitsplatz eben langsam erfolgen. Zwölf Stunden pro Woche sind es anfangs, langsam will Shklarek das steigern, dabei aber immer auf ihren Körper hören. Bei diesem Modell zahlt der Arbeitgeber für die Teilzeitarbeit, die Kasse schießt dann noch etwas zu.

Die Gewissheit, „selbst wenn jeder Moment Scheiße ist,
wird es wieder einen Moment geben, der es wert macht, das Leben zu leben“.
Viviane Shklarek

Dass sie stets finanziell abgesichert war, weiß Shklarek zu schätzen. Aus einer Online-Selbsthilfegruppe weiß sie, dass andere mit Existenzsorgen zu kämpfen haben. Stichwort Selbsthilfegruppe: Die Long-Covid-Austria-Gruppe leiste großartige Arbeit, was das Bekanntmachen der Krankheit und den Austausch mit dem Gesundheitsministerium und Ärzten und Ärztinnen betreffe. Rasch erkannte sie allerdings auch, dass ihr dieser ständige Austausch nicht gut tat, sondern sie eher herunterzog. Insgesamt legte sie nach der Diagnose Long Covid zunächst eine Social-Media-Pause ein. Doch seit es wieder bergauf geht, möchte sie eben auch anderen Mut machen. Und dabei auch teilen, was sie die Krankheit gelehrt hat: die Gewissheit, „selbst wenn jeder Moment Scheiße ist, wird es wieder einen Moment geben, der es wert macht, das Leben zu leben“.

Viel habe sie zudem durch die Krankheit gelernt, sagt Shklarek. Seit ihre Mutter an Brustkrebs starb, engagiert sie sich in der Charity Think Pink! für die Brustkrebshilfe. „Lebe jeden Moment“, sei schon seit damals ihr Motto. Doch heute weiß sie: „Offenbar habe ich das falsch interpretiert. Jeder Moment war für mich, jeden Moment mit etwas gefüllt haben. Nun weiß ich, jeder Moment muss nicht gefüllt sein, sondern ein Moment mit mir ist auch genug.“ Ja, das sei schon fast philosophisch. „Aber in so einem Jahr denkt man viel nach. Und rückwirkend bin ich eben auch froh, was mir die Krankheit gegeben hat.“

Arbeit sei ihr Leben, habe sie früher gedacht. Heute wisse sie: Arbeit werde weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihres Leben, aber eben nicht mehr ihr Leben sein. „Langsam“ sei allerdings nicht ihres, sobald dies möglich sei, werde sie wieder „ein schnelleres Leben führen“. Erkannt habe sie zudem, dass es ihr bei der Arbeit vor allem um die Zusammenarbeit mit anderen Menschen gehe, und das fehlte ihr zunehmend in den vergangenen Monaten.

Was sie in Zukunft aber anders machen werde: „Mehr priorisieren, Dinge entspannter angehen, mich nicht mehr selbst stressen.“ Zeit für Freunde und Familie werde nun immer sein. Sport werde ebenfalls wichtig sein, aber nicht um jeden Preis. Wenn ihr Körper ihr in der Früh sage, dass er Ruhe brauche, dann werde der Tag eben nicht mit Laufen, auf dem Heimtrainer oder mit Pilates beginnen. „Ich habe nun einfach insgesamt mehr Awareness.“

Nicht wichtig sei nun auch zu wissen, wann sie wieder ganz gesund werde. „Theoretisch kann es auch sein, dass ich nie ganz gesund werde. Aber daran denke ich gar nicht. Ich habe in den letzten Monaten so viel geschafft, dass ich weiß, dass ich irgendwann wieder ganz gesund werde – ohne Druck, ohne Zeitlimit.“

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