Avi Primor: „Kriege bringen nicht einmal dem Sieger etwas“

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Aus Frankfurt kommt der eine, aus Bordeaux der andere, zwei junge Juden, zwei überzeugte Patrioten. Für ihr jeweiliges Vaterland ziehen sie begeistert in den Krieg, der später der Erste Weltkrieg genannt werden sollte. In seinem ersten Roman lässt Avi Primor seine beiden Protagonisten aufeinandertreffen. Warum der israelische Diplomat in fortgeschrittenem Alter zum Debütanten wurde, erklärt er in einem Gespräch mit wina. Von Anita Pollak .

In der Wärme der väterlichen Backstube wächst Louis in Bordeaux auf, als ersehnter Sohn nach drei Töchtern, Ludwig als Einzelkind in einem preußisch geführten Arzthaushalt in Frankfurt. Ihre Bar Mizwa haben sie beide absolviert, die Synagoge besuchen sie nur selten, und als sie 1914 zu den Waffen gerufen werden, wollen sie vor allem tapfer dienen, der eine dem deutschen Kaiser, der andere der Grande Nation. Beide landen sie bald in der qualvollen Hölle der Schützengräben, in endlosen, zermürbenden Stellungskämpfen und blutigen Schlachten in Belgien und Frankreich. Während eines weihnachtlichen Waffenstillstands, als beide Seiten ihre Toten bergen, führt der Zufall sie erstmals zusammen. „Ich bin vorher nie auf den Gedanken gekommen, dass auf der anderen Seite auch Juden kämpfen“, meint Ludwig, aber ein „Dilemma“ ist das für ihn nicht. „Man ist Deutscher, und wer einem im Feld gegenübersteht, ist ein feindlicher Soldat, mehr nicht.“

„Noch vor wenigen Jahren hat man die Rolle Europas missachtet, heute sieht man das ganz anders.“

Einen ganzen langen Roman schreibt Avi Primor, um genau das zu schildern, zu erklären und als falsch zu entlarven. Sein Anliegen ist es nicht nur, die Sinnlosigkeit dieser vielleicht schauerlichsten aller Völkerschlachten aus der Perspektive der einfachen Soldaten in den Schützengräben zu zeigen (Juden brachten es trotz Übereifers nur selten zu höheren militärischen Rängen), sondern darüber hinaus den grundlegenden Irrtum jüdischer Kriegsbegeisterung. Jüdische Franzosen und Deutsche, Österreicher und Engländer begrüßten die Chance, sich durch besondere Tapferkeit als besonders loyale Patrioten zu erweisen, was, wie die Geschichte bald zeigen sollte, ihnen, sofern sie überlebten, nichts geholfen hat. Das Eiserne Kreuz so wenig wie das Croix de guerre, womit sich beide Helden Primors letztlich schmücken konnten. Der Dank der Vaterländer hatte sich darin erschöpft.

Thesenroman
Avi Primor:  Süß und ehrenvoll.  Aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze. Quadriga 2013,  384 S., € 20,60 (A)
Avi Primor:
Süß und ehrenvoll.
Aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze. Quadriga 2013,
384 S., € 20,60 (A)

So gesehen ist Süß und ehrenvoll ein Thesenroman, und das ist vielleicht auch seine literarische Schwäche. Primor treibt die Parallelen manchmal eine Spur zu weit, um das zu zeigen, was von Anfang an klar ist. Das Leid, die Opfer, die Grausamkeit des Krieges sind auf allen Seiten gleichermaßen schrecklich und absurd. Und der Antisemitismus ist mit jüdischem Heldentum nicht zu bekämpfen, in Deutschland so wenig wie in Frankreich.

Primor hat seine Recherchen gründlich gemacht und vieles an Fakten, wie etwa die bizarre „Judenzählung“ im deutschen Heer, auf die sich später Hitler berufen sollte, einfließen lassen. Auch einige historische Figuren lässt er vorkommen, und seine Lektüre tausender echter Soldatenbriefe fließt spürbar in den Roman ein. Denn Briefe sind es auch, in denen sich die Liebesgeschichten seiner Protagonisten spiegeln. Ludwig liebt Karoline, deren Eltern den jüdischen Freund strikt ablehnen, Louis liebt zur Freude beider Familien das jüdische Mädchen Elise. Seltene Heimaturlaube unterbrechen meist nur kurz die langen Perioden der ungestillten Sehnsucht, wovon die Feldpost Zeugnis ablegt.

Inmitten der zahlreichen Bücher, die im Gedenkjahr die verschiedensten Aspekte der Weltkriegstragödie beleuchten, ist Avi Primors Debütroman ein seltsam altmodischer Solitär, was vielleicht auf den Stil der deutschen Übersetzung zurückzuführen ist.

 wina: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, einen Roman über den Ersten Weltkrieg zu schreiben?

