„Beim Playback bist du gezwungen, der Maschine zu folgen“

Der Komponist, Arrangeur, Pianist und Sänger Roman Grinberg leitet u. a. den Wiener Jüdischen Chor und das Wiener Klezmer Orchester.

882
© Ronnie Niedermeyer

WINA: Du hast dich auf jüdische Musik in all ihrer Vielfalt spezialisiert. Wie lässt sich die Faszination erklären, die diese Musik auf Juden und Nicht-Juden ausübt?
Roman Grinberg: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Da es sehr viele Facetten der jüdischen Musik gibt, kann man nicht pauschal behaupten, dass sie alle eine Faszination ausüben – ganz gleich, ob auf Juden oder Nicht-Juden. Gewisse Ausrichtungen sprechen bestimmte Zuhörerschichten an. Es verhält sich ganz gleich wie mit allen anderen Genres: Der einen gefällt das, dem anderen gefällt jenes. Ich bin aber sehr froh, in Wien zu leben, wo ein großer Teil der Menschen die Qualität in der Musik wahrnimmt.

Was sind deine ersten musikalischen Erinnerungen aus deinem Geburtsort, dem „Schtetele Belz”?
Meine Eltern waren Musiker, und bei uns zu Hause wurde eigentlich immer viel musiziert. Meine ersten bewussten Erinnerungen daran sind jiddische, russische und Roma-Lieder, die mein Vater mit seiner Klezmerkapelle bei uns zu Hause geprobt hat. Diese Musik hat mich damals schon sehr berührt, und diese frühen Erfahrungen haben mich wohl auch geprägt. Heute ist es so, dass ich trotz all meiner Ausbildungen und Weiterbildungen und trotz meines großen und aktiven Interesses an Klassik, Jazz, Pop und Rock – oder gerade deshalb –, noch immer jedes Mal aufs Neue die Kraft spüre, die in echter Volksmusik steckt.

In der Euphorie um den Siegerbeitrag des diesjährigen Eurovision Song Contest warst du eine der wenigen kritischen Stimmen. Was für Schwächen hat Netta Barzilais Toy?
Ich will es mal so sagen: Nach meinem Verständnis hat nicht der beste Song gewonnen. Ja, klar, Netta ist eine großartige Performerin, aber das steht ja außer Zweifel. Das war jedem, der sich damit beschäftigt hat, schon im Vorfeld klar. Die Frau ist eine Wucht. Die Message war sehr gut von den „Machern” durchdacht und hat den Zeitgeist voll getroffen. Auch das Marketing war perfekt. Aber es gab bessere, schönere, interessantere Lieder, deren Melodien sich eindringlich einen Weg ins Gehör verschafften, und andere, deren Texte interessanter, vielleicht sogar poetisch waren. Ich will den Beitrag gar nicht kritisieren. Das Gesamtpackage hat gewonnen, und es ist gut so. Ich freue mich sehr für Netta und natürlich für Israel. Aber ich hätte Netta und uns allen einfach ein schöneres Lied gegönnt, das man – wie z. B. A-Ba-Ni-Bi oder Halleluja oder auch Chai – auch noch nach mehreren Jahrzehnten immer wieder gerne hört.

»Ich spüre jedes Mal aufs Neue die Kraft,
die in echter
Volksmusik steckt.«

Gute Musik ist zeitlos, doch das Konsumverhalten ist schnelllebig. Welche Veränderungen in der Musikbranche konntest du im Lauf deiner Karriere beobachten?
Viele Menschen sind nicht mehr bereit, sich eine gute Band für ihr Fest zu leisten. Man ist es gewohnt, jede Musik zu jeder Zeit gratis im Internet zu hören – und hat es verlernt, sich mit lebendigen, echten Musikern auseinanderzusetzen. Mein Betätigungsfeld sieht heute ganz anders aus als noch vor zehn Jahren. Musik schreiben, Konzerte geben, auf internationalen Festivals auftreten und Workshops leiten – das ist es, was mich heute beschäftigt und worin ich sehr viel Zufriedenheit erfahre. Ich habe das Glück, mit den besten Musikern, die es hierzulande gibt, regelmäßig auf der Bühne zu stehen. Dieses Gefühl, wenn die Band hinter dir groovt und mit all deinen Emotionen mitgeht, ist unbeschreiblich. Das ist es, was das Publikum unmittelbar spürt und immer wieder erleben möchte. Ein Playback – und sei es auch von der Qualität des ESC – kann eine Band oder ein Orchester nicht ersetzen. Wird eine Sängerin oder ein Sänger von einem Ensemble live begleitet, folgt dieses dem Sänger und durchlebt mit ihm die emotionalen Regungen, die so wichtig für gute Musik sind. Wenn aber ein Sänger oder eine Sängerin zum Playback singt, dann verhält es sich umgekehrt – sie oder er ist gezwungen, der Maschine zu folgen. Da sind keine Zeit und kein Raum für Gefühlsentfaltung, da geht es lediglich um Präzision. Denn die Maschine gibt den Takt an.

Du bist bereits mit einigen weltberühmten Musikern aufgetreten. Mit wem würdest du noch gerne zusammenarbeiten, und aus welchen Gründen?
Ich hatte schon das große Vergnügen, mit Stars der jüdischen Musik wie Dudu Fisher, Frank London und Lorin Sklamberg, mit Cantor Yitzchak Meir Helfgot, Avraham Fried und Mordechai Ben David, mit Michael Alpert und der unvergesslichen Adrienne Cooper gemeinsam zu musizieren und viele Duette gesungen zu haben. Von ihnen allen habe ich etwas gelernt und für mein Leben mitgenommen. Ich würde – und werde – auch noch in Zukunft mit ihnen musizieren. Aber ich habe drei kleine Enkelkinder: Ben (7), Ron (5) und Nora (zwei Jahre alt). Sie singen meine jiddischen Lieder auswendig. Mit ihnen würde ich gerne irgendwann einmal gemeinsam auf der Bühne stehen. Warum? Na, weil es bedeuten würde, dass ich noch als alter Mann gemeinsam mit der Jugend aktiv musizieren kann und am Puls der Zeit bleibe!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here