„Esther wie die Königin, Königin Esther“

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John Irving schickt seinen jüngsten Prota-gonisten in das Wien der Sechzigerjahre. © APA-Images / PA / Aaron Vincent Elkaim

Als die Kleine in einer kalten Nacht von zwei unsichtbaren Frauen in einem Waisenhaus abgegeben wird, weiß sie drei Dinge ganz sicher. Wie alt sie ist, noch keine vier, dass sie Jüdin ist, „meine Mutter wollte, dass ich das weiß“, und wie sie heißt. „Esther wie die Königin, Königin Esther.“ Und deren Geschichte, die Geschichte der biblischen Esther, kann sie in wenigen wohl gefügten Sätzen auswendig vor sich hersagen.

Rätselhaft bleibt über viele Jahre ihres Heranwachsens im Waisenhaus von St. Cloud’s ihre Herkunft, bis der Rabbiner einer Synagoge in Maine anhand von Dokumenten wenigstens etwas Licht ins Dunkel bringt. Esther Nacht, 1905 in Wien geboren, kam mit ihrer Mutter nach Amerika, der Vater starb bei der Überfahrt, die Mutter wurde 1908 offenbar erschlagen. 


Es ist zu spät für dich, Jude zu sein, Jimmy. Du bist nicht in Angst aufgewachsen.

Rätselhaft bleibt die Titelheldin von John Irvings neuem Roman bis zu dessen Ende. 

Wie eine verborgene Marionettenspielerin zieht sie von Ferne die Fäden, in Amerika, Wien, Amsterdam und Jerusalem, den Schauplätzen der sich über Jahrzehnte entfaltenden Handlung. 

Autobiografisches. Ein jüdischer Mitbewohner soll Irving in dessen Auslandsjahr als Student in Wien dem Judentum näher gebracht und ihn gleichzeitig auf den Antisemitismus der Stadt aufmerksam gemacht haben, erzählte der Autor in etlichen Interviews. Und als er sich 1981 für längere Zeit in Israel aufhielt, um mit seiner aus Wien stammenden Übersetzerin zu arbeiten, haben ihn auch die Geschichte des Zionismus, die Gründung des Staates und dessen andauernde Konflikte beschäftigt. All diese persönlichen Erfahrungen fließen neben recherchierten oder auch angelesenen Realien reichlich in die weitverzweigten Erzählstränge ein.


John Irving: 
Königin Esther. 
Aus dem amerik.
Englisch v. Peter Torberg u. Eva Regul. 
Diogenes. 2025,
560 S.,€ 33,50

Autobiografisch grundiert, wie oft bei Irving, ist sein Protagonist James Jimmy Winslow, von Esther und einem gewissen Moshe Kleinberg scherzhaft „Little Mountain“ genannt, einem ebenfalls aus Wien stammenden Ringer, 1941 im damaligen Palästina gezeugt und in Pennacook, New Hampshire, seiner zweiten Mutter zur Aufzucht übergeben. Ihre willige Leihmutterschaft für ihren Schützling Honor Winslow, die zwar ein Kind, aber keinen „Penis in ihr“ wollte, hat Esther auch als Liebesdienst an deren Familie verstanden. Hatten die äußerst sympathischen Winslows die dreizehnjährige Waise einst als Nanny für Honor gleichsam adoptiert.

Abwesende Väter sind eines der Leitmotive des selbst vaterlos aufgewachsenen Irving, dessen Mutter übrigens eine geborene Winslow war. Sexuell verschiedentlich orientierte Menschen gehören neben Ringern und Prostituierten weiters zu dem hier neuerlich in etlichen Varianten präsentierten saftigen Figurenpanorama, dem Jimmy natürlich in seinem Studienjahr in Wien auch erotisch begegnet. Um sich, dem dringenden Wunsch seiner Mutter Honor folgend, dem Wehrdienst zu entziehen – es ist die Zeit des Vietnamkriegs, und alleinerziehende Väter müssen nicht zur Armee – schwängert er in Wien die Partnerin seiner lesbischen Wohnungsgenossin, woraus Tochter Vienna entsteht, die wiederum bei den Winslows aufwächst.

Im düsteren fremdenfeindlichen Wien der frühen Sechziger, auch Schauplatz früherer Romane, spielt nun fast die Hälfte der manchmal ziemlich bizarren Story, gipfelnd in einem grotesken Showdown zwischen Jimmys russischen KGB-Ringerfreunden und Wiener Antisemiten in der nachtschwarzen Dorotheergasse nahe dem „Hawelka“. 

Um das Wiener Milieu nicht nur in der Lokalszene möglichst authentisch zu zeichnen, bemüht Irving neben etlichen historischen Hinweisen auf berühmte Antisemiten wie Lueger und alte Nazis unter anderem etwa Simon Wiesenthal und dessen geheimnisvolle Kontakte zum Mossad, in dessen Dienst offenbar auch Jimmys attraktive jüdische Deutschlehrerin Annelies Eißler steht, die von Esther aus Israel ferngesteuert scheint. 

 „Jüdische Angelegenheiten“, über die sie nie Näheres verlauten lässt, treiben Esther, für die das Judentum seit ihrer Kindheit fast zur Obsession geworden ist, zuerst ins schon faschistische Wien, aus dem Juden bereits flüchten, und als glühende Zionistin schließlich nach Palästina, wo sie fast selbstverständlich im militanten Untergrund und später hochrangig bei der Armee aktiv ist. 

„Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, dass wir vertilgt, getötet und umgebracht werden“, ein Zitat aus der „Rolle Ester“, wie wir sie als Purim-Geschichte kennen, stellt Irving dem Roman voran und stilisiert seine Heldin im verbissenen Kampf für ihr Volk und den neuen Staat gleichsam als deren späte Wiedergeburt. 

Als ihr biologischer Sohn, inzwischen zum international erfolgreichen Schriftsteller herangereift, mit seiner jüdischen Identität ringt, stellt sie fest: „Es ist zu spät für dich, Jude zu sein, Jimmy. Du bist nicht in Angst aufgewachsen.“ 

Bereits vor dem fatalen 7. Oktober hat Irving seinen bisher 16. Roman in Kanada, wo der Amerikaner aus New Hampshire seit über 30 Jahren lebt, geschrieben. Vorboten der Tragödie will er schon bei seinem Aufenthalt 1981 geahnt haben. Dass Israel in seinem Existenzkampf nur die Wahl zwischen töten und getötet werden habe, legt er neben Esther auch israelischen Freunden in den Mund. Empathie mit der hier so explizit vertretenen „jüdischen Sache“ seiner „Königin Esther“ ist in diesem oft etwas chaotisch durch viele Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts mäandernden Buch nicht nur zwischen den Zeilen spürbar. Zu den vielfach vertrauten Szenarien und Leitmotiven aus dem großen Werk lernen seine Fans damit nun auch eine neue Facette John Irvings kennen. 

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