Avi Primor: Diese Idee hege ich schon lange, eigentlich seit meiner Universitätszeit. Ich interessiere mich für Geschichte überhaupt, insbesondere für jüdische Geschichte, und war immer etwas traurig darüber, dass man das große Engagement der Juden im Ersten Weltkrieg so gut wie vergessen hatte. Dieser Krieg war eine einmalige Erfahrung für die Juden, da sie sich auf allen Seiten so leidenschaftlich engagiert hatten. Das Jubiläum war für mich ein Anlass, diese Geschichte zu schreiben, weil es jetzt Interesse für das Thema gibt.

Sie haben etliche Sachbücher geschrieben, warum also jetzt einen Roman?

❙ Ich habe tatsächlich an ein Sachbuch gedacht, das die Rolle der Juden in allen Armeen beschreiben sollte. Ich habe ein Jahr lang nur geforscht und bin dabei rasch auf Briefe von Soldaten gestoßen, und je mehr von diesen Briefen ich gelesen habe, es waren zig Tausende, desto mehr wollte ich lesen. Ich habe dabei auf Vermittlung von Ursula Plassnik übrigens auch in Wien im Kriegsmuseum recherchiert, das eines der schönsten Kriegsmuseen der Welt ist. Bei der Lektüre der Briefe habe ich gefunden, dass das eine emotionale Geschichte ist, die eher in einem Roman zu schreiben ist. Da konnte ich allerdings höchstens zwei Länder darstellen und habe mit Frankfurt und Bordeaux die ältesten jüdischen Gemeinden der jeweiligen Länder ausgewählt.

Aus Frankfurt stammt ja Ihre Mutter, und die Mutter Ihres deutschen Protagonisten Ludwig heißt Selma wie sie. Gibt es da autobiografische Bezüge?

❙ Nein. Doch mein erstes Buch 1996, Mit Ausnahme Deutschlands, habe ich meiner Mutter gewidmet, deren gesamte Familie im Holocaust umgekommen ist. Sie selbst ist schon 1932 als 18-Jährige zu Besuch nach Israel gekommen, wo sie meinen Vater kennen gelernt hat und deshalb dort geblieben ist.

Wenn wir schon bei der Familiengeschichte sind. Im Roman werden zwei sehr unterschiedliche Vater-Sohn-Beziehungen geschildert. Ludwig hasst seinen Vater eigentlich, während Louis, der Franzose, seinen Vater über alles liebt. Sie haben Ihren Roman jetzt Ihrem Sohn gewidmet, also dürften Sie ein gutes Verhältnis haben.

❙ Ja, Daniel ist mein Jüngster, er hat das Technion ausgezeichnet absolviert und arbeitet als Wissenschaftler in der Armee.

Apropos Armee. Welche Lehre sollten insbesondere Juden aus dieser Kriegsgeschichte ziehen?

❙ Wenn es eine Lehre gibt, dann die, keinesfalls unsere Identität zu verleugnen. Wir sollten selbstbewusst sein, das führt auch zum Respekt der anderen. Der Ehrgeiz der Juden im Ersten Weltkrieg war es aber vor allem, keine Juden zu sein.

Der Titel Süß und ehrenvoll nach dem Horaz-Zitat „Dulce et decorum est pro patria mori“ kann ja nur zynisch gemeint sein. Ihr Buch ist sicherlich ein Antikriegsroman. Welchen Bezug hat er zur Gegenwart?

❙ Die Erfahrung, dass Kriege nur Nachteile bringen. Kriege bringen nicht einmal dem Sieger etwas.

Was bedeutet das für Israel?

❙ Israel muss Frieden schließen mit der arabischen Welt, weil wir sonst unsere Zukunft nicht sichern können. Als der Staat 1948 gegründet wurde, gab es 120 Mio. Menschen im gesamten arabischen Raum. Heute sind es 450 Millionen, und 2050 werden es nach Prognosen der UNO-Demografie-Experten 900 Millionen sein. Wie lange sollen wir gegen diese Welt als Feinde bestehen?

Sie haben an der Universität von Tel Aviv ein Zentrum für europäische Studien gegründet. Welche Bedeutung hat Europa heute für Israel?

❙ Eine zunehmende. Noch vor wenigen Jahren hat man die Rolle Europas missachtet, heute sieht man das ganz anders. Israel ist auch im positiven Sinn von Europa abhängig. In manchen Bereichen wie Wissenschaft und Forschung sogar mehr als von Amerika. Ich unterrichte europäische Studien in Tel Aviv, Ost-Jerusalem und Amann. Jetzt schicken wir sogar Studenten von dort gemeinsam an eine deutsche Hochschule.  

ZUR PERSON
Avi Primor wurde 1935 in Tel Aviv geboren und trat nach seinem Studium 1961 in den diplomatischen Dienst ein. Von 1993 bis 1999 war er Botschafter in Deutschland, wo er zu einer der wichtigsten Stimmen im deutsch-israelischen Dialog wurde. Primor leitet heute einen trilateralen Studiengang für israelische, palästinensische und jordanische Studenten am von ihm gegründeten Zentrum für europäische Studien. Er schrieb zahlreiche Bücher und erhielt hohe Auszeichnungen.

© apa picturedesk/Uwe Zucchi

